«Es ist etwas Furchtbares passiert, der Führer lebt»

Es war um die Mittagsstunde, genau um 12.42 Uhr des 20. Juli 1944, als in der Lagebesprechungsbaracke der Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier bei Rastenburg in Ostpreußen, eine Bombe explodierte. Vier Personen wurden getötet, mehrere schwer verletzt. Adolf Hitler war außer einigen Schürfwunden, Prellungen, Blutergüssen und Verletzungen der Trommelfelle unversehrt und somit weiterhin voll einsetzbar. Noch am gleichen Nachmittag empfing er Benito Mussolini.

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Der Oberst des deutschen Heeres Claus Graf Schenk von Stauffenberg hatte ein Kilogramm plastischen Sprengstoff englischer Fabrikation gezündet, mit dem Ziel, Adolf Hitler zu töten, damit die NSDAP zu entmachten, eine neue Regierung zu bilden und einen Waffenstillstand zu erreichen. So sollten dem sinnlosen Töten in einem Krieg, der nicht mehr zu gewinnen war, ein Ende bereitet und Friedensverhandlungen mit den Feindesmächten angebahnt werden.

Stauffenberg hatte die scharfe Bombe in einer Aktenmappe verwahrt, die er unter den Konferenztisch legte, um anschließend unter dem Vorwand eines wichtigen Telefongesprächs die Baracke zu verlassen. Er beobachtete die Detonation aus der Ferne und gewann die Überzeugung, dass Hitler sie unmöglich habe überleben können. Sofort ließ er sich zu dem nahen Flugplatz fahren, wo eine startklare Henkel 111 wartete, um ihn nach Berlin zu fliegen.

In der Reichshauptstadt harrten unterdessen die Verschwörer auf die Meldung von Hitlers Tod, um zu handeln. Stattdessen erfuhr einer von ihnen, der General Erich Fellgiebel, von Hitlers Rettung. Er rief Generalleutnant Fritz Thiele an, der im Bendlerblock, dem Zentrum der Widerstandsgruppe, wartete, um ihm zu eröffnen: «Es ist etwas Furchtbares passiert, der Führer lebt!»

Gegen 13 Uhr wurde in Berlin Propagandaminister Joseph Goebbels über das Attentat informiert. Reichsführer SS Heinrich Himmler, der sich in der Wolfsschanze aufhielt aber nicht an der Konferenz teilgenommen hatte, rief um 14 Uhr in Berlin an, um eine Untersuchung anzuordnen. Um die gleiche Zeit erhielt Heinrich Müller, Chef der Gestapo im Reichssicherheitshauptamt, den Befehl, Stauffenberg unmittelbar nach seiner Ankunft in der Hauptstadt zu verhaften.

4096_p13bUm 15.45 Uhr landete Stauffenbergs Maschine in Rangsdorf. Der Oberst rief General Friedrich Olbricht an, um ihn aufzufordern, die «Operation Walküre» einzuleiten. «Walküre» war ein Plan für den Fall innerer Unruhen, der die Besetzung von Gestapo-, Partei- und Dienststellen von der Wehrmacht ermöglichte.

Da jedoch fernmündlich von der Wolfsschanze mehrere Hinweise kamen, dass Hitler lebte, blieben die Verschwörer im Bendlerblock tatenlos. Ab 16 Uhr wurde «Walküre» nur teilweise durchgezogen. Verschiedene Mittäter führten die Befehle nicht aus, andere begingen Fehler. So ging zum Beispiel ein Fernschreiben versehentlich an die Wolfsschanze, worauf das Führerhauptquartier sogleich ebenfalls ein Fernschreiben entsandte, welches die Befehle aus dem Bendlerblock als ungültig erklärte.

Um 16.30 Uhr traf Stauffenberg im Bendlerblock ein. Er stellte fest, dass die Verschwörer sich passiv verhielten. Sie hatten einzig die Truppen des Ersatzheeres alarmiert. Der Oberst meldete dem Befehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm, dass er selbst die Bombe gezündet und auch gesehen habe, wie man den toten Hitler aus dem Konferenzraum hinaustrug. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, der dem leichtverletzten Führer aus der Baracke hinaus half und dieses gemeldet hatte, habe, so ereiferte sich Stauffenberg, «wie immer gelogen».

Generaloberst Ludwig Beck, der als Hitlers Nachfolger vorgesehen war, fand sich erst gegen 17 Uhr im Bendlerblock ein. Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der den Oberbefehl der Wehrmacht übernehmen sollte, reiste am Tag des Attentats von Ostpreußen an. Als er um 19.30 Uhr in der Bendlerstraße eintraf und merkte, dass die Truppen nicht massiv eingesetzt worden waren, empörte er sich, sprach: «Schöne Schweinerei, das!» und verließ um 20.45 Uhr das Gebäude, um seinen Landsitz nahe der Hauptstadt aufzusuchen.

Die vorgesehene Abriegelung des Regierungsviertels scheiterte vollends, ebenso die Verhaftung der SS-Leiter, die Besetzung der Gestapozentrale und die Stilllegung des Deutschlandsenders. Major Otto Ernst Remer, Kommandeur des Wachbataillons «Großdeutschland», ein treuer Nationalsozialist, erhielt den Befehl, das Regierungsviertel abzusichern und Joseph Goebbels zu verhaften. Der Propagandaminister empfing den Major um 18 Uhr in seinem Arbeitszimmer. Es glückte ihm, eine Telefonverbindung mit der Wolfsschanze herzustellen und Hitler an den Apparat zu bekommen. Er gab Remer den Hörer, der zu seinem Erstaunen des Führers Stimme erkannte und sogleich eine stramme Haltung einnahm. Hitler befahl: «Sie erhalten von mir den Auftrag, sofort Ruhe und Sicherheit in der Reichshauptstadt wieder herzustellen, wenn notwendig mit Gewalt. Sie werden mir persönlich unterstellt, bis der Reichsführer-SS in der Reichshauptstadt eintrifft».

Bis 18.45 Uhr hatte der Deutschlandsender in drei Sondermeldungen davon berichtet, dass Hitler nur leicht verletzt worden war. Um 20.20 Uhr ging ein Fernschreiben Keitels an die militärischen Dienststellen, in dem der OKW-Chef die Befehle der Verschwörer für ungültig erklärte. Um jeden Zweifel auszuräumen, fügte er hinzu: «Der Führer lebt! Völlig gesund!»

Stauffenberg unternahm indessen etliche Versuche, die Verschwörung aufrecht zu erhalten. Er führte verschiedene Telefongespräche, in denen er darauf bestand, dass Hitler tot sei. Um 20 Uhr erteilte General Wolfgang Thomale einer Panzer-Ersatzbrigade in Berlin-Wilmersdorf den Befehl, die Verschwörer außer Gefecht zu setzen. Um 23 Uhr besetzte die Truppe den Bendlerblock. Beck erbat sich von Fromm seine Dienstwaffe, um sich das Leben zu nehmen. Er versuchte es zwei Male ohne Erfolg, worauf ein Feldwebel ihm den Gnadenschuss gab. Fromm erteilte den Befehl, die vier sichtbaren Hauptinvolvierten, nämlich Stauffenberg, seinen Adjutanten Oberleutnant Werner von Heften, Olbricht und Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, zu erschießen. Der Befehl wurde unmittelbar nach Mitternacht ausgeführt. Die vier Offiziere wurden einzeln im Hof des Bendlerblocks, vom Scheinwerfer eines LKWs beleuchtet, hingerichtet. Stauffenberg rief laut: «Es lebe unser heiliges Deutschland!», bevor die Schüsse fielen. Fromm hatte mit seinem eiligen Erschießungsbefehl sein eigenes Wissen um die Attentatspläne vertuschen wollen. Der Versuch schlug fehl, er musste sich vor dem Volksgerichtshof verantworten und wurde am 12. März 1945 ebenfalls hingerichtet.

Gegen 1 Uhr morgens des 21. Juli sprach Hitler über Rundfunk, «damit sie meine Stimme hören», was von beiden Seiten als unwiderlegbarer Beweis gedeutet wurde, dass das Attentat fehlgeschlagen war. Es folgte ein Schauprozess gigantischen Ausmaßes. Bis Kriegsende wurden etwa 700 Personen verhaftet und 110 hingerichtet.

Goebbels Propaganda beschimpfte die Verschwörer als «feige Landesverräter», die dem Reich in Zeiten höchster Not in den Rücken gefallen seien. Winston Churchill bewertete das Geschehen als «Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches». Die «New York Times» schrieb drei Wochen nach dem Attentat, dass es eher an einen Kontenausgleich in der «Atmosphäre einer finsteren Verbrecherwelt» gemahne. In Deutschland hielt sich in der öffentlichen Meinung, auch nach Kriegsende, die Einstellung, Stauffenberg und seine Mittäter hätten Verrat begangen. In der DDR wurden sie als «reaktionäre Agenten des US-Imperialismus» abgestempelt. Konrad Adenauer widersetzte sich 1946 als Mitglied des britischen Zonenbeirats energisch gegen Anträge von Angehörigen der Verschworenen auf finanzielle Hilfe.

Am 20. Juli 1953 kam ein neuer Wind auf, als im Bendlerblock ein Denkmal zu Ehren der Widerstandskämpfer enthüllt wurde. Ernst Reuter, Oberbürgermeister von Berlin, würdigte sie unmissverständlich, als er in seiner Rede sagte: «Der 20. Juli 1944 war das erste sichtbare weithin wirkende Fanal, das der Welt zeigte, dass in Deutschland der Wille zur Freiheit, der Wille zum eigenen Leben nicht untergegangen war».

 

Walter Krumbach

 

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