Der Fall der Mauer begann vor 25 Jahren in Sopron

Vor 25 Jahren bekam der Eiserne Vorhang Risse: In der Nähe des ungarischen Sopron flüchteten mehrere hundert DDR-Bürger während des Paneuropäischen Picknicks. Von der Grenze ist heute nicht mehr viel zu sehen.

Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. Mit Zustimmung beider Länder wurde dabei symbolisch ein Grenztor für drei Stunden geöffnet. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten diese Gelegenheit, den Eisernen Vorhang zu passieren und in den Westen zu flüchten.
Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. Mit Zustimmung beider Länder wurde dabei symbolisch ein Grenztor für drei Stunden geöffnet. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten diese Gelegenheit, den Eisernen Vorhang zu passieren und in den Westen zu flüchten.

Sopron (dpa/tmn) – Er steht an der Grabenrunde, einem Straßenring, der die historische Altstadt von Sopron umschließt. Der Brunnen der ist erst 2003 aufgestellt worden und symbolisiert als Denkmal die wechselvolle Geschichte der Stadt Sopron, die auf Deutsch Ödenburg heißt. Drei Figuren, vom Bildhauer Tamas E. Soltra in Sandstein gemeißelte Symbole, markieren die wichtigsten Ereignisse der Stadt. Eine männliche Figur verkörpert die Gründung im Jahr 1277, eine zweite die Volksabstimmung von 1921, und eine Frauengestalt steht für die Grenzöffnung von 1989.

«Für mich ist das schönste Datum der 19. August 1989», sagt Renate Pajor. «Das ist jetzt genau 25 Jahre her, aber ich erinnere mich noch sehr gut an die Ereignisse, als Sopron an diesem Tag Schauplatz des Paneuropäischen Picknicks war», sagt die Stadtführerin. Hunderte von DDR-Bürgern nutzten damals die Gelegenheit zur Flucht nach Österreich. Die Bilder von den ersten Löchern des Eisernen Vorhangs gingen um die Welt. «Wir Ungarn sind stolz darauf, dass wir als kleines Land einen großen Beitrag zum friedlichen Übergang zur Demokratie leisten konnten», sagt Pajor.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die westlichste Stadt Ungarns wie ein Sporn ins Staatsgebiet von Österreich hineinragt. Grund dafür waren die Grenzverschiebungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Bürger der Stadt durften 1921 darüber abstimmen, zu welchem Land sie gehören wollen. Obwohl viele deutschsprachig waren, fiel die Entscheidung zugunsten Ungarns aus. Später, unter kommunistischer Herrschaft, war die gesamte Region Sperrgebiet, in die Besucher nur mit Sondergenehmigungen einreisen durften.

 

Unüberwindlich geglaubte Sperranlagen

Symbolischer Schnitt: Am 27. Juni 1989 durchschnitt der österreichische Außenminister Alois Mock (links) und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn bei Sopron den Grenzzaun.
Symbolischer Schnitt: Am 27. Juni 1989 durchschnitt der österreichische Außenminister Alois Mock (links) und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn bei Sopron den Grenzzaun.

Ihren Rundgang durch das historische Stadtzentrum beginnt Pajor am Feuerturm. Er wurde im 13. Jahrhundert auf römischen Fundamenten errichtet und gilt als Wahrzeichen der Stadt. Sie verweist auf das Relief mit der Aufschrift «Civitas fidelissima», was soviel wie «treueste Stadt» bedeutet und Bezug auf die Abstimmung der Bevölkerung zugunsten von Ungarn nimmt. Es lohnt sich, zur Aussichtsplattform hinaufzusteigen. Von oben haben Besucher einen wunderbaren Ausblick auf die grünen Hügel, die die Stadt umgeben.

Die meisten Sehenswürdigkeiten der rund 60.000 Einwohner zählenden Stadt liegen in der autofreien Innenstadt. Dort befindet sich auch der Hauptplatz Fö ter, einer der schönsten Plätze Ungarns. Zum Ensemble gehören neben der Benediktinerkirche zahlreiche restaurierte Paläste wie das Storno-Haus, in der Mitte steht eine barocke Dreifaltigkeitssäule. Beim Rundgang durch die kopfsteingepflasterten Gassen können Besucher schöne Bürgerhäuser, aber auch das Rathaus, die Alte Synagoge und Reste der alten Stadtmauer entdecken. Überall gibt es Cafés und urige Kneipen.

Nur wenig erinnert heute noch an die einst für unüberwindlich geglaubten Sperranlagen an der Grenze zu Österreich. «Wir haben die große Aufgabe, das historische Ereignis, das ganz Europa verändert hat, auch der nächsten Generation zu vermitteln», sagt Istvan Szigethi. Er ist Bürgermeister des kleinen, direkt an der Grenze gelegenen Ortes Hegyko, der jetzt vor allem vom Tourismus lebt. «Die heute 25-Jährigen wissen leider nur wenig über die Grenze. Deshalb haben wir einen kleinen Streifen mit den Grenzanlagen wiederaufgebaut, der anschaulich machen soll, wie der Eiserne Vorhang tatsächlich aussah, der sich von 1948 bis 1989 auf einer Länge von 356 Kilometern an der gesamten Westgrenze Ungarns entlangzog», sagt Szigethi. «Wir hoffen, das möglichst viele Besucher zur Gedenkstätte kommen und nicht vergessen, wie viel Leid der Kommunismus den Menschen zugefügt hat», sagt er.

Für die Natur erwies sich das einstige Sperrgebiet als Glücksfall. In Grenznähe durften weder Häuser noch Straßen gebaut werden, viele Flächen lagen brach und waren für eine landwirtschaftliche Nutzung nicht zugänglich. Die Landschaft blieb weitgehend unberührt.

In den wenigen noch erhaltenen Wachtürmen spähen heute Naturfreunde mit ihren Ferngläsern nach seltenen Vogelarten. «Sie können hier mehr als die Hälfte aller europäischen Vogelarten beobachten», sagt Alois Lang vom Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel/Fertö-Hansag Nemzeti Park. «Vor allem Wasser- und Watvögel wie Silber- und Purpurreiher, Löffler sowie viele Enten- und Gänsearten nutzen das Gebiet als Brut-, Rast- oder Nahrungsplatz und als wichtige Zwischenstation.» Der Nationalpark wurde bereits 1993 gegründet und liegt wie der Neusiedler See auf beiden Seiten der Grenze.

Wer den Nationalpark mit dem Fahrrad erkunden will, kann ein umfassendes Radwegenetz nutzen. Ein Abschnitt einer fast fertig ausgebauten Route, die grenzüberschreitend rund um den Neusiedler See führt, verläuft durch den Park. «Europäische Geschichte mit dem Rad erfahren», das ist das Motto des Iron Curtain Trails. «Da wird die Idee vom Berliner Mauerweg aufgenommen und ein Radweg konzipiert, der von der Barentssee im hohen Norden bis hinunter nach Bulgarien am Schwarzen Meer immer möglichst nah am einstigen Grenzstreifen entlangführt», berichtet Andras Vissi. der sich in Sopron mit grenzüberschreitenden Projekten wie der Trinkwasserversorgung, Natur- und Öko-Tourismus oder eben dem Europa-Radweg befasst.

 

Historischer Grenzdurchbruch

«Wir werden zum 25. Jahrestags des Paneuropäischen Picknicks am 19. August ein weiteres Teilstück des Weges in Ungarn eröffnen». Er führt auch an der berühmten Brücke von Andau vorbei, über die 1956 nach der Niederschlagung des Volksaufstandes über 70.000 Ungarn nach Österreich flüchteten. James A. Michener hat die dramatischen Geschehnisse in seinem lesenswerten Buch «Die Brücke von Andau» beschrieben. Auch der Ort des historischen Grenzdurchbruchs liegt an der Strecke. Ein Denkmal in Form einer geöffneten Tür symbolisiert den Weg in die Freiheit.

Johann Göltl, damals Kommandant der österreichischen Grenzwache und sein ungarischer Kollege Arpad Bella hatten die Aufgabe, das seit Jahrzehnten geschlossene Tor für das Picknick zu öffnen. Zwischen 15.00 und 18.00 Uhr sollten Österreicher und Ungarn die Grenze frei passieren können. Beide wurden regelrecht überrumpelt, als sich eine große Menschenmenge im Laufschritt auf das noch verschlossene Tor zubewegte, einen Flügel eindrückte und über die Grenze nach Österreich flüchtete.

Laszlo Nagy, einer der Organisatoren des Picknicks, erinnert sich: «Nach meiner Einschätzung waren es mehr als 1.000 Menschen, die aus der DDR schon Wochen und Monate vorher nach Ungarn gekommen waren und auf eine Chance hofften, über Österreich in die Bundesrepublik fliehen zu können.» Unglaubliche Szenen spielten sich ab: Eine Mutter fällt beim Laufen und lässt ihr Kind fallen, ein Soldat hebt es auf und bringt es ihr nach. «Um ehrlich zu sein – wir haben uns damals auch ernsthaft Sorgen gemacht, wie die ungarische Staatsmacht reagieren wird. Aber statt eines Seils um den Kopf gab es später Orden», sagt Nagy. «Es bleibt aber noch viel zu tun auf dem Weg zu einem wirklich einigem Europa, in dem auch wir Ungarn richtig verstanden werden. Hoffentlich ist es in noch einmal 25 Jahren soweit.»

 

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