«Eine Hölle erwartete uns»

Cóndor-Leser Walter Brien erlebte als Kind den Zweiten Weltkrieg mit. Im Folgenden seine Erinnerungen an die Bombardierung von Kassel. «Am 28. August 1939 liefen wir in Hamburg ein. Drei Tage später begann der Zweite Weltkrieg. Ich besitze noch den Pass, in dem dies vermerkt ist.» So beginnen seine Aufzeichnungen, die er dem Cóndor freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Kassel gehört neben Dresden, Hamburg, Pforzheim und Darmstadt zu den deutschen Städten mit den höchsten Opferzahlen durch alliierte Luftangriffe. Den schwersten Luftangriff erlebte die Stadt am 22. Oktober 1943 im Rahmen der britischen Area Bombing Directive. Das Zentrum Kassels, das früher als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands galt, wurde zerstört.
Kassel gehört neben Dresden, Hamburg, Pforzheim und Darmstadt zu den deutschen Städten mit den höchsten Opferzahlen durch alliierte Luftangriffe. Den schwersten Luftangriff erlebte die Stadt am 22. Oktober 1943 im Rahmen der britischen Area Bombing Directive. Das Zentrum Kassels, das früher als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands galt, wurde zerstört.

Die ersten Wochen hielten wir uns bei den Eltern meines Vaters in Frankfurt auf. Da durch den Krieg an eine Heimreise nicht zu denken war, nahm mein Vater eine Stelle als Hilfspfarrer in der Brüdergemeinde in der Altstadt Kassels an. Zuerst wohnten wir in Kassel-Wilhelmshöhe im Haus meiner gerade verstorbenen Großeltern, bis das Pfarrhaus in der Weserstraße, Niederzwärn, ein Arbeiterbezirk der Großindustrie Hensche, frei wurde.
Dortselbst wurde ich eingeschult und lernte erst die Deutsche Schrift und ein Jahr später die allgemein übliche, lateinische Schrift. Das Haus hatte einen sehr großen Garten, der zum Spielen einlud.
1942 traf die Edertalsperre eine Mine und das Stauwasser überschwemmte weite Teile die Umgebung der Weser, Fulda und Werra. Das Wasser stieg bei uns einige Meter hoch und wir mussten schleunigst ausziehen, nachdem wir das Wichtigste in den zweiten Stock gebracht hatten.
Nach einigen Tagen konnten wir wieder einziehen. Doch wie sahen das Haus und der Garten aus! Alles mit einer dicken Sachlammschicht überzogen! Man kann sich vorstellen, wie wir arbeiten mussten, bis alles wieder sauber war.
Inzwischen konnte die deutsche Luftwaffe die immer größeren und öfter nach Deutschland drängenden Bombergeschwader nicht mehr aufhalten. So wurde Nacht für Nacht eine deutsche Stadt gewählt, die systematisch zerstört wurde.
Anfänglich suchten die Alliierten nach strategischen Zielen, doch Churchill ernannte einen General («Bomben-Harry») mit dem Auftrag auch die Zivilbevölkerung zu bombardieren, um den Kriegswillen der Zivilbevölkerung zu untergraben.
In den sechs Kriegsjahren warfen die Engländer und Nordamerikaner 1.350.000 Tonnen Bomben auf Deutschland ab, und zerstörten außer der beinahe ganzen Industrie 40 Prozent der Wohnungen. So war es nur logisch, dass Kassel, besonders die Altstadt (Henschel), sehr stark zerstört wurde. Herrmann Göring konnte ab Ende 1942 die deutsche Luftherrschaft nicht mehr aufrecht erhalten, immer leichter kamen am Tag die Amerikaner und in der Nacht oder abends die Engländer. Im Oktober 1943 erwischte es dann unser Pfarrhaus.

Vollalarm und Angriff
Anfang Oktober hatte ein Luftangriff unser Dach abgedeckt. Dass wir mühsam wieder decken mussten. Auch fanden wir auf dem Dachboden eine nicht gezündete Brandbombe. Wäre sie explodiert, hätte schon dann unser Haus in Flammen gestanden.
Am 17. Oktober 1943 war es soweit. Um etwa 20 Uhr abends, wir saßen zusammen und spielten «Sag nichts über Pulok», ein Vorläufer des Scrabble. Erst kam ein Voralarm, da man ja nie wusste, welche Stadt von den Alliierten gewählt war. So gab es Voralarm in jeder Stadt, die von den Geschwadern überflogen wurde. Als nun klar war, dass diese Nacht Kassel dran war, gab es Vollalarm.
Wir gingen in den Keller. Jeder hatte einen Koffer, der mit musste mit den wichtigsten Kleidungsstücken und Habseligkeiten. Und schon fielen die ersten Bomben. Die Bombardierung war voll systematisch. Daher sprach man von einem Bombenteppich. Alle 30 Meter im Quadrat eine Bombe, sodass kein Fleck sich rettete. Die Bomben trafen Gebäude oder Gartenflächen, ganz egal. Die Bomber flogen in Reih und Glied, und wo die letzte Bombe vom vorhergehenden Flugzeug ausgeklinkt wurde, ließ das nächste Flugzeug seine Bombenlast los. Ordentlich, eine Bombe nach der anderen.
Ich habe Filme gesehen, die bei dem Angriff auf Dresden gefilmt wurden. Ein richtiger Hexensabbat ! Ich höre noch jetzt, wie die Bomben langsam immer näher fielen. Solange sie weiter weg fielen, pfiffen sie bevor, sie aufschlugen. Doch als sie genau über uns waren, explodierten sie ohne zu pfeifen. Der Pfiff ging in der Explosion unter. Dies heißt in der Physik der Dopplereffekt.
Unser Keller war ein Öffentlicher Luftschutzkeller, sodass viele Arbeiternachbarn der Umgebung, die keinen Keller hatten, zu uns kamen. Am Abend des Angriffs waren in unserem Keller 106 Personen, von denen sich nur etwas über 60 retteten.
Inge war auf dem Nonnenhof bei ihrer Patentante und machte dort ihr Arbeitsjahr, sodass nur meine Eltern, Werner und ich im Keller waren. Je näher die Bomben explodierten, desto enger umarmten wir uns. Wenn es uns treffen sollte, dann alle auf einmal. Die Angst war unbeschreiblich.
Der Angriff dauerte etwa eineinhalb Stunden, doch noch Wochen nach dem Angriff explodierten die Blindgänger und Zeitbomben. Eine Zeitbombe ist eine Bombe mit einem Uhrwerk, das eingestellt werden kann, wie lange nach dem Abwurf die Explosion erfolgen sollte. Eine grausame Raffinesse, ist doch das Einschlagloch oft nicht zu sehen und ungeahnt geht auf einmal irgendwo und irgendwann die Bombe hoch, noch Tage nach dem Angriff!
Angsterfüllt suchten wir einen Weg aus dem brennenden und zerstörten Haus. Die Kellerluke erwies sich als ein unmöglicher Ausgang, da eine Phosphorbombe davor ausbrannte. Es blieb also nur die Kellertreppe ins brennende Haus. Und dann raus in den Garten.
Meine Eltern verlangten, dass ich meinen Trainingsanzug, den ich an hatte, triefend nass machte. Um den Kopf ein nasses Handtuch. Dann ging es an der Hand meiner Mutter die Treppe hoch. Kurz davor lag ein wimmernder Mann bis ans Kreuz verschüttet. Man konnte ihn nicht herausziehen, da immer neues Geröll nachrutschte. Dieser arme Mann musste so sterben.

Feuersbrunst
Schon auf der Treppe merkte man die große Hitze. Ein Blick zurück in die Halle des Hauses. Ein Schauspiel! Die Trägerbalken lagen kreuz und quer brennend auf dem Boden. Alles brannte. Dann ging es durch den brennenden Haustürrahmen, denn die Haustür war durch den Bombendruck rausgeflogen. Man kam sich vor wie ein Zirkustiger, der durch den brennenden Ring des Dompteurs springt.
Endlich waren wir im Garten. Eine Hölle erwartete uns. Rings um uns standen sämtliche Häuser lichterloh in Flammen. Kein einziges hatte sich gerettet. Ein starker Wind empfing uns. Mein triefend nasser Trainingsanzug war knochentrocken. Das zeigte, wie heiß es gewesen sein musste, als wir durchs brennende Haus gingen. Die hohe Temperatur hatte einen Feuersturm ausgelöst, so wie man es in einem brennenden Ofen hat.
Mein Vater hatte bereits einen großen Bombentrichter im Garten ausfindig gemacht; etwa acht Meter im Durchmesser und fünf Meter tief. Dieser sollte uns die Nacht durch etwas schützen, denn durch die Nacht flogen brennende Fetzen und Funken durch den Feuersturm aufgewirbelt. Meine Mutter wachte die ganze Nacht über uns und schlug die brennenden Geschosse aus. Als Resultat dieser Nachtwache war sie am nächsten Morgen blind durch den ständigen Rauch. Ein Arzt bestätigte jedoch dass diese Blindheit nur vorübergehend sein würde.
Am nächsten Morgen zogen wir zu Fuß mit den wenigen Habseligkeiten an der Hand nach Hofgeismar, eine Kreisstadt 27 Kilometer nördlich von Kassel. Dort wohnten Verwandte von uns, und wir hofften von ihnen aufgenommen zu werden. Anmelden konnten wir uns nicht, da natürlicherweise sämtliche Verbindungen unterbrochen waren. Ein Stück nahm uns später ein Lastwagen mit.
Da saßen wir nun, alles aber auch alles verloren. Werner und Papi retteten gerade noch ihren Koffer, aber die Koffer von Mami und mir sind in dem entstandenen Durcheinander unter gegangen. Nur das, was wir auf dem Leibe hatten, besaßen wir. Retten konnten wir nichts.
Und doch ging das Leben weiter, auch ohne Hab noch Gut. So lernten wir schon früh, mit wie wenig man auskommen kann. Ersatz gab es nicht, da man das Meiste ja nur mit Lebensmittelkarten bekommen konnte.
Während meine Eltern im Hof unserer Verwandten aus einer Garage und früheren Kutscherwohnung eine provisorische Bleibe bastelten, schickten sie Werner und mich zu einem befreundeten Pfarrerehepaar nach Beneckenstein im Harz, das uns liebevoll aufnahm. Dort erlebten wir auch Weihnachten, das erste Weihnachten nach dem Angriff. Geschenke gab es kaum, doch das Wertvollste war uns geblieben: die Liebe.

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