Eine abenteuerliche Pferdetour durch die Anden

Oswald Heinrich Freiberger war von 1893 bis 1906 Lehrer an der Deutschen Schule in Osorno. Im Folgenden der zweite und letzte Teil seiner Tagebucheintragungen, die dem Emil-Held-Archiv vorliegen.

4113_p13

Das Bett war schnell aus Fellen und Decken bereitet. Als Kopfkissen benutzte man den Sattel oder einige Stück Holz oder einige Steine, über welche die großen Reitstiefel gelegt wurden. War auch das Lager mörderisch hart, so entschwebten doch bald unsere Seelen in die seligen Traumgefilde. Nur die ersten Nächte ließ Freund Morpheus etwas auf sich warten. Wenn auch die Abende noch so angenehm mild waren, gegen Morgen machte sich doch immer ein kalter schneidiger Wind bemerkbar. Wie ein Eiszapfen fühlte sich manchmal meine Nasenspitze an. Schnell zog ich dann einige Decken vollständig über das Gesicht hinweg und ließ meine Nase durch eine kleine Öffnung an der Seite vorsichtig hinaus lugen.
Die Kälte gegen Morgen erleichterte uns recht das Aufstehen, wenn kaum der Tag graute. Der erste Gang galt dem erloschenen Feuer, dasselbe wurde schnell wieder geschürt, um die erstarrten Glieder etwas wärmen zu können. Zum Morgenimbiss wurde Kaffee oder Tee gekocht; dazu gab es trockenes Brot mit Käse oder einem Stückchen Wurst, solange wir eben solche Leckerbissen noch hatten.
Nach dem Kaffee wurden schnell die Maultiere wieder beladen und dann gings vorwärts. Wir ritten so täglich 10 bis 12 Stunden. Mittags wurde nur eine kurze Pause gemacht. Da gab es kalte Küche, vielfach nur Harina mit Wasser. Den dritten Tag führte unser Weg fast immer am Ufer des Sees entlang. Auf der entgegengesetzten Seite türmten sich schon hohe Berge auf. Meistens waren sie in Wolken gehüllt, nur manchmal zerriss oben der Wolkenschleier und hoch über den Wolken erblickte man die schneebedeckten Häupter einiger Vulkane.
Diesen Tag passierten wir auch den Passo Peligro, vor dem alle Leute bangen, wenn sie in die Bäder von Puyehue reisen. Wir stiegen bei dieser Stelle ab und fanden auch den Pass fast gefährlich. Aber auf der Rückreise, nachdem wir zweimal die Kordilleren überschritten hatten, lachten wir über diese Stelle.

Badetour
Gegen Abend des dritten Tages erreichten wir die Bäder. Ein Ems oder Karlsbad ist es freilich nicht, doch uns waren die Bäder sehr wichtig als letzte Station vor dem Übergang über die Kordilleren.
Drei Tage lang mussten wir wegen schlechten Wetters in den Bädern rasten. Glücklicherweise hatten wir einen äußerst gemütlichen Gesellschafter, Don Jorge von Bischoffshausen, der mit seinen Witzen uns die Zeit recht angenehm verkürzte. Den dritten Tag hellte sich das Wetter endlich auf und wir beschlossen aufzubrechen. So schnell wie es möglich war, wurden unsere Tiere gefangen und gesattelt, aber erst gegen sechs Uhr Abends konnten wir endlich zum Abmarsch schreiten. Wir konnten diesen Tag nur den See erreichen.
Nächsten Morgen, den 24. Januar, wurde in aller Frühe nach dem nahen Ñadi aufgebrochen. Auf den Weg bis dahin hatten wir Pech mit unserem Langohr. Beim durchreiten durch ein Sumpfloch war dieser, der stets seine eigene unverbesserliche Selbstständigkeit durchzusetzen suchte, von dem Weg abgebogen und hatte einen Seitenweg eingeschlagen. Niemand war ihm gefolgt und als wir uns dann nach diesem grauhaarigen Wesen umschauten, war er von der Bildfläche verschwunden. Während meine zwei Kollegen bei den übrigen Tieren blieben, sprengte ich mit unserem Mozo zurück, ihn zu suchen.
Auf der Weiterreise holten wir einige Argentinier ein, die auf der Heimreise waren. Es waren zwei Indianer mit Frau und Kind. Uns war die Vergrößerung unserer Karawane sehr angenehm, weil wir an den Indianern sichere Wegweiser hatten.
Der Weg führte eine Zeitlang am Golgol-Fluss entlang. Fortwährend ging es bergauf und bergab. Unter uns brauste der Strom, über uns verschmälerten überhängende Bäume noch mehr den an für sich schon schmalen steinigen Weg. Steile Felswände schließen rechts und links das Flusstal ein. Lichteten sich die Bäume, so konnten sich unsere Augen an prächtigen Felspartien weiden. Zahlreiche Baumstämme hatten wir, beziehungsweise unsere Gäule, zu überspringen.
Aber auch Baumstämme versperrten uns den Weg, die in Reiterhöhe sich quer über unseren Weg gelegt hatten. Bei einem dieser Querbäume versäumte Herr Möller es, sich genügend zu beugen, so dass er der Mutter Erde mit Eleganz sich in die Arme warf. Er rieb sich zwar ein bisschen den alleredelsten Körperteil, doch waren die Knochen noch alle ganz. Er hatte sich eine ungünstigere Stelle zum Heruntersegeln ausgesucht als einige Tage vorher Herr Schürman vor den Bädern, der hatte sich wenigstens den tiefsten Dreck auserwählt, so dass er äußerst weich fiel. Nächsten Tag brachte ich auch jenes Kunststück, vom Pferde hinunter zu fallen, fertig.

Viehtreiber
Gegen Abend des zweiten Reisetages holten wir Herrn Cárdenas ein, welcher mit Herrn Hube einiges Vieh nach Argentinien trieb. Hier konnten wir recht sehen, welch furchtbare Arbeit es kostet, das Vieh fortzutreiben. Bald rechts, bald links lief es in den Wald. Es war unmöglich, das Vieh zusammenzuhalten. Gegen Abend wurde an einem geeigneten Platz in aller Eile ein Corral errichtet (ein umzäunter Raum), in den das Vieh dann getrieben wurde. Doch von den 70 Stück, die Herr Cárdenas ins Jenseits führen wollte, brachte er diesen Abend noch nicht 20 in den Corral. Nächsten Tag musste gerastet werden; um das zurückgebliebene Vieh einzutreiben.
Wir blieben die Nacht bei Herrn Cárdenas, schlugen unser Lager auch im Corral auf. Die Furcht, dass mir die lieben guten Ochsen oder deren liebliche Ehegespenste auf meinen Hühneraugen herum trampeln möchten, ließ mich in keinen festen Schlummer fallen.
Den folgenden Tag, den 30. Januar, brachen wir in aller Frühe auf, den Viehaufstöbernden Cárdenas zurücklassend. Die Steigung fing an, stärker zu werden. Colihue hörte auf. Wir kamen in das Gebiet des Kondors. Der riesige Urwald mit seinen urwüchsigen Gesellen, die uns manchmal das Bein gestellt hatten, lag hinter uns. Wir hatten jetzt lichten Wald. Die Zweige der Bäume waren fast alle mit lang herabhängenden Flechten bedeckt und gewährten ein ganz eigenartiges Bild. Zu unsern Füßen war ein Gewirr von etwa einem halben bis einen Meter hohen Canelo-Stämmchen. Vielfach war der Weg schwer zu finden. Nur an den abgetretenen Rindenstückchen der Canelos hatte man einen kleinen Wegweiser.
Lange, lange Zeit fanden wir kein Wasser. Der letzte Tropfen Schnaps ist schon längst die durstige Kehle hinuntergeglitten. Alles lechzt nach einer Erfrischung. Herr Schürman, der viel zu Fuß gegangen ist, verschmachtet fast. In der Verzweiflung greift er zur Spiritusflasche, und tut einen kräftigen Schluck von diesem 96-grädigem Spiritus. «Wie Feuer lief das die Gurgel hinunter», meint er. Immer noch kein Wasser. Da öffnet sich vor uns der Wald, eine liebliche Pampa breitet sich vor uns auf, im Hintergrund durch steile Felsen abgeschlossen, und da, im Schatten eines Baumes, blickt uns etwas Weißliches entgegen.
Es ist Schnee! Schnell sind wir vom Pferd heruntergesprungen und haben auch schon eine Hand voll Schnee am Munde und schlürfen gierig das köstliche Nass ein. Zwei Jahre waren es her, dass ich keinen Schnee mehr in der Nähe gesehen hatte. Hätte nicht gedacht, als ich damals am 21. Februar 1891 vom eisigen und schneeigen Deutschland Abschied nahm, dass mir der nächste Schnee, den ich erblicken würde, solch ein Labsal bereiten würde.

Wasser in der Pampa
Bald nahm uns wieder jener lichte Wald auf. Schließlich begrüßten wir Herrn Hube mit seinem Mayordomo. Herr Hube war mit seinem Vieh ein paar Tage vor uns von den Bädern abgereist. Er hatte sein Vieh bereits auf den großen Pampas. Er war mit seinem Generalstabschef auf einen Bergkegel geklettert, um von dort aus nach einem andern Passübergang auszuschauen.
«Wasser, Wasser, Herr Hube!», waren unsere ersten Worte, die wir sehnsuchtsvoll an ihn richteten. Nur notdürftig hatten wir auf der ersten Pampa unsern riesigen Durst mit Schnee gestillt. Jetzt war unsere Kehle schon wieder trockener als je vorher. Schnee hatten wir nicht wieder gefunden. Bald nahte Erlösung unserer Qual. Nach einem Ritt von etwa einer halben Stunde kamen wir in eine Schlucht, da sprudelte es silberhelle hervor. Wie hungrige Wölfe stürzten wir uns darüber. Wie prächtig schmeckte doch jetzt der «cacho» (Horn) voll Wasser.
Dann ging es weiter. Am Nachmittag gelangten wir an zwei liebliche Seen, Los Mellizos genannt. Unter einigen Bäumen schlugen wir unser Lager auf. Für heute sollte es genug sein. Niemals auf der ganzen Reise haben wir einen schöneren Lagerplatz gehabt wie an diesem Tage. Ganz in unserer Nähe rieselte ein kleiner Bach vorüber. Blicken wir den Weg zurück, den wir gekommen sind, da schweifen unsere Augen über eine weite ziemlich ebene Fläche. Zur Linken schaut das Auge über ein weites Tal, das in weiter Entfernung von dem prächtigen Vulkan Tronador abgeschlossen wird, dessen drei von Schnee schimmernden Spitzen kirchturmartig zum Himmel emporragen. Am nördlichen Ufer des Nahuelhuapi-Sees beendeten wir diesen schönen Ferien-Ausflug, und nun ging es auf dem schnellsten Weg zurück nach Osorno.

Ende der Serie

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*