Erinnerungen an die Nachkriegszeit (5)

Die Schule beginnt wieder

Durch Anschläge an Straßenecken, Bekanntmachung in einem neuen Verordnungsblatt und Mundpropaganda wurden alle Schüler aufgefordert, sich am 1. September 1945 in ihren alten Schulen einzufinden. Zuvor sollte ein großes Schulfest zu Ehren der «Befreier», das heißt der Roten Armee, stattfinden. Schulchöre mussten proben und die Mädchen Tänze üben.

Im Herbst 1945 wurde in allen Besatzungszonen der Schulunterricht wieder aufgenommen.

Noch waren die Städte nicht überlaufen, denn der Flüchtlingsstrom aus den alten deutschen Ostgebieten hatte noch nicht in voller Wucht eingesetzt. Im alten Domgymnasium, dort war unsere Städtische Oberschule nach der völligen Zerstörung im Dezember 1944 provisorisch untergebracht, traf ich meine Klassenkameraden. Wir wurden in die Aula geführt und uns wurde der neue Schulleiter Otto Buchholz vorgestellt. Eine andere Neuigkeit bestand darin, dass das Domgymnasium und die Städtische Oberschule für Jungen zur «Ernst-von-Harnack-Schule» vereint wurden, in Gedenken an den Beamten der Provinzialregierung, der nach dem misslungenen Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 von den Nazis ermordet worden war.

Unsere Familie stand nun ohne Einkünfte da, das Bankkonto war gesperrt worden, unser Vater saß in polizeilichem Gewahrsam, so musste unsere Mutter sich nach einer Erwerbstätigkeit umsehen

Unsere Familie stand nun ohne Einkünfte da, das Bankkonto war gesperrt worden, unser Vater saß in polizeilichem Gewahrsam, so musste unsere Mutter sich nach einer Erwerbstätigkeit umsehen und meldete sich zunächst, wie vorgeschrieben, auf einer neuen Behörde, die für sie eine politische Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen sollte. Ohne die gab es keine Anstellung, schon gar nicht als Lehrer. Dort amtierte ein ehemaliger Schlächtergeselle namens Hahn. Nichts lag gegen sie vor, nie hatte sie einer politischen Vereinigung angehört. Natürlich machte dieser Hahn erst einmal Schwierigkeiten, rückte aber schließlich doch den begehrten Schein heraus. Hahn ließ sich den Schein teuer bezahlen. Gleich am nächsten Tag kamen Beauftragte des Wohnungsamtes, besichtigten unsere Wohnung und beschlagnahmten die gesamte Esszimmer-Einrichtung, angeblich für die Rote Armee. Unsere Mutter war mit den Nerven am Ende, lief zum Bürgermeister, dem ehemaligen Verkäufer in einem Tabakgeschäft und bat um eine Bescheinigung, dass ihr keine Möbel mehr fortgenommen werden dürften. Die bekam sie auch und damit rannte sie zum Wohnungsamt. Dort nahm man sie ihr weg und behauptete, die habe sowieso keinen Wert. Die Einrichtung wurde abtransportiert. Am folgenden Tag standen einige der Arbeiter, die unsere Möbel abgeholt hatten, vor unserer Haustür und wollten meine Mutter privat sprechen. Es waren alte Bekannte unseres Vaters, städtische Angestellte aus alten Zeiten. Obgleich es ihnen streng verboten worden war, teilten sie uns den Bestimmungsort der Möbel mit: Hahn.

Unsere Murrer bekam eine Anstellung als Lehrerin an der Altenburger Grundschule. Der Schulunterricht wurde schichtweise erteilt, mal hatte sie vormittags und dann wieder nachmittags Unterricht, da die Altenburger Schule mit der Albrecht-Dürer-Schule zusammengelegt worden war. Als Schulleiter fungierte der schon recht betagte Grundschullehrer und Kirchenorganist Gutbier- Er tat wirklich niemanden weh, musste sich jedoch streng an die Anweisungen der neuen Machthaber halten. Es herrschte großer Lehrermangel, alle die einmal der NSDAP oder einer ihrer «Gliederungen» angehört oder nur nahegestanden hatten, waren fristlos auf die Straße gesetzt worden, auch wenn sie von den neuen Genossen nur als ansonst unbeteiligte Mitläufer eingestuft worden waren. 

Lehrer Gutbier war Organist in unserer Altenburger St.Viti-Gemeinde und ihm oblag das sonntägliche Orgelspìel während des Gottendienstes. Währte ihm die Predigt des Pfarrers zu lang, schaltete er mit einem lauten Knacken den Motor des Orgelgebläses ein. Das sollte dann das Zeichen für den Pfarrer sein, die Predigt zu beenden. Manchmal, wenn der Pfarrer das Knacken überhörte, benutzte Gutbier eine Atempause in der Predigt um mit dröhnendem Orgelspiel einzusetzen und so der Predigt ein Ende zu bereiten.

In diesen Tagen wurde das russische System der Lebensmittelverteilung eingeführt. Die Zuteilungen, die wir zuvor für eine Woche erhalten hatten, mussten ab sofort zehn Tage ausreichen. Gleichzeitig ordneten die neuen Machthaber die Bevölkerung in sechs Gruppen ein: Gruppe 1 waren Schwerstarbeiter (leitenden Funktionären oder Bonzen der KPD vorbehalten); Gruppe 2 waren Schwerarbeiter, eigentlich alle Arbeiter; Gruppe 3 für Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte und Akademiker; Gruppe 4 Angestellte; Gruppe 5 Schüler und Studenten und Gruppe 6 Sonstige, also unsere Oma.

Das Foto zeigt Kinder in Berlin, die lange Zeit zwischen Trümmern lebten.

Für uns Schüler (Gruppe 5) gab es täglich 250 g Brot, 5 g Fett, 5 g Fleisch, keine Milch. Wer im Hofe oder Garten Hühner hielt, musste die Eier abliefern, vorgeschrieben waren mindestens 60 Eier im Jahr pro Huhn, ganz gleich ob dieses Eier legte oder nicht. «Zur Unterhaltung der Roten Armee» stand auf dem Ablieferungsbescheid und wer dem nicht nachkam oder versuchte bei der Zahl der Hühner zu schwindeln, verschwand und ward nicht mehr gesehen.

Auf öffentlichen Verkehrsmitteln, Straßenbahn, Eisenbahn wurde die «Moskauer Zeit» eingeführt, das hieß, die Fahrpläne wiesen einen Zeitunterschied von zwei Stunden gegenüber der deutschen Zeit auf, verkehrten aber zu den bei uns nun einmal betrieblich notwendigen Tageszeiten. Man musste also ständig zwei Stunden zurückrechnen, wollte man irgendwo hinfahren. Dieser Unfug wurde später verschämt als «doppelte Sommerzeit» bezeichnet und ein paar Monate darauf wieder aufgehoben.

Im September machte ich mit ein paar Kameraden «blau», wir standen morgens gegen 5 Uhr auf, trafen uns am Bahnhof, fuhren mit dem Zug ein paar Stationen, mussten dann noch einen weiteren Fußmarsch absolvieren, um auf einem Feld Kartoffeln zu ernten. Als Entlohnung durfte jeder am Abend 5 kg Kartoffeln mitnehmen. Mein Bruder Konrad arbeitete als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter auf einem Gut, dessen Inhaber verhaftet und abtransportiert worden war, nun verwaltete das Anwesen ein Treuhänder, der zwar das richtige Parteibuch in der Tasche trug, dessen Tätigkeit jedoch von keiner Sachkenntnis getrübt war. 

Anfang Oktober geriet Konrad beim Pflügen zwischen Pflug und Traktor, das rechte Bein wurde gequetscht. Auf Stroh gebettet wurde er in einem Pferdewagen erst zu uns und anschließend in das Merseburger Krankenhaus gebracht, Gottseidank wurde er nach einem längeren Krankenhausaufenthalt vollständig geheilt entlassen.

Fortsetzung folgt

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