Arbeitsame Einwanderer im Adoptiv-Vaterland Chile

Carl Anwandters Tagebuchaufzeichnungen
(Teil 2)

Carl Anwandter im Kreise seiner Familie samt Schwiegersohn und -tochter im Jahr 1850
Carl Anwandter im Kreise seiner Familie samt Schwiegersohn und -tochter im Jahr 1850

 

Der deutsche Auswanderer Carl Anwandter ist mit seiner Familie nach einer langen Schiffsfahrt endlich in Chile angekommen (siehe 1. Teil dieser Serie). Nach sieben Monaten in Valdivia zieht er im Juni 1851 in seinem Tagebuch erstmals Bilanz. Mit der Gründung deutscher Siedlungen setzt der wirtschaftliche Aufstieg im Süden des Landes ein.

 

Von Arne Dettmann

Doch die neue, verheißungsvolle Zukunft beginnt zunächst mit einer herben Enttäuschung. Der aus Valparaíso stammende Geschäftsmann Franz Kindermann hatte Grundstücke für die Neuankömmlinge gekauft, die sich jedoch weder für eine Ansiedlung noch zum Betreiben von Landwirtschaft als geeignet entpuppen.

In der Not eilt der chilenische Kolonisationsbeauftragte Vicente Pérez Rosales zur Hilfe und überlässt den insgesamt 47 Familien Parzellen auf der Isla Teja. Dort machen sich die Deutschen sogleich daran, den Urwald zu roden, Häuser zu bauen und die mitgebrachten Weizen- und Gerstensamen einzusäen.

Carl Anwandter ist zwar angesichts der üppigen Natur in Südchile voll guter Hoffnung – «Die Blütenpracht hört nie auf, auch im Winter nicht» –, doch räumt er in seinem Tagebuch ein, dass die ersten Jahre zur Einrichtung eines funktionierenden Ackerbaus sehr schwierig werden dürften. Besser dagegen hätten es Handwerker: «Böttcher, Zimmerleute, Drechsler, Stellmacher, Riemer, Sattler, Schuhmacher, Scheider, Schlosser, Schmiede finden lohnende Beschäftigung, wenn sie nur einigermaßen geübt sind.»

Einzig von einem entfernten See dringen Nachrichten von reizvollen, ebenen und sehr fruchtbaren Gegenden, die sich besser für Landwirtschaft eignen. Die chilenische Regierung verfolge den Plan, dort am Ufer auf der Seite nach Osorno und zum Meer hin Städte von Deutschen anzulegen und Grundstücke an Auswanderer zu verteilen – gemeint ist die deutsche Besiedlung der Llanquihue-Zone.

Exportschlager deutsches Bier aus dem chilenischen Valdivia: Gärfässer in der Anwandter-Brauerei im Jahr 1898.
Exportschlager deutsches Bier aus dem chilenischen Valdivia: Gärfässer in der Anwandter-Brauerei im Jahr 1898.

Anwandter selbst wählt einen anderen Weg. Am Calle-Calle-Fluss bei Valdivia kauft er zusammen mit vier Männern aus Württemberg, die ebenfalls auf dem Schiff «Hermann» mit ihm in Chile angekommen sind, ein größeres Stück Land. Die Verwaltung überlässt er seinem Schwiegersohn Theodor Körner.

Zudem eröffnet er in Valdivia zwischen der Plaza und dem Fluss die erste Apotheke der Stadt. Der Kolonist ist das, was man heute als «selfe-made man» bezeichnet: Das Haus baut er selbst, auch die Kunden werden von ihm persönlich bedient. Das Bier aus seiner 1851 gegründeten Brauerei liefert er selbstständig an die anderen deutschen Kolonisten aus.

 

Wirtschaftlicher Aufschwung

Was nun in den nächsten Jahren folgt, ist ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung, der auch bei anderen deutschen Kolonisten nach dem gleichen Prinzip abläuft: Die zunächst noch kleinen Familienbetriebe importieren moderne Geräte und Maschinen aus Deutschland, erhöhen die Produktion und weiten mit Verkaufsstellen in Concepción, Valparaíso und Santiago ihren Absatz aus.

Zwischen 1871 und 1914 steigert die Anwandter-Brauerei ihr Produktionsvolumen von 7 auf 25 Millionen Liter pro Jahr. Die Arbeiterzahl im Betrieb erhöht sich auf 900. Das Bier wird nicht nur in Nordchile und Peru getrunken, sondern auch in die USA und nach Deutschland exportiert. Das kleine Valdivia, das im Jahr 1850 gerade einmal 2.000 Einwohner zählte, mausert sich zu einem bedeutenden Industrie- und Handelszentrum.

Der Hafen von Valdivia im Jahr 1892, im Hintergrund die Anwandter-Brauerei
Der Hafen von Valdivia im Jahr 1892, im Hintergrund die Anwandter-Brauerei

Einer der erfolgreichsten Geschäftsleute jener Zeit ist Carl Anwandter. Laut der Zeitung «El Mercurio» von 1882 zählt die Familie zu den 59 reichsten des Landes. Andere deutsche Kolonisten folgen seinem Beispiel und schaffen große Schuhfabriken, Werften und Destillerien.

Die engen Freundschaften, die man auf der langen Schifffahrt geschlossen hat, werden jedoch nicht aufgegeben, sondern zur Förderung des Zusammenhalts der «colonia alemana» noch verstärkt. Carl Anwandter sticht dabei besonders hervor: Er ruft 1853 den Deutschen Verein Valdivia ins Leben und beteiligt sich maßgeblich bei der Gründung einer Deutschen Feuerwehr, der Deutschen Schule Valdivia sowie eines Gesangs- und Hilfsvereins.

 

Das Adoptiv-Vaterland

Der Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Kolonisten dürfte teilweise im starken Bildungsgefälle zu den Einheimischen liegen: Schätzungsweise 70 Prozent der damaligen chilenischen Bevölkerung konnte nicht lesen. Außerdem mangelte es offenbar an einer geschäftstüchtigen Mentalität. Carl Anwandter jedenfalls hält fest: «Der gewöhnliche Chilene kann in dem, was er versteht, ganz tüchtig arbeiten; hat er aber damit etwas verdient, so verzehrt er es gern schnell und in Ruhe und arbeitet nicht gern früher, bis das Bedürfnis ihn wieder treibt. Die wohlhabenden Chilenen arbeiten dagegen wenig oder gar nicht, lassen lieber andere für sich arbeiten und verdienen lieber durch Handel. Alle, Hoch wie Niedrig, lieben den Luxus und geben für Gegenstände desselben leicht das Geld aus.»

Carl Anwandter musste in seiner neuen Heimat einige schwere Schicksalsschläge verkraften. Zwei Jahre nach der Ankunft verstarb seine Frau, mit der er 28 Jahre verheiratet gewesen war. Wenige Wochen später folgte die Tochter Thusnelda. Im Jahr 1858 starb sein Sohn Wilhelm im Alter von 24 Jahren an Typhus. Carl Awandter heiratete ein zweites Mal, die Ehe blieb allerdings kinderlos. Er selbst schied am 10. Kuli 1889 im Alter von 88 Jahren aus dem Leben.

Flaschenetikette der Anwandter-Braueri zwischen 1858 und 1895
Flaschenetikette der Anwandter-Braueri zwischen 1858 und 1895

Seinen Gang nach Chile hat dieser große deutsche Auswanderer trotz der anfänglichen Schwierigkeiten wohl niemals bereut. In seinem Tagebucheintrag von 1851 ruft er seinen alten Freunden in Europa zu, «den freundlichen Himmel Chiles als Asyl» aufzusuchen und die «Misere der deutschen Zustände» hinter sich zu lassen. Und überliefert ist natürlich auch sein berühmtes Gelöbnis gegenüber der neuen Heimat bei gleichzeitiger Beibehaltung der deutschen Wurzeln:

«Wir werden ebenso ehrliche und arbeitsame Chilenen sein, wie nur der beste von ihnen es zu sein vermag. In die Reihen unserer neuen Landsleute eingetreten, werden wir unser Adoptiv-Vaterland gegen jeden fremden Angriff mit der Entschlossenheit und Tatkraft des Mannes zu verteidigen wissen, der sein Vaterland, seine Familie und seine Interessen verteidigt.»

«Carl Anwandter: Desde Hamburgo a Corral. Diario de Viaje a Bordo del Velero Hermann»

  • Ediciones Universidad Austral de Chile, Valdivia
  • 200 Seiten
  • Preis: 12.000 Pesos
  • ISBN 978-956-390-009-5
  • Im Internet: www.edicionesuach.cl
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2 Comments

  1. Karl-Heinz Gottschalk

    Sehr sehr interesant und verfolge gerne die Auzüge aus diesen Buch.

    Danke an Herrn Arne Dettmann dafür.

    Habe selber in Valdivia gelebt,daher verfolge ich solch ein Bericht.

  2. Bernd C. Schneider

    Ich war vor Jahrzehnten einmal in Valdivia fuer etliche Tage. Habe dort die ‚ehemalige‘ Wohnung der Familie Anwandter auf der Isla Teja betreten / angesehen. Ich war beeindruckt von der Eleganz und Schlichtheit der Wohnung wie sie einst die Familie vor sehr, sehr langer Zeit beherbergte. Der schoene Familienstammbaum, ersichtlich in dem Gebaeude, zeigte sehr deutlich wie diese Familie sich erweitert hat im Lauf der Zeit und mehr und mehr in der Chilenischen Gesellschaft aufgegangen ist.

    Erwaehnenswert im Zusammenhang ist das die Brauerei des Carl Anwandter einmal einen Brand zum Opfer wurde. Ein weiterer Schicksalsschlag in der Geschichte der Familie aber aufgegeben und zurueck gekehrt nach Deutschland ist die Familie nicht – den Familienname trifft man noch heute in der einflussreichen Gesellschaft des Landes.

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