Eingeengt in Korsett und Krinoline

Autor und Nobelpreisträger George Bernard Shaw verglich das Leben eines jungen Mädchens noch um 1900 mit einem Gefängnisaufenthalt: «Home is the girl`s prison.»

Im viktorianischen Zeitalter saß mit Queen Victoria zwar eine Frau auf dem Thron des britischen Imperiums. das änderte aber nichts an der Tatsache, dass ihre Geschlechtsgenossinnen keinen besseren Status in der Gesellschaft inne hatten als den von Sklaven. Und obwohl auch die Königin unter den Vorurteilen der Herrenwelt zu leiden hatte, war sie selbst der Auffassung, dass Frauen kein Gespür für Politik besäßen und besser daran täten, zu heiraten und sich um häusliche Angelegenheiten zu kümmern.

Im viktorianischen Großbritannien (1837-1901) wurden Frauen zwar moralisch überhöht und als aufopferungsvolle, beinahe engelsgleiche Wesen verehrt; gleichzeitig wurde ihnen aber jegliche Eigenständigkeit abgesprochen und sie waren Zeit ihres Lebens rechtlich dem Manne unterstellt – zuerst ihrem Vater, dann dem Gatten, zumindest so lange, bis dieser verstarb. Mit der Unterzeichnung des Ehevertrags fiel sämtlicher ererbter Besitz der Frau ihrem Angetrauten zu. Alles was sie ab diesem Zeitpunkt selbst verdiente, hatte sie an ihn abzugeben. Sie verfügte weder über persönliche Rechte noch den eigenen Körper: Der Mann durfte das Geld seiner Frau für Prostituierte ausgeben, sie bis 1891 mit gesetzlicher Erlaubnis im Hause einkerkern, wenn sie ihm flüchtig wurde und zum Beischlaf und Kindergebären zwingen.

 

Karger Lohn

Der Abhängigkeit ihres männlichen Leumunds zu entrinnen wurde Frauen beinahe unmöglich gemacht. Mädchen erhielten keine oder schlechte Bildung, der Besuch einer Universität war staatlich untersagt und alle gut bezahlten Berufsfelder für sie geschlossen. Frauen arbeiteten hauptsächlich in der Kleiderindustrie, als Haushälterinnen in der Stadt oder Dienstmagd auf dem Land und verdienten einen kargen Lohn.

Die finanzielle Not zwang viele von ihnen in die Prostitution. Und obwohl die Viktorianer ihre moralischen Werte hoch hielten und die «gefallenen Mädchen» mit Abscheu bedachten, blühte im London des 19. Jahrhunderts «das älteste Gewerbe der Welt».

Während sich in der viktorianischen Epoche ausschließlich der Mann mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen befasste, kümmerte sich die Frau um den Haushalt und die Kindererziehung und bemühte sich, ihr Heim komfortabel zu gestalten. Das eigene Haus verkörperte damals den sicheren Hafen, es war ein Zufluchtsort vor der chaotischen Welt, die sich vor der Türe auftat. Gemütlichkeit stand hoch im Kurs und wer es sich leisten konnte, kaufte schicke Polstermöbel, dicke, samtene Vorhänge und stellte Dienstpersonal ein, das sich um die anstrengenden Tätigkeiten, die täglich erledigt werden mussten, kümmerte – denn von Waschmaschinen und Geschirrspülern konnten die Hausfrauen damals nur träumen.

 

Kindersegen

Für die verheiratete Frau war es unabdingbar Kinder zu bekommen. Mutterschaft hatte in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert, bedeutete soziale Absicherung und verbesserte den Status der Frauen. Kinder zu kriegen war Pflicht und Sold, den sie gegenüber dem Staat und ihrem Manne zu leisten hatte. Erst nach der Geburt ihres ersten Kindes, wurde die «Mutter» zu einer «Frau».

In der Mutterrolle könnte sie vollkommen aufgehen, so die gängige Auffassung der damaligen Zeit. Die Kindererziehung würde sie vollends befriedigen und emotional wie spirituell erfüllen. Kinderlosen Geschlechtsgenossinnen begegnete die Gesellschaft bestenfalls mit Mitleid, schlimmstenfalls mit Verachtung. Ihr Zustand galt als fehlerhaft, anormal und nicht erstrebenswert.

Mit der Glorifizierung der Mutternschaft ging gleichzeitig die Annahme einher, dass das Wissen darüber, wie Kinder erzogen werden mussten, nicht naturgegeben war, sondern erlernt werden musste. Kinder zu kriegen wurde zum anspruchsvollen Vollzeitjob. Idealerweise stand die Mutter ihrem Nachwuchs rund um die Uhr zur Verfügung.

Nur wenn das Geld des Mannes zum Überleben nicht ausreichte, gingen auch Frauen der Erwerbstätigkeit nach. Und ihre Doppelbelastung von Familie und Beruf ignorierend, wurde sie in solch einem Fall von der Gesellschaft mit dem Vorwurf bedacht, unverantwortlich und herzlos zu handeln.

 

Reifrock und Korsett

Die viktorianische Mode versinnbildlicht den Status der Frauen in dieser historischen Epoche. Ihre natürliche Figur wurde unter gebundenen, gewickelten, geschnürten Stoffen, Bahnen und Kleiderschichten versteckt. Die Krinoline, der mit Federstahl verstärkte Reifrock, kam in Mode, der es seiner Trägerin unmöglich machte, sich hinzusetzen. Und die Wespentaille, dank festgezurrtem Korsett, verursachte Kurzatmigkeit, Schwindel und Ohnmachtsanfälle. Die viktorianische Frauenmode machte rasches Fortkommen unmöglich, war unpraktisch und schränkte bei jeder Tätigkeit ein. Sie verkörperte das Scheiden von der Realität, dass ihre Trägerin zu einem mystisches und überirdischen Wesen geworden war, dem, trotz aller Verehrung, keine weltlichen Rechte in der Gesellschaft eingeräumt wurden.

Ab den 1830er Jahren gab es auch in der viktorianischen Gesellschaft Bestrebungen, die herrschenden Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Während der Sklavenhandel abgeschafft wurde und die Männer der Arbeiterklasse nach Wahlberechtigung verlangten, begann auch die «weibliche Klasse» grundlegende Rechte einzufordern.

Den Grundstein zu einem gerechteren System legten Frauen wie Emmeline Pankhurst, die sich mit ihrer «Women’s Social and Political Union» gemeinsam mit den Suffragetten bei Demonstrationen und Hungerstreiks für die Einführung des Frauenwahlrechts einsetzte. Oder Elizabeth Blackwell, die dafür kämpfte, dass der Berufsstand der Ärzte auch den Frauen zugänglich gemacht wurde.

An der University of London konnten Frauen ab 1878 akademische Grade erwerben, aber erst nach Ende des Ersten Weltkriegs, im Jahre 1918, zählten ihre Stimmen bei politischen Wahlen. Der Weg zu einem egalitären Geschlechtersystem war ein holpriger und beschwerlicher und von unzähligen Rückschlägen gesäumt, und bis in die Gegenwart wirkt so manches Vorurteil, dass die Viktorianer gegenüber der sozialen Klasse der Frauen hegten, nach.

 

Von Natalie Campbell

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