Die Entdeckungsreise des Alejandro Malaspina

Jahrhunderte in den Aktenschränken der spanischen Hofbürokratie verstaubt, aber nun wieder zurück ans Tageslicht: Alejandro Malaspina, der Name des italo-spanischen Weltumseglers des 18. Jahrhunderts. Nach ihm wurde die Expedition des spanischen Tiefsee-Forschungsschiffes «Hespéridos» benannt, das kürzlich mit aufsehenerregenden Entdeckungen aus Meerestiefen von 400 bis 4.000 Metern die Wissenschaftler unserer Welt zum Umdenken anregte.

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Waren es nach der Entdeckung Amerikas die spanischen Konquistadoren, die mit den verschiedensten Absichten – oft nicht ganz lauteren, denn sie lockte nur das Abenteuer und das Gold – im Laufe der Jahrhunderte in die weite neue Welt zogen, so folgten ihnen im 17. Jahrhundert die Missionare. Sie wurden, wenigstens so wollen wir annehmen, von edleren Motiven geleitet, ihre Absicht war es, den Indianern tatsächlich Zivilisation zu bringen.
Dominikaner, Franziskaner und schließlich auch Jesuiten machten bei ihren Missionsreisen nicht am Fuße der Anden halt, waren sie doch nicht wie die Konquistadoren des Goldes wegen ausgezogen, sondern stießen bis weit an die waldreichen Ostabhänge der Kordilleren und darüber hinaus vor. Gerade die Jesuiten konnten für sich verbuchen, eine segensreiche Tätigkeit entfaltet zu haben, während Brüder anderer Orden oft nicht ganz so skrupellos vorgingen. Von Wissenschaft und Forschung war kaum die Rede.

Im Auftrag der Wissenschaft
Spanien, das bei der Entdeckung und Erschließung Amerikas eine hervorragende Rolle gespielt hatte, zeigte nach anfänglicher Gleichgültigkeit erst unter Carlos III. und später Carlos IV. ein größeres Interesse an einer wissenschaftlichen Erforschung seines ausgedehnten Kolonialreiches. Dank der Initiative beider Könige kam es 1788 zur Organisation einer naturwissenschaftlichen Expedition, die dem Kommando des Fregattenkapitäns Alejandro Malaspina unterstellt wurde.
An ihr sollten zwei deutsche Wissenschaftler teilnehmen, beide hatten schon zuvor in Gelehrtenkreisen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht: Der deutsch-österreichische Arzt, Botaniker und Chemiker Thaddäus Hänke aus Kreibitz in Nordböhmen, damals zum k.u.k. Österreich gehörend, und Friedrich Mothes, Mineraloge aus Schneeberg im sächsischen Erzgebirge. Sie trafen an Bord der beiden Expeditionsschiffe «Atrevida» und «Descubierta» noch weitere anerkannte Wissenschaftler aus Spanien und Frankreich, unter ihnen den französischen Botaniker Luis Neé. Ihnen zugeteilt waren außerdem Pflanzenzeichner – es gab ja noch keine Fotografie – Chirurgen, Demonstratoren und Kräutersammler.
Malaspina selbst hatte aufs Gewissenhafteste die Ausrüstung der beiden Schiffe überwacht, hatte Bücher und wissenschaftliche Instrumente in Madrid, London und Paris bestellt und einen genauen Plan der Reise dem spanischen König vorgelegt. Die kleine Flotte sollte um Südamerika herum fahren, dabei Montevideo, Buenos Aires, die Falkland-Inseln, Kap Hoorn, den Beagle-Kanal, die südchilenische Inselwelt, Chiloé, Talcahuano, den Juan-Fernández-Archipel, Copiapó und Arica besuchen. Anschließend war vorgesehen, im Rahmen einer zweijährigen Seefahrt an der Pazifik-Küste Mittel- und Nordamerikas bis hinauf nach Alaska zu fahren. Die Rückreise brachte die Schiffe quer über den Pazifik nach Manila, den dem Kapitän wohlbekannten Philippinen. Nach einem Abstecher nach Port Jackson in Australien und Neuseeland gings wieder nach Callao, war das doch der Sitz des spanischen Vizekönigs.
Den Wissenschaftler und Seeleuten wurde die Gelegenheit geboten, die Insel- und Küstenwelt Chiles, deren Fauna und Flora sowie ihre Bewohner eingehend festzuhalten und dazu Seekarten mit Berechnung der Längen- und Breitengrade anzufertigen. Es war selbstverständlich, dass Generalkapitän Ambrosio O’Higgins der Expedition jede gewünschte Unterstützung zuteil kommen ließ.
Wie geplant verlief die Reise. Urteilen wir den Reiseberichten, muss an Bord, trotz der vielen gegenteiligen Meinungen, was unter Wissenschaftlern verständlich ist, eine sehr freundschaftliche und lockere Atmosphäre geherrscht haben, was wohl dem jovialen Charakter des Kapitäns Malaspina zu verdanken war. Eintönige Abende auf See wurden durch Musizieren – es gab ein Klavier für Thaddäus Hänke – und gegenseitigen Gedankenaustausch bereichert.
In Callao auf der Heimreise gingen Thaddäus Hänke und Friedrich Mothes auf Forderung des Vizekönigs von Bord. Es wurde ihnen aufgetragen, weitere Forschungen in Peru und Alto Peru – heute Bolivien –zu betreiben und dann auf dem Landweg nach Montevideo nachzukommen, wo «Atrevida» und «Descubierta» ungefähr gleichzeitig einzutreffen hatten. So würde den beiden Gelehrten die zeitraubende und gefährliche Reise um Kap Hoorn erspart und diese Zeit besser in Peru genutzt werden können.

Wer war Alejandro Malaspina?

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Getauft auf Alessandro Malaspina de Mulazzo wurde er im Jahre 1754 in der Burg Mulazzo nördlich von La Spezia in Norditalien geboren. Er entstammte einer alten hochangesehenen italienischen Adelsfamilie, und da er schon in der Jugend gern in Büchern stöberte, schickten ihn die Eltern zum Studium in vornehme Kollegien nach Rom und Neapel.
Nach Beitritt zum Malteserorden trat er in spanische Dienste, in denen er aufgrund seiner Fähigkeiten, seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften und seiner Tapferkeit schnell in hohe Stellungen in der Marine aufstieg. Seine Tapferkeit stellte er unter Beweis im afrikanischen Krieg gegen die Piratenflotte der Berber, umfuhr zudem dreimal das Kap der Guten Hoffnung auf der Philippinen-Route, beim zweiten Mal als Zweiter Kommandant der «Nuestra Señora de la Asunción». Und kaum war er von dieser Reise zurückgekehrt, trat er nun als Kommandant der «Astrea» nochmals die Reise zu den Philippinen an. Diese letzte Reise sollte für ihn zur ersten Weltumsegelung werden.
Die Erfahrung der Weltreise bewegte ihn, gemeinsam mit seinem Freund José de Bustamante y Guerra dem spanischen Königshaus die Ausrüstung einer wissenschaftlichen Expedition durch die Südsee vorzuschlagen, hatten doch bereits Cook, La Perouse und andere Seefahrer in fremden Diensten ähnliche Reisen mit Erfolg durchgeführt. Es wurde der Beginn der «Expedición Malaspina».

Opfer von Intrigen
Zunächst nach seiner Rückkehr von der Expedition «Malaspina» in seiner Heimat von allen Seiten groß gefeiert, fiel er bald politischen Intrigen zum Opfer, wurde 1795 verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Hauptgrund dafür war eigentlich seine Berichterstattung über die Ausbeutung der einheimischen Ureinwohner der Südsee- Kolonien durch kirchliche Einrichtungen und Beamte der spanischen Verwaltung und sein Vorschlag, den Kolonien mehr Selbstverwaltung zu gestatten. Das hörte man natürlich nicht gern in Madrid.
Durch seine Berichte hatte er sich die Feindschaft des allmächtigen – und unseligen Gedenkens in den südamerikanischen Kolonien Ministers Manuel Godoy zugezogen. Ein recht zweifelhafter Prozess, bei dem die Wahrheit wieder einmal nicht gesagte werden durfte, bescherte Malaspina zehn Jahre Haft. Jedoch das Eingreifen Napoleons bewirkte seine Entlassung im Jahr 1802 und die Deportation nach Italien.
Zurück in der italienischen Heimat betätigte sich Alessandro Malaspina in der lokalen Politik, organisierte unter anderem Maßnahmen zur Bekämpfung einer Gelbfieber-Epidemie in Livorno und nahm einen Platz am Hofe des Königs von Etrurien in Florenz ein.
Alessandro Malaspina starb in Pontremoli im Jahre 1809. Seine Arbeiten blieben in spanischen Archiven begraben, nicht weil die Regierung ihre Bekanntmachung scheute, sondern weil der Name dieses furchtlosen Seemannes in ewiges Schweigen gehüllt werden sollte. Jedoch beruhten beinahe alle Seekarten, die nach 1799 in Madrid erschienen, auf den Ergebnissen der «Expedición Malaspina». Man findet auf ihnen statt des Namens des Kommandanten nur den der Korvetten «Descubierta» und «Atrevida», welche Malaspina befehligt hatte.
«Sein Name wird indessen neben dem des Galiano, Espinosa, Valdés und Vernaci im Verzeichnis der unterrichteten und mutigen Seefahrer, denen die Welt genaue Nachrichten über die Nordwestküste des neuen Continents verdankt, immer einen ehrenvollen Platz behaupten», erklärte Alexander von Humboldt in seinem «Versuch über den politischen Zustand des Königreiches Neu-Spanien».

Dietrich Angerstein

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