Genial, gemein und Pazifist

Albert Einstein in seinem Arbeitszimmer in der Haberlandstraße 5 im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg.
Albert Einstein in seinem Arbeitszimmer in der Haberlandstraße 5 im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg.

2015 war auch 100 Jahre Relativitätstheorie, mit der Einstein die vielleicht größte Einzelleistung in der Geschichte der modernen Wissenschaft vollbracht hat. Seitdem ist auch die Zahl der Bücher über ihn fast unüberschaubar geworden. Jetzt ist noch eines dazu gekommen.

Berlin (dpa) – Albert Einstein war genial, gemein und pazifistisch. Als Wissenschaftler erhielt er den Nobelpreis für Physik, als Ehemann und Vater war er weitgehend ein Versager und als entschlossener Kriegsgegner hielt er im Ersten Weltkrieg in der damaligen Reichshauptstadt, umgeben vom Hurrageschrei auch vieler Kollegen, tapfer stand. Einstein entwickelte vor nunmehr 100 Jahren seine Relativitätstheorie, die von vielen als «die größte Einzelleistung in der Geschichte der modernen Wissenschaft» angesehen wird.
Gleichzeitig war der Wissenschaftler angesichts der Kriegsgräuel tief erschüttert darüber, «welch trauriger Viehgattung man angehört». Auch die «feingebildeten» Deutschen bildeten «die beste Gewähr für die Aufrechterhaltung des politischen Sumpfes», notierte der «moderne Kopernikus» 1915. «Die Professoren haben in diesem Krieg zur Evidenz gezeigt, daß man von ihnen in politischen Dingen nichts lernen kann.»
Besonders sein Förderer Fritz Haber enttäuscht ihn, als der sich als nationalistischer «Vater der Gaskriegsforschungen» entpuppt. Zitiert werden die Sätze vom Autor Thomas de Padova in seiner neuen Einstein-Biografie, die sich nur den Jahren Einsteins im Ersten Weltkrieg in Berlin widmet («Allein gegen die Schwerkraft – Einstein 1914-1918», Hanser Verlag).
«9.11. – fiel aus wegen Revolution», trägt der leidenschaftliche Pazifist und «Obersozi» unter den Akademikern, wie Einstein sich selber sah, am 9. November 1918 in sein Berliner Vorlesungsverzeichnis ein. An jenem Tag, an dem Karl Liebknecht vom Berliner Schloss gegenüber der Universität und Philipp Scheidemann vom nahegelegenen Reichstag nach dem Sturz der Monarchie die Republik ausrufen.
Über diese turbulenten Jahre auch in Einsteins Leben hat der Autor weder eine schwergewichtige Biografie noch eine oberflächliche Daten-Fakten-Anekdotensammlung geschrieben. Vielmehr gibt er einen gut lesbaren und doch anspruchsvollen und aufschlussreichen Einblick in Einsteins entscheidende Berliner Jahre zwischen Physik, Musik, Eheproblemen und politischer Weltlage.
Dabei gelingt de Padova das Kunststück, sowohl Einsteins Relativitätstheorie dem «Normalleser» anschaulich näher zu bringen als auch den politisch-gesellschaftlich engagierten wie auch den privaten Menschen mit seinen Vorzügen und Schattenseiten, besonders im Umgang mit Frauen und Familie, darzustellen. Die Ehe sah der zweimal verheiratete Einstein grundsätzlich an als «eine Art Sklaverei im kulturellen Gewand», an seinem Leben werde sich dabei gar nichts ändern.
Der Autor zitiert auch ein «schäbiges Dokument» des «tyrannischen Ehegatten» (de Padova), der andererseits aber auch Frau und Kindern in der Schweiz, von denen er sich trennen will (weil eine Cousine als neue «Flamme» bereits in Berlin wartet), anbietet, das Preisgeld eines möglichen Nobelpreises, mit dem der Physiker fest rechnet, im Voraus abzutreten. Er wird seit Jahren für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht, 1921 ist es soweit. Eine außergewöhnliche Verfügung in der Geschichte des Nobelpreises, wie der Buchautor betont. Am gleichen Tag jedenfalls, an dem Einstein am Reichstagsufer in Berlin einen Vortrag über Quantenphysik hält, bereitet er die Trennung von seiner ersten Frau vor (mit Verhaltensmaßregeln in Zukunft, sie soll den Mann vor allem nicht mehr belästigen).
Als Einstein nach Berlin gerufen wird, gilt die aufblühende Hauptstadt des deutschen Kaiserreiches als Mekka der internationalen Wissenschaft. Dem jungen Physiker wurde im Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem von Kollegen wie Fritz Haber und Max Planck, deren politischen «Hurrapatriotismus» Einstein nicht teilte, der Rote Teppich ausgerollt mit außerordentlich großzügigen Konditionen.
Aber Einstein hatte auch private Gründe, von Zürich nach Berlin zu wechseln. Es zog den unglücklich gewordenen Ehemann zu seiner Cousine, die er später auch heiraten sollte – nachdem er schwankte, ob er nicht doch lieber deren Tochter heiraten sollte. «Hauptsächlich deshalb verschmerze ich die mir sonst odiose» (verhasste) «Großstadt sehr gut.» Das Tempo und die Größe der Stadt waren ihm fremd, die Berliner seien roh und primitiv, ohne «persönliche Kultur». Und erst das preußische Militär: Wenn jemand Freude daran habe, bei Musik in Reih‘ und Glied zu marschieren, dann habe er sein Gehirn nur irrtümlich bekommen.
Aber der Wissenschaftler, der als Schweizer vom preußischen Militärdienst unbehelligt bleibt, fand in Berlin seinen Freiraum für seine Forschungen über Schwerkraft, Zeit und Raum, die nicht weniger als ein neues Weltbild zum Ziel hatten und die bisherigen Vorstellungen vom Universum verändern sollten. Auch bei Spaziergängen im Grunewald und bei Segeltörns auf dem Wannsee oder in seinem Haus bei Caputh konnte Einstein seinen Theorien nachgehen. 4170_p13b
Zwischendurch eilte er mit dem Geigenkasten unter dem Arm durch den Grunewald zu Hauskonzerten in der Villa von Max Planck. Sein geistiges, quasi virtuelles «Arbeitszimmer» hatte er aber überall, wie er es einmal sagte, manchmal vergisst er das Mittagessen oder den Schlaf. Ihn trieb der Gedanke um, dass unter dem Einfluss der Gravitation die Zeit zum Stillstand kommen könnte. «Ich muss wissen, was mit den Insassen eines Aufzugs geschieht, der ins Leere fällt» – am liebsten würde er dazu als Insasse noch während der Fahrt selbst die Aufzugsseile kappen. Inmitten der schlimmsten Phase des Krieges bei Verdun und an der Somme vertieft sich Einstein in seine Physik.
«Im Krieg traten einige Facetten seiner komplexen Persönlichkeit besonders zum Vorschein», betont der Autor in seinem Nachwort. Dazu gehörten «sein tiefes Mitgefühl und seine geistige Unabhängigkeit bis hin zur Eigenbrötlerei, sein soziales Verantwortungsbewusstsein und seine verstörende Abwesenheit als Vater, seine Heimatlosigkeit und seine Solidarität mit dem Judentum» wie auch seine Aversion gegen alles Militärische, «sein elitäres Bewusstsein und seine Bescheidenheit, sein Sarkasmus wie auch eine tiefe Melancholie».
Vor allem aber habe Einstein auch in Fragen der Politik den Mut gehabt, «sich seines eigenen Verstandes zu bedienen». Dafür avancierte er nach dem Krieg zu einer Leitfigur und wurde im brodelnden Berlin der Weimarer Republik zu einem Medienstar, auch als Segler auf dem See an seinem Häuschen in Caputh bei Potsdam. Bis zuletzt hoffte Einstein zusammen mit anderen Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern wie Käthe Kollwitz, Heinrich Mann oder Arnold Zweig auf eine antifaschistische Einheitsfront, vergeblich, und emigrierte schließlich wie nach ihm Thomas Mann und viele andere in die USA.

Info: Allein gegen die Schwerkraft; Einstein 1914 – 1918; Thomas de Padova, Carl Hanser Verlag, ISBN-10: 3446444815

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