Fesselnde historische Fotografien der Feuerlandindianer

Ein neuer Bildband zeigt die beeindruckenden Fotos von den indigenen Ureinwohner Feuerlands, deren Leben der Forscher Martin Gusinde monatelang studierte.

Die Harpunen mit Knochenspitze sind für die Jagd auf Ohrenrobben, Delfine und Seevögel bestimmt.
Die Harpunen mit Knochenspitze sind für die Jagd auf Ohrenrobben, Delfine und Seevögel bestimmt.

 

Von Arne Dettmann

«Als umherschweifende Sammler und Jäger obliegen unsere Indianer dem Nahrungserwerb an den langgestreckten Küsten in ihrem Wohnraume, weswegen ich sie als Wassernomaden bezeichne. Fast den ganzen Tag befahren sie mit dem Kanu die vielverschlungenen Kanäle und Meeresarme oder jagen auf dem Strande. Wenn sie von diesen Arbeiten ausruhen, hocken sie in ihren Hütten, die sie regelmäßig auf dem Strandwall nahe der Wasserlinie errichten. Gelegentlich nur entfernen sie sich von der Küste landeinwärts in das Innere einer Insel.»
Mit diesen Worten beschreibt Martin Gusinde (1886-1969) das Leben der Jägernomaden auf Feuerland. Zwischen 1918 und 1923 unternahm der österreichische Missionar und Ethnologe vier Reisen zur Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas. Bei seinen Aufenthalten durfte er an sonst geheimen Zeremonien der Feuerlandindianer teilnehmen und gewann tiefe Einblicke in deren Kultur. So nahm er im Auftrag des Berliner Phonogramm-Archivs Lieder und Gesänge der indigenen Bevölkerung auf – sie sind die einzigen erhaltenen Tondokumente der Feuerland-Ureinwohner.

Die Shoort-Geister des Regenhimmels (Norden), Télil, und des Windhimmels (Westen), Shénu.
Die Shoort-Geister des Regenhimmels (Norden), Télil, und des Windhimmels (Westen), Shénu.

Doch Gusinde schoss mit einer Plattenkamera auch Tausende von Bildern. «Begegnungen auf Feuerland. Selk’nam, Yámana, Kawesqar», lautet der Titel des Buches, das nun mit 230 Fotografien von Martin Gusinde im Hatje-Cantz-Verlag erschienen ist. «Die dokumentarischen Bilder sind von hoher künstlerischer Qualität und zeigen die Eingeborenen vor der Kulisse der extrem kargen Landschaft und des rauen Klimas, an das sie ihre Lebensweise angepasst haben», heißt es dort zur Einführung. «Die Riten und Feste sowie ritualisierten und formalisierten Posen, Gesten und Kompositionen der Feuerlandindianer werden in Nahaufnahmen und Porträts eindrucksvoll lebendig.»
Martin Gusinde schrieb mit seinen ethnografischen Publikationen Anthropo-logiegeschichte. Er wurde am 29. Oktober 1886 in Breslau (damals Teil Österreich-Ungarns, heute polnisch) geboren und trat 1900 dem Missionsorden der Steyler Missionare bei. Es folgte 1905 ein Studium im Missionshaus St. Gabriel im Maria Enzersdorf südlich von Wien. Nach seiner Priesterweihe 1911 ging Gusinde nach Chile.
Hier war er von 1912 bis Ende 1922 als Lehrer tätig und arbeitete zudem am Völkerkundemuseum in Santiago unter Max Uhle, dem «Vater der Archäologie in Südamerika». Gusinde wurde nicht nur Abteilungsleiter im Museum, sondern unternahm auch die besagten Forschungsreisen nach Patagonien, um die verschiedenen Gruppen der Feuerland-Indianer zu erforschen, die durch Krankheiten und Einwanderer verdrängt wurden und schon nahezu ausgerottet waren.

Der Schamane Tenenesk präsentiert den Frauen K'ternen, das Baby der Erdgöttin Xalpen.
Der Schamane Tenenesk präsentiert den Frauen K’ternen, das Baby der Erdgöttin Xalpen.

Die Wissenschaft unterscheidet bei diesen indigenen Ureinwohnern folgende Gruppen: Aónikenk (Tehuelches), die als Jäger und Nomaden zwischen der heutigen Region Los Lagos bis hin ins südliche Patagonien lebten; Sélknam (Onas) auf der Feuerlandinsel; Yámanas (Yaganes), die per Boot die südlichen Kanäle beim Beagle-Kanal sowie den Inseln Hoste und Navarino durchfuhren; Kaweskar/Kawesqar (beziehungsweise Alacalufes oder auch Halakwúlup), die als Nomaden zur See die Inseln und Kanäle im Golfo de Penas und die Magellanstraße bevölkerten.
Martin Gusinde: «Offenkundig sind die Wasseroberfläche und die schmalen Küstenstreifen das Betätigungsfeld und das Lebensgebiet der Yámana wie der Halakwúlup. Die großen Seesäugetiere des Meeres, die Robben und Wale, ferner Fischottern und einige Seevögelarten, vor allem die Kormorane und Pinguine, gelten ihnen als unentbehrlich; aus der Gruppe der niederen Tiere ließen sich die Miesmuscheln und großen Krabben durch nicht Gleichwertiges ersetzen. Diesen Dingen jagend und sammelnd nachzugehen füllt den Alltag unserer Wassernomaden aus.»
Gusinde kehrte schließlich nach Europa zurück, promovierte an der Universität Wien in Ethnologie und war später Professor an Universitäten in den USA und Japan. Bis zu seinem Lebensende widmete er sich Forschungs-, Vortrags- und Lehrtätigkeiten im Missionshaus St. Gabriel.
In der chilenischen Stadt Puerto Williams wurde ihm zu Ehren das anthropologische Museum nach seinem Namen benannt. Das südlichste Museum der Welt widmet sich mit seinen Kollektionen den Feuerlandindianern.

Info: «Begegnungen auf Feuerland. Selk’nam, Yámana, Kawesqar. Fotografien von Martin Gusinde 1918-1924». Herausgeber: Christine Barthe, Xavier Barral, Texte von Christine Barth, Anne Chapman, Dominique Legoupil, Marisol Palma Behnke, Martin Gusinde; 2015, Hantje-Cantz-Verlag; www.hatjecantz.de; 300 Seiten und 222 Abbildungen; ISBN 978-3-7757-3891-0; Preis 68 Euro.
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