Ein Leben fürs Vaterland

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Im Kampf gegen Bolivianer und Peruaner: das chilenische Grenadier-Regiment zu Fuß im Salpeterkrieg 1879.

Selten liest sich Geschichte so spannend: Der Offizier José Miguel Varela berichtet über seine Teilnahme im Salpeterkrieg, seinen Einsatz in Araukanien und im chilenischen Bürgerkrieg.

Von Arne Dettmann

Am Ende packt den einst so patriotischen Offizier nur noch die Wut auf das undankbare Vaterland Chile. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern im Bürgerkrieg von 1891 findet José Miguel Varela Unterschlupf in einer kleinen Hütte aus Lehmziegeln, umgeben von Zwiebelfeldern in dem winzigen Nest El Paico bei Santiago. Die Kriegsverletzung an der linken Körperseite ist wieder aufgebrochen und entzündet, Fieber und Verlassenheit treiben den Soldaten zur Verzweiflung. In einem Anfall von ohnmächtiger Raserei wirft er seine Ehrenmedaillen und Kriegsauszeichnungen in einen trüben Bewässerungskanal. «Mit ihnen versank auch mein Glaube an das Heer und die Verantwortlichen dieses Landes, denen ich doch mein Leben gewidmet hatte.» – Wie war es bloß zu diesem tragischen Finale gekommen?
José Miguel Varela Valencia wird am 23. September 1856 in Concepción geboren. Mit 22 Jahren schließt er sein Studium der Rechtswissenschaften ab und wird Lehrer für Geschichte und Französisch. Beim Ausbruch des Salpeterkrieges 1879 meldet er sich freiwillig und wird Fähnrich im Grenadier-Regiment zu Pferde. Der junge Mann strotzt nur so vor Tatendrang und will sich im Kampf um die Salpeterfelder im Norden als echter Patriot beweisen.
Anstatt bewaffneter Feinde werden die chilenischen Soldaten erst einmal mit der sengenden Hitze im Norden konfrontiert. Nach seiner Landung im Hafen von Antofagasta muss Varela mit seiner Truppe einen Gewaltmarsch durch die Wüste gen Norden zurücklegen. Von Durst an den Rand des Wahnsinns gebracht, trinken die Soldaten ihren eigenen Urin, um zu überleben. Einige sterben, andere meutern gegen die Heereslogistik, die von Varela als mangelhaft und unverantwortlich scharf kritisiert wird.
Am 26. Mai 1880 nimmt der Fähnrich an der Schlacht von Tacna teil, bei der etwa 14.000 chilenische Soldaten unter Führung von General Manuel Baquedano den Sieg gegen Peruaner und Bolivianer davon tragen. Schätzungsweise bis zu 2.800 Gegner fallen; auf chilenischer Seite sind es zwischen 1.400 bis 2.100. So steht es zumindest nüchtern in den Geschichtsbüchern.

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Das Grenadier-Regiment zu Pferd in Calama: In dieser Einheit diente der Fähnrich José Miguel Varela.

Doch was das im Detail bedeutet, schildert Varela plastisch: Kugeln pfeifen durch die Luft und reißen Menschen dahin, der Offizier metzelt mit seinem Säbel vom Pferd aus die Feinde in Stücke, so dass am Ende der Gaul sowie sein Reiter von Blut durchtränkt sind. Nach dem Morden gehen Soldaten über das Schlachtfeld, um verwundeten Gegnern und Pferden den Gnadenschuss zu versetzen. In den überfüllten Lazaretten amputieren unterdessen Ärzte Beine und Arme von Verwundeten und versuchen zu retten, was noch zu retten ist.
Nach der Schlacht erhalten Varela und weitere Soldaten den Auftrag, die liegengelassenen Kadaver der gegnerischen Truppen «so gut es eben geht» zu beerdigen, denn schon haben herumstreunende Hunde die Leichname entdeckt. Und als es eben nicht mehr geht, werden die Leichen zu Haufen aufgestapelt, mit Kerosin übergossen und angezündet.
Varela beschreibt solche Horrorszenen und andere Vorkommnisse – Vergewaltigungen, Meuterei und Exekutionen, Fahnenflucht, Aufstände im Besatzungsgebiet – zwar ohne jeglichen Gefühlsschwulst, bleibt dabei aber durchaus nicht gleichgültig, sondern lässt immer wieder offen und ehrlich durchblicken, wie sehr ihn diese furchtbaren Ereignisse erschüttern. Die eigene Todesangst kurz vor dem Gemetzel und was ihm dabei durch den Kopf geht kommt zur Sprache und verleiht dem Text eine ungeheure Authentizität.

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Eroberungsfeldzug im Norden: chilenische Truppen auf dem Hauptplatz von Iquique.

So schrecklich das Blutvergießen, umso viel größer dann die Erleichterung beim Augenblick, wenn Varela nach seiner Teilnahme in der Schlacht von Chorrillos am 13. Januar 1881 schließlich mit seinen Landsleuten in Lima einmarschieren kann. Hier wird der Rechtsanwalt beauftragt, den Bestand der Nationalbibliothek zu katalogisieren und Werke als Teil einer Kriegsentschädigung nach Chile verfrachten zu lassen.
Seine Schilderungen der peruanischen Hauptstadt, die der Chilene ganz neidlos als prächtig und glanzvoll bezeichnet, lesen sich wie ein detaillierter Reiseführer und legen den Schluss nahe, dass hier ein gelehrter Autor am Werk war, der mit offenen Augen und Neugierde durch die Welt gegangen ist.
Doch der Protagonist blickt auch kritisch auf sein eigenes Land. Nach seinen Beförderungen und einer Zeit als Lehrer in Santiago wird der Offizier im Jahr 1884 nach Südchile beordert, um dort die sogenannte Pacificación de La Araucanía voranzutreiben. Zunächst vom Husaren-Regiment in Angol aus hat er es mit marodierenden Räuberbanden, einfallenden argentinischen Soldaten und den Mapuche zu tun. Später benennt ihn Präsident José Manuel Balmaceda zum Kommissionsleiter der staatlichen Landvergabe.
Schnell bemerkt der Jurist, wie es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht und sich riesige Latifundien auf Kosten der indigenen Bevölkerung herausbilden. Varela verweigert seine Zustimmung und macht sich somit einflussreiche Familien zum Feind, erfährt allerdings die Unterstützung des Präsidenten, der ihn aufmuntert, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Doch schließlich wird der Druck zu groß, Varela entgeht nur knapp einem Mordanschlag und kündigt daraufhin seinen Job als Kommissionsleiter; 1890 tritt er freiwillig aus dem Heer aus.

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Im wilden Araukanien im Jahr 1885: eine chilenische Heereseinheit auf Erkundungstour in der Nähe vom Vulkan Lonquimay.

Nur ein Jahr später wird der ehemalige Offizier von Balmaceda in die bewaffneten Reihen zurückberufen. Der Bürgerkrieg bricht aus, und Varela hält treu zum Präsidenten, der sich gegen das Parlament und die chilenische Marine zur Wehr setzen muss. Varela empfindet diesen «Kampf unter Brüdern» als eine einzige Tragödie: Ehemalige Kameraden, die im Salpeterkrieg noch Seite an Seite gefochten haben, stehen sich nun unversöhnlich gegenüber.
Am 28. August 1891 prallen dann die eigenen Landsleute in der Schlacht von Placilla bei Valparaíso aufeinander. Die regierungstreuen Truppen erleiden die entscheidende Niederlage, Varela wird schwer verletzt und kann nur mit Hilfe eines Soldaten zu Fuß bis nach Santiago entkommen. In der Nähe von Melipilla versteckt ihn sein Onkel vor seinen Verfolgern. Hier rechnet Varela völlig verbittert mit seiner Loyalität zum Vaterland samt dessen Militär ab.

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Chilenischer Bürgerkrieg 1891: Soldaten auf der Seite des revoltierenden Parlaments.

Dennoch hat die Geschichte eine Happy End. Balmaceda treue Soldaten und Offiziere erhalten eine Amnestie, Varela kann wieder als Rechtsanwalt und Notar arbeiten, unternimmt Reisen in die USA und Europa, wo er in Italien seine zukünftige Ehefrau, eine Chilenin, kennen lernt. Diese stirbt sehr früh und hinterlässt dem Witwer die beiden Söhne.
Zum 100. Jubiläum der chilenischen Unabhängigkeit nehmen die Veteranen aus dem Salpeterkrieg an einer Militärparade teil. Für den alten Haudegen Varela stellt das eine Versöhnung dar, wenn auch ein bitterer Nachgeschmack bleibt: Tausende der «Hilfs- und Hafenarbeiter, Lehrer, Bauern, Studenten, Künstler, Sattler, Bauarbeiter, Schneider sowie Hunderte von Zivilisten, die einmal unter der gleichen Flagge für den Ruhm Chiles gekämpft hatten», so Varela, seien nie oder nur sehr wenig für ihren aufopferungsvollen Einsatz angemessen vom Staat bezahlt und entschädigt worden.4168-4169_p26-27_1
«Un veterano de tres guerras» liest sich nicht nur mit Blick auf die Militärgeschichte Chiles wie ein spannender historischer Roman. Varela gibt auch detaillierte Einblicke in Städte und Orte sowie das gesellschaftliche Leben zu jener Zeit. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass ein Brief mit der Post von Angol bis nach Santiago per Eisenbahn vier bis sieben Tage brauchte. Heute, 130 Jahre später, geht es oftmals nicht viel schneller, ganz im Gegenteil.
Natürlich kommen in dem Buch auch Deutsche drin vor. Varela berichtet von einer Krupp-Kanone, die im Salpeterkrieg eingesetzt und von einem blonden «teutón» bedient wird. In Temuco nimmt Varela Ende 1887 an der Einweihung der Deutschen Schule teil. Und in Angol wiederum gehörten viele betrunkene Bürger des Abends zum alltäglichen Bild, so Varela. Der Grund: Drei große Brauereien hätten dort ganz ausgezeichnete Biere hergestellt.
Dass dieses Werk überhaupt vorliegt, geht auf den Autor Guillermo Parvex zurück, einem Journalisten, der die handgeschriebenen Aufzeichnungen von seinem Großvater erhalten hatte. Diesen verband in den 1930er Jahren in Valdivia eine enge Freundschaft zu Varela, der dort 1941 starb und zuvor über seine Erfahrungen in den drei Kriegen erzählt hatte. Der Zuhörer notierte eifrig – und erst sieben Jahrzehnte später begann der Enkel die Manuskripte zu lesen, zu ordnen, aufzubereiten und der Akademie für Militärgeschichte zu überreichen.
Diese hat «Un veterano de tres guerras» Ende vergangenen Jahres herausgebracht. Laut eigenen Aussagen wären die Geschichtsexperten schon zufrieden gewesen, wenn man einen Verkauf von 2.000 Exemplaren erreicht hätte. Mittlerweile gilt das Buch als Bestseller und wurde nach mehreren Auflagen nun schon über 30.000-mal verkauft.
Das Geheimnis dieses unerwarteten Erfolges liegt sicherlich nur zum Teil darin, dass das Buch mit dem gegenwärtigen Mapuche-Konflikt und der Klage Boliviens vor dem Internationalen Gerichtshof bezüglich des verlorenen Zugangs zum Pazifik aktuelle Bezüge aufweist.
Nein, der eigentliche Reiz der Lektüre ist vielmehr in der Person von Varela selbst zu suchen. Seine Beschreibungen der Kriege wirken glaubwürdig und aufrichtig, in ihnen ist kein Platz für chauvinistisches Heldentum. Im Gegenteil: Varela erzählt freimütig, wie er angesichts der erlebten Grausamkeiten weint und verzweifelt. Der Offizier und Rechtsanwalt durchläuft Höhen und Tiefen des Lebens. Er ist Mitbegründer von Bildungseinrichtungen für sozial benachteiligte Kinder, ihm liegt sein Land wirklich am Herzen. Und seine Freundschaften zu den Pferden, die ihn zigtausende von Kilometern durch Chile tragen, sind einfach nur rührend.

Info: «Un veterano de tres guerras» von Guillermo Parvex, Academia de Historia Militar, ISBN 978-956-8989-01-9

Link: www.academiahistoriamilitar.cl

 

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