Gedanken zum 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt

Am 22. Juni jährte sich der Geburtstag von Wilhelm von Humboldt zum 250. Mal. Grund genug für das Lehrerbildungsinstitut LBI seines Namenspatrons zu gedenken. Während der gesamten Woche wurde in den Seminaren der Bezug zu Humboldt und seiner Idee von Bildung gesucht. Auch an den Schulen haben die Studentinnen und Studenten während ihrer Praktika Humboldt in ihren Unterricht eingebaut, um auf seine Aktualität hinzuweisen.

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war ein preußischer Staatsmann. Auf ihn geht die Gründung der Humboldt-Universität zu Berlin zurück. Der Gelehrte gilt als eine der großen Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte.
Wilhelm von Humboldt (1767-1835) war ein preußischer Staatsmann. Auf ihn geht die Gründung der Humboldt-Universität zu Berlin zurück. Der Gelehrte gilt als eine der großen Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte.

 

 

Von Dr. Jochen Fritz
Rektor des Lehrerbildungsinstituts Wilhelm von Humboldt
Director General der Escuela de Pedagogías en Alemán, Universidad de Talca

 

Aber, wie aktuell ist Wilhelm von Humboldt 250 Jahre nach seiner Geburt und 16.000 km von seiner ursprünglichen Wirkungsstätte entfernt? Wie kaum ein Zweiter verkörpert Wilhelm von Humboldt die Tugenden und Qualitäten des deutschen Bildungssystems. Der Versuch, sein Leben in einigen Stichpunkten zusammenzufassen, muss vor der schieren Fülle seiner Aktivitäten, vor der Energie seiner Persönlichkeit und vor der Breite seines Vermächtnisses an die Nachwelt kapitulieren. Diplomat, Minister, Bildungsreformer, Gelehrter, Universitätsgründer … Er verkörperte den Reformgeist seiner Zeit, schuf Großes und Bleibendes und seine Ideen inspirierten eine Vielzahl von Bildungseinrichtungen in der ganzen Welt.

 

In besonderer Weise ist sein Name mit den Reformen des preußischen Bildungssystems verbunden, dem er in erstaunlich kurzer Zeit wesentliche Impulse verlieh, die für die Entwicklung des Kultussystems in ganz Deutschland prägend blieben. Hierzu gehört zunächst die Entwicklung eines einheitlichen Lehrerexamens, durch welches die Unterrichtsqualität an den neu eingerichteten Gymnasien garantiert wurde.

An dieser Stelle wird auch deutlich, wie treffend der Name Humboldt bei seiner Gründung von den Deutschen Schulen in Chile für das LBI gewählt wurde, das ja seit über 25 Jahren ein eigenständiges bilinguales Studienprogramm für ErzieherInnen und LehrerInnen in Chile anbietet. Klarer kann man kaum in den Fußstapfen von Humboldts wandeln, als seine Idee, dass Lehrerbildung der Grundstein für erfolgreiche Schulbildung darstellt, zur Wirkung zu bringen. Und so tragen die knapp 300 am LBI ausgebildeten ErzieherInnen und LehrerInnen dazu bei, dass die Gemeinschaft der Deutschen Schulen auf qualifizierte Lehrkräfte zurückgreifen kann.

Aber Humboldts Reformen betrafen nicht nur die Ausbildung der Lehrer, sondern auch die Aufteilung des schulischen Bildungsganges für alle Kinder und Jugendlichen. Primarschule, Sekundarschule und schließlich die Universität sollten es jedermann ermöglichen, eine möglichst umfangreiche Bildung zu erlangen und damit eine konstruktive Rolle in der Gesellschaft einzunehmen.

Die geläufige Einteilung in die verschiedenen Schulstufen findet hier ihren Ausgangspunkt und jeder dieser Stufen entspricht ein spezielles Lehrerprofil. So hätte es Humboldt sicherlich gutgeheißen, dass seit drei Jahren auch ein Studiengang für Media-Deutschlehrer angeboten wird und damit alle Altersstufen ihnen gemäße Lehrkräfte haben.

Wilhelm (2. v. l.) mit Schiller, seinem Bruder Alexander und Goethe in Jena
Wilhelm (2. v. l.) mit Schiller, seinem Bruder Alexander und Goethe in Jena

Humboldt selbst war – bei aller Effizienz und Weitsicht, die er in der Umsetzung seiner Bildungsideale zeigte – zunächst gar nicht begeistert von der Aussicht, ein Amt als Bildungspolitiker zu übernehmen. Vordergründig mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass er Gesandter beim Apostolischen Stuhl in Rom war, als ihn das Angebot erreichte. Sein Leben als Diplomat und Privatgelehrter wollte er offensichtlich nicht sofort aufgeben.

Entscheidender ist aber vermutlich, wenn man seine gesamte Persönlichkeit mit einbezieht, dass ihm die Prinzipien der humanistischen Bildung wichtiger waren als eine strukturorientierte Umsetzung. So ist dann auch sein Name weit mehr mit dem Ideal einer allumfassenden Bildung jedes einzelnen Menschen verbunden, als mit Erlassen und Verordnungen, die dieses Bildungsideal auf dem Amtswege vorantreiben. Für ihn war die Idee einer Integration aller Fähigkeiten, die der Einzelne hat, in eine Gesamtpersönlichkeit wichtiger. Sein Idealismus hatte ihn erkennen lassen, dass eine Zielvorstellung mehr zu Wege bringt, als ein minutiöses Abarbeiten von Einzelschritten.

Hier hat ihm Mancher ein elitäres Menschenbild vorgeworfen: der Adlige, der als Kind nie eine Schule von Innen gesehen hatte, sondern – in seiner Zeit üblich – von angesehenen Privatlehrern gemeinsam mit seinem Bruder Alexander individuell gebildet wurde. Doch seine visionäre Kraft lag gerade darin, ein elitäres Programm für alle zugänglich zu machen und auch zukünftigen Handwerkern das Erlernen des Griechischen zuzutrauen. Und dabei den Wert zu sehen, den das Erlernen einer Sprache hat, auch wenn sie für die unmittelbare Berufsausübung nicht notwendig ist. So inspiriert sich gerade der starke künstlerische und musische Anteil der Ausbildung am LBI an diesem ganzheitlichen Menschenbild, das Humboldt zur Grundlage seiner Bildungstheorien machte.

 

Denkmal Wilhelm von Humboldts vor der Humboldt-Universität in Berlin
Denkmal Wilhelm von Humboldts vor der Humboldt-Universität in Berlin

Der wohl bekannteste Ausdruck dieser ganzheitlichen Bildung des Individuums findet sich in Humboldts Vorstellung der Einheit von Forschung und Lehre. Die Studenten sollen nicht mit dem Wissen ihrer Professoren erschlagen werden, sondern die Aufgabe der Universität soll es sein, das Studium als eigenständige Forschung zu etablieren. Ein gemeinsames Lernen wird dadurch möglich, dass jeder zu jeder Zeit weiß, worum es für ihn bei diesem Thema geht.

Man sieht deutlich, wie stark dieses Ideal die deutsche Bildungstradition bestimmt hat. Heute spricht man von Individualisierung, Förderung der Selbstständigkeit und entdeckendem Lernen. Diese Prinzipien sind es, die das Erbe Humboldts ausmachen und die einen überzeitlichen Wert beanspruchen können. Daher auch die zentrale Stellung, die das LBI ihnen in seinen Studiengängen beimisst, denn nur durch die Herausbildung individueller Lehrerpersönlichkeiten kann die Grundlage dafür geschaffen werden, dass Bildung von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Den krönenden Abschluss seines Wirkens bildet in dieser Perspektive die Gründung der Universität zu Berlin. Worin könnte der Wille zur Festigung der Bildungsbestrebungen einer ganzen Nation besser ihren Ausdruck finden? Erst durch die Errichtung einer Institution wie der Universität kann für Bildungsbemühungen des Einzelnen ein Rahmen geschaffen werden, der es ihm ermöglicht, seine Talente und Fähigkeiten auszuschöpfen.

So können wir denn sicher sein, dass die Namensgebung für das Lehrerbildungsinstitut der Deutschen Schulen Chiles in Humboldts Sinne gewesen wäre und dass ihn die Kooperation des LBI mit der Universität Talca zutiefst erfreut hätte, folgt sie doch genau jenem Geist, einen institutionellen Rahmen für die höhere Bildung zu schaffen, der ihm am Herzen lag. Dass die Lehramtsstudiengänge seit dem Jahr 2015 an der Escuela de Pedagogías en Alemán der Universidad de Talca auf dem Campus Santiago – LBI angeboten werden und damit universitären Status haben, hätte ihm sicherlich gefallen.

 

Gefallen hätten ihm – dem Modernisierer und Erneuerer des Bildungswesens – dass die Escuela de Pedagogías en Alemán seine Ideale aufnimmt und weiterdenkt. So bedeutet die Einheit von Forschung und Lehre heute eben nicht mehr nur das Studium von Büchern, sondern das beständige Erproben der Gelernten in der Praxis und die Reflexion dieser Praktika gemeinsam mit den Dozenten.

Die Globalisierung hat Einzug gehalten und entsprechend schulen die Studierenden ihr interkulturelles Verständnis und ihren Bezug zu Europa durch Studienaufenthalte in deutschsprachigen Ländern. Und selbstverständlich wird das Thema der umfassenden Digitalisierung der Bildung durch entsprechende Angebote entwickelt – ein einjähriges Aufbauprogramm der Escuela ist bereits komplett online studierbar.

Der Name Wilhelm von Humboldt verbürgt heute eine stolze Tradition, er bedeutet aber auch die Verpflichtung, in der Bildung das voran zu treiben, was seinen Anliegen entspricht. So wird sein Name nach 250 Jahren zum Ansporn, Bildung für die Zukunft zu gestalten.

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*