Unterschätztes Genie – Mitbegründer der deutschen Romantik

Zum 220. Geburtstag von Franz Schubert (1797-1828)

Franz Schubert
Schubert-Porträt von Wilhelm August Rieder (1875), nach einer Aquarellvorlage von 1825

Als am 29. März 1827 Franz Schubert in Wien an Ludwig van Beethovens Sarg als Fackelträger teilnahm, konnte er nicht ahnen, dass er dem großen Kollegen kaum ein Jahr später in den Tod folgen sollte. Franz Schubert starb im November 1828, kaum 31-jährig. Sein allzu kurzes Leben war jedoch kein Hinderungsgrund, dass er eine Unmenge an Werken bester Qualität hinterließ. Schubert komponierte allein über 600 Lieder, meist für einen Solisten mit Klavierbegleitung.

 

Von Walter Krumbach

Sein Traum war es jedoch, wie Beethoven sinfonische Werke großen Ausmaßes zu schreiben. Diesen Wunsch erfüllte er sich zwar, aber einen nennenswerten Erfolg sollte er damit nicht erleben. Ebenso hatte er lebhaftes Interesse an der Oper. Er komponierte verschiedene Stücke für die Bühne, von denen jedoch nur ein minimaler Prozentsatz zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde.

Franz Schubert wurde am 31. Januar 1797, fünf Jahre nach Mozarts Tod, nahe bei Wien geboren. Sein Vater war Lehrer und Schulleiter, seine Mutter hatte sich vor ihrer Heirat den Lebensunterhalt als Köchin verdient.

Franz war kaum fünf, als der Vater ihm den ersten Geigenunterricht erteilte. Mit sieben erhielt er Orgelunterricht und mit knapp zwölf wurde er Sängerknabe der Wiener Hofmusikkapelle und des kaiserlichen Konvikts. Bald konnte er sich als Solist hervortun, lernte in seiner Eigenschaft als Violinist verschiedene Werke von Mozart und Haydn und genoss bei keinem Geringeren als Antonio Salieri Kompositionsunterricht.

1814 schrieb Schubert seine erste Oper, «Des Teufels Lustschloss» und die Messe Nr. 1 in F-Dur. Die Uraufführung der Messe erfolgte im September des gleichen Jahres und stellt die erste öffentliche Aufführung eines seiner Werke dar.

Der Erfolg wollte sich jedoch nicht einstellen. Unbeirrt schuf Schubert neue Werke und erweiterte seinen Freundeskreis. So wurde er mit dem Bariton Johann Michael Vogl bekannt, der die außerordentliche Begabung des jungen Tonschöpfers sogleich feststellen konnte. Vogl war einer der bedeutendsten Sänger des Theaters am Kärntnertor. Er trug Schuberts Lieder in literarischen Salons zu dessen höchster Zufriedenheit vor, wobei er vom Autor in ebenso vortrefflicher Weise auf dem Klavier begleitet wurde.

Leopold von Sonnleithner, aktives Mitglied der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, erkannte Schuberts Talent und wurde sein Gönner. Er organisierte musikalische Abende, zu denen er kulturell interessierte Freunde einlud. Hier wurden im Beisein des Komponisten seine Werke aufgeführt. Diese Treffen wurden bald als «Schubertiaden» bekannt, an denen so angesehene Persönlichkeiten wie die Maler Moritz von Schwind und Ludwig Schnorr von Carolsfeld oder der Komponist und Dirigent Franz Lachner teilnahmen.

Franz Schubert Karikatur
Karikatur aus dem Jahr 1825: «Michael Vogl und Franz Schubert ziehen aus zu Kampf und Sieg»

Schubert hatte kein festes Einkommen. Seine Konzerte brachten ihm nichts ein, und die Verleger zeigten noch kein Interesse an seinen Arbeiten. Er war einzig auf die Großzügigkeit seiner Freunde angewiesen. Etliche seiner Klaviersonaten entstanden damals, ebenso einige seiner bekanntesten Lieder, wie «Ganymed», «Der Tod und das Mädchen» und «Die Forelle».

Schubert hatte die einzigartige Gabe, einen vorgegebenen Text anscheinend mühelos zu vertonen. Dabei trifft er stets mit seiner genialen Eingebung den Charakter des Gedichtes. Oft haben seine Lieder eine Spieldauer von kaum drei Minuten. Was aber in diesem knappen Zeitraum geschieht, versetzt in Erstaunen. So etwa der «Erlkönig», Goethes berühmte Ballade, die er an einem Tag zu Papier brachte. Nach der dramatischen Einleitung, in der das Klavier mit wiederholten, akzentuierten Oktaven den Ritt markiert, treten vier Figuren auf, denen Schubert jeder einen kennzeichnenden Charakter verleiht: dem Erzähler, dem verzweifelten Vater, dem phantasierenden Sohn und dem lockenden Erlkönig.

Im Jahr 1820 hatte sich sein Stil gefestigt. Im Juni führte er im Theater am Kärntnertor das Singspiel «Die Zwillingsbrüder» auf und im August hatte im Theater an der Wien die Oper «Die Zauberharfe» Premiere. Der Erfolg war bescheiden. Zeitgleich hatte Vogl wiederholt den «Erlkönig» öffentlich vorgetragen. Schubert wurde allmählich bekannt, sodass der Verleger Anton Diabelli nunmehr überzeugt werden konnte, einige seiner Werke zu veröffentlichen.

Langsam festigte der Komponist sein Selbstvertrauen und wagte sich an weitere Opernkompositionen. «Alfonso und Estrella» (1821-22) und «Die Verschworenen» (1823) wurden von der Theaterleitung abgelehnt, «Fierrabras» (1823) nach wenigen Proben abgesetzt. Seine Musik zum Schauspiel «Rosamunde» von Helmina von Chézy dagegen gelangte zur Aufführung, fiel aber durch und wurde nach der ersten Wiederholung vom Spielplan gestrichen.

Franz Schubert war nun mittlerweile 26. Ein durchschlagender Erfolg konnte sich nicht einstellen, was ihm mit fortschreitendem Alter große Sorgen bereitete. Schubert wurde dickleibig und verfiel dem Alkoholgenuss. 1823 musste er sich in einem Krankenhaus behandeln lassen. Anscheinend hatte er sich ein venerisches Leiden zugezogen. An seinen Freund, den Maler Leopold Kupelwieser, einer aus dem Schubertianer-Kreis, schrieb er: «Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen der Welt.»

Im Jahr 1825 unternahm Schubert eine Reise nach Oberösterreich. Er komponierte dort die C-Dur-Sinfonie und die Klaviersonate D 850. Im folgenden Jahr bewarb er sich erfolglos als Vizekapellmeister an der kaiserlichen Hofkapelle. Im März 1828 glückte es ihm, sein einziges öffentliches Konzert zu geben. In der folgenden Zeit widmete er sich vornehmlich der Schöpfung von Kammermusik. Es entstanden Streichquartette, Klavierwerke sowie das geschätzteste unter seinen geistlichen Werken, die Deutsche Messe.           

Der Verfall seiner Gesundheit war für Schubert kein Hindernis, weitere Werke zu schöpfen. Er komponierte den Liederzyklus «Winterreise», Impromptus für Klavier solo, Klaviertrios, ein Streichquintett, die letzten drei Klaviersonaten und eine Gruppe Lieder nach Gedichten von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel Seidl, die nach seinem Tod unter dem Titel «Schwanengesang» veröffentlicht wurde.     

Nachdem er zwei Wochen an hohem Fieber litt, starb Schubert an einer akuten Infektionskrankheit, offenbar Typhus. Damals hieß es «Nervenfieber». Er wurde in der Nähe von Beethovens Grab auf dem Währinger Friedhof bestattet. Bezeichnend ist, dass ihm 1888 auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Ehrengrab eingerichtet wurde.

In den sechs Jahrzehnten, die zwischen seinem Tod und der Ehrung verstrichen, mehrte sich demnach die Anerkennung der Wiener um seine Person und um sein Vermächtnis um ein Vielfaches. Schubert ist als tragische Figur zu werten, die zu Lebzeiten verkannt beziehungsweise viel zu wenig beachtet wurde, obwohl Kenner wie der Sänger Vogl sich beharrlich und mit großer Begeisterung für sein Werk einsetzten. Erst die Nachwelt hat seinen außerordentlichen Rang erkannt: Heute gilt Schubert neben Beethoven als der Begründer der Romantik im deutschsprachigen Raum.  

 

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