Der Geistliche und die «deutschen Häuser» von Valdivia

Man nennt sie hierzulande «deutsche Architektur», aber was bedeutet das eigentlich? Damit können verschiedene Häuserarten gemeint sein, so zum Beispiel der Stil der alten, gut erhaltenen Patrizierhäuser der Stadt Valdivia. Sie wurden vor über 100 Jahren von deutschen Einwanderern beziehungsweise deren Nachkommen erbaut. Heute befinden sie sich zum Teil in Händen der Erben dieser Familien. Andere sind zu Museen umgestaltet worden.

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Die Casa Anwandter in Valdivia, heute im Besitz der Universidad Austral

Es sind Bauten, die eine bewegte Geschichte hinter sich haben. Sie haben 1909 den verheerenden Stadtbrand und 1960 das katastrophale Erdbeben überstanden.
Im März 2014 stellten Pater Gabriel Guarda in Zusammenarbeit mit Hernán Rodríguez Villegas, dem Direktor des Museo Andino, den großformatigen Bildband «Casas de Valdivia. Herencia alemana» («Häuser aus Valdivia. Deutsches Erbgut») vor. Die Einführung erfolgte – passend zum Thema – in dem Casa Hoffmann, direkt am Fluss. Auf 265 Seiten zeigt das Buch Bauten eines einzigartigen Typus, die, wie es Cecilia Valdés so treffend formulierte, «im Dialog mit der Valdivianer Landschaft und dem deutschen Erbe entstanden».
Über 20 Häuser sind in dem Werk abgebildet. Pater Guarda meint dazu, dass der Ausdruck «casas alemanas» («deutsche Häuser») nicht genau zutrifft: «Nicht immer wurden sie von Deutschen gebaut», erläutert er, «und dazu gehören sie zu einer Typologie, die in jenem Land nicht existiert hat. Die Bauten, die hier überdauerten, unterscheiden sich vollkommen von denjenigen, die die Einwanderer um 1850 errichtet haben».

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Pater Gabriel Guarda – Geistlicher, Historiker und Architekt

Die Innenräume sind meist von erlesener Schönheit, ihre Ausstattung geschmackvoll, und die weiten Korridore vermitteln nicht selten dem Bauwerk einen hochherrschaftlichen Charakter. Die Ausschmückung pflegten die Erbauer in erlesenen Stilen zu besorgen, wie Art Decó, Art Nouveau oder Jugendstil.
Die meisten dieser Häuser wurden bezeichnenderweise nicht von Architekten entworfen. Baumeister und Zimmermänner übernahmen oft diese Arbeit. Auch gute Möbelhersteller waren am Werk, besonders Experten, die mit Holzarten wie Lingue und Alerce gut umgehen konnten.
Die Häuser auf der Insel Teja waren seinerzeit vom Festland getrennt. Es gab keine Brücken, die zum Eiland führten. Daher hatte jedes Grundstück seinen eigenen Anlegesteg und der Verkehr erfolgte mit Booten. Pater Guarda unterstreicht: «Sie waren sehr gastfreundlich und gebildet. Jedermann spielte Klavier und im Sommer nahmen sie in den Booten die Musikinstrumente an den Strand. Sie lasen die Klassiker und Gegenwartsliteratur. Zwischen 1880 und 1900 reiste man mehr nach Berlin und Wien als nach Frankreich.»
Gabriel Guarda Geywitz kennt die Stadt mit den alten schönen Häusern wie seine Westentasche. Er wurde 1928 in Valdivia in eine katholische Familie hineingeboren, die ihm die Liebe zur guten Lektüre vermittelte, besonders wenn es sich dabei um Geschichtsthemen handelte. Nach seinem Schulabschluss im Jahre 1947 studierte er in Santiago an der Universidad Católica Architektur. Zeitgleich besuchte er täglich die Sala Medina der Nationalbibliothek, um sich über die Geschichte seiner Heimatstadt zu unterrichten.
Guillermo Feliú Cruz, damals Archivar dieser Abteilung, interessierte sich für die Arbeit des Studenten und spornte ihn in seiner Forschungstätigkeit an. 1953 veröffentlichte Guarda sie mit dem Titel «Historia de Valdivia: 1552-1952». Als er 1958 sein Architektendiplom erhielt, hatte er seine Geschichtskenntnisse bereits mit Schülern von Jaime Eyzaguirre erweitert. Im gleichen Jahr trat er dem Benediktinerorden bei. 1968 erhielt er die Priesterweihe. Im gleichen Jahr begann er an der Theologiefakultät der Universidad Católica Kirchengeschichte zu lesen. Parallel dazu lehrte er Stadtgeschichte an der Architekturfakultät.
In den 1970er Jahren begann er Aufsätze und Bücher über Geschichtsthemen zu veröffentlichen, unter denen «Historia Urbana del Reino de Chile» ein gewisses Aufsehen erregte. Es folgten weitere geschichtliche Abhandlungen über die Gesellschaft im Süden des Landes, besonders auf Valdivia und Osorno bezogen. 1984 erhielt Guarda den Nationalpreis für Geschichte.

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Pater Guarda spielte am Bau der Kathedrale Valdivias eine herausragende Rolle.

Der Gelehrte setzte sich außerdem für das architektonische Erbe von Chiloé, Osorno, Valdivia, Colchagua und dem Elqui-Tal ein.
Außerdem spielte er bei dem Bau des Benediktinerklosters von Las Condes und der Kathedrale von Valdivia eine herausragende Rolle. Pater Guarda wurde für diese und weitere hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Architektur 2003 mit dem Centenario-Preis und 2004 mit dem Premio Conservación de Monumentos Nacionales ausgezeichnet.
Der von Pater Guarda und Hernán Rodríguez herausgegebene Bildband ist ein weiteres Werk in der Reihe der zahllosen herausragenden Leistungen dieses Geistlichen. Er und sein Mitstreiter vermitteln dem Leser auf anschauliche Weise lang vergangene Zeiten der liebenswerten Flussstadt Valdivia. Dies glückt ihnen nicht nur durch die ausgezeichneten Fotografien, sondern auch mittels des informativen Begleittexts.
Guarda und Rodríguez gingen mit Liebe zur Sache und bringen längst vergessene Fakten an die Öffentlichkeit. So zum Beispiel, dass «Valdivia seinerzeit das Profil einer europäischen Stadt aufwies: Man konnte die Häuserblöcke des Stadtkerns durchgehen, ohne im Winter nass zu werden und im Sommer, ohne aus dem Schatten zu kommen». Ein Buch von bleibendem Wert, ohne Zweifel, das nicht nur Architektur- und Geschichtsinteressierten Freude macht.

Walter Krumbach

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