Flussfahrt in eine andere Welt

«Die Reise nach Südamerika» von Alexander von Humboldt

Alexander von Humboldt
Darstellung Alexander von Humboldts während seiner Fahrt auf dem Orinoco.

Spannend wie ein Abenteuerroman und lehrreich wie ein wissenschaftliches Buch liest sich der Reisebericht Alexander von Humboldts über seine Flussfahrt auf dem Orinoco.

 
Von Arne Dettmann
 
«Das Orinoco Delta wird Sie mit seiner einzigartigen Flora und Fauna und seinem weit verzweigtem Fluss-System bezaubern», heißt es bei einem Reiseanbieter, der Touristen für eine 14-tägige Tour «Faszinierendes Venezuela» begeistern möchte. «Auf der Terrasse, auf der alle Mahlzeiten eingenommen werden, genießen Sie die Abendstimmung und lauschen den Urwaldgeräuschen. Übernachtung in Doppelzimmer mit Ventilator, Moskitonetzen und Privatbad (nur Kaltwasser). Strom nur von 18 bis 22 Uhr.»

Dass man Licht und Lockenwickler nur für vier Stunden zur Verfügung hat, würde wohl heute so manchen Urlauber bereits abschrecken. Umso erstaunlicher, welche Strapazen der große Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769-1859) vor mehr als 200 Jahren in Kauf nahm, um die für einen Nordeuropäer so geheimnisvolle Urwaldwelt Südamerikas zu entdecken.

Gefährliche Jaguare, gefräßige Piranhas und Krokodile, Elektroschocks austeilende Zitterrochen sowie Milliarden von stechenden Mücken und Moskitos waren ständige Begleiter des Universalgelehrten, der zusammen mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland über Spanien und einen Zwischenaufenthalt auf der Kanareninsel Teneriffa im Juli 1799 in die Neue Welt gekommen war und dann in die fremde Flusswelt vorstieß.

Oft genug bildete alleine schon die Fahrt als solche eine echte Nervenprobe: Die Forscher befuhren die Flüsse auf einer Piroge, einem mit Axt und Feuer ausgehöhlten Baumstamm von 13 Meter Länge und knapp einem Meter Breite, die von einem Steuermann und vier indianischen Ruderern betrieben wurde. Vollbepackt mit Messinstrumenten und Käfigen mitgeführter Vögel und Affen war der Bewegungsraum an Bord stark eingeschränkt. Da ein Schiffskiel fehlte, geriet das Fahrzeug bei der geringsten Gewichtsverlagerung in Schieflage und drohte umzukippen. Stoisches Ruhigsitzen unter einer sengenden Sonne war also angesagt – 75 Tage lang.

Alexander von Humboldt schrieb die Erlebnisse seiner amerikanischen Forschungsreise, die ihn von 1799 bis 1804 auch in das heutige Kolumbien, Ecuador, Peru, Mexiko und Kuba bis in die USA führte, in seinem kolossalen, 34-bändigen Werk «Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent» nieder. Zwei Bände daraus behandeln die Flussfahrt auf dem Orinoco und wurden im 19. Jahrhundert vom Französischen ins Deutsche übersetzt. «Die Reise nach Südamerika – Vom Orinoko zum Amazonas» liest sich wie eine faszinierende Mischung aus Abenteuerroman, fachmännischer Beschreibung von Fauna und Flora sowie kulturhistorischer Kritik.

So schildert Alexander von Humboldt zwar exakt die erkundeten Pflanzen in Größe und Aussehen und nennt den lateinischen Namen. Doch er verliert sich dabei niemals in Fachsimpelei und behält den Blick fürs Ganze sowie die Bewunderung für das Großartige der überwältigenden Urwaldfülle: «Hier, inmitten des neuen Kontinents, gewöhnt man sich beinahe daran, den Menschen als etwas zu betrachten, das nicht Notwendig zur Naturordnung gehört. (…) Dieser Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas Befremdendes und Niederschlagendes. Hier, in einem fruchtbaren Lande, geschmückt mit unvergänglichem Grün, sieht man sich umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man glaubt sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren.»

Dieser fast schon poetische Exkurs verleitete ihn allerdings nicht, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen und in Naturschwärmerei zu verfallen. Das Absinken des Wasserspiegels im Valencia-See brachte er mit der intensiven Plantagenwirtschaft und der Abholzung in Verbindung. Eine umfassende Sicht auf die Natur und das Erkennen der Umweltzerstörung durch den Menschen war damals sicherlich neu und auch mutig, genauso wie die immer wiederkehrende Kritik an Sklaverei und Kolonialismus, Ausbeutung und Rassendiskriminierung.

Humboldt war eben nicht nur ein nüchtern-realistisch denkender Naturforscher, sondern auch Humanist. Er prophezeite, dass das starrköpfige, arrogante Verhalten der Kolonialherren letztendlich die Unabhängigkeitsbestrebungen fördern würden. Der Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar sagte später einmal über den Deutschen: «Alexander von Humboldt ist der wahre Entdecker Südamerikas! Ihm hat die Neue Welt mehr zu verdanken als allen Konquistadoren zusammen.»

Am 20. Mai 1800 erreichte die Piroge die Stelle, wo der Orinoco sich teilt. Das wichtigste Ziel der Expedition, die Bestätigung der Gabelteilung, war erreicht, die beiden Europäer fuhren flussabwärts. Sage und schreibe 2.275 Kilometer legten sie insgesamt zurück.

Dass sie das Abenteuer angesichts vieler Gefahrensituationen überlebten, grenzt schon an ein Wunder und ist wohl vor allem dem unermüdlichen Durchhaltevermögen sowie der Forscherneugier samt Entschlossenheit und Geduld zu verdanken. «Aber mit einem munteren Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und Auge für die Großartigkeit der Natur dieser weiten Stromtäler fällt es den Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit werden.»

Humboldt und Bonpland bestimmten 60.000 Pflanzen, darunter mehrere tausend neue Arten. Der Universalgelehrte kartographierte große Teil Süd- und Mittelamerikas, verglich Landschaftstypen und Vegetationszonen. Er stieß auf die Verbindung zwischen Vulkanen und gebirgsbildenden Kräften und legte den Grundstein für zahlreiche weitere Forschungen und Wissenschaftsdisziplinen. Er bezahlte seine Reise privat aus eigener Tasche, was ihm ermöglichte, uneigennützig und nicht von anderen Interessen geleitet zu forschen.

Praktisch auf jeder Seite ist Humboldts Drang nach Erkenntnis zu spüren und gleichzeitig sein enzyklopädisches Wissen über Geologie, Mineralogie, Botanik und Physiologie zu bewundern. «Man könnte in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was er einem in einer Stunde vorträgt», sagte einst Goethe über ihn. Ganz frei von eurozentrischen Vorurteilen war auch Humboldt nicht. Aus alten indianischen Gräbern entwendete er Skelette, um sie zu Forschungszwecken nach Europa zu verschiffen. Den Hinweis der Indianer, «das seien ihre alten Verwandten», brachten ihn nicht dazu, aus Respekt und Ehrfurcht vor den Toten die Mumien in den Höhlen zu lassen. Umso erstaunlicher, wenn Humboldt an anderer Stelle nachdenklich die Hast und das Mühlradwesen der Europäer mit dem Gleichmut der Indianer vergleicht und das rassistische Bild von der indianischen Bevölkerung Amerikas korrigierte.

Das heutige Abholzen der Regenwälder wäre ihm nie in den Sinn gekommen, da es sich um eine ökologische Verantwortungslosigkeit handelt. Humboldt ließ den Urwald praktisch so, wie er ihn antraf, und er nahm nur das mit, was er bei seiner Ankunft in Südamerika auch mitbrachte: Wissen.

Alexander von Humboldt, Die Reise nach Südamerika – Vom Orinoko zum Amazonas, Lamuv Verlag, Göttingen, 1990

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