Dreißigjähriger Krieg 1618-1648: Die Urkatastrophe der Deutschen

Dreißigjähriger Krieg 1618-1648: Marodierende Soldaten bedrohen eine Familie: Gemälde von Sebastian Vrancx, 1647, Deutsches Historisches Museum Berlin.
Dreißigjähriger Krieg 1618-1648: Marodierende Soldaten bedrohen eine Familie: Gemälde von Sebastian Vrancx, 1647, Deutsches Historisches Museum Berlin.

 

Vor 400 Jahren begann ein Konflikt, der sich zum Dreißigjährigen Krieg auswuchs. Millionen Menschen starben. Weite Teile Deutschlands wurden verwüstet.

 

Münster/Osnabrück (dpa) – Zitternd drängen sich Vater und Mutter Friese mit ihren Kindern auf dem Dachboden zusammen. Sie stehen Todesangst aus. Gestern noch war ihre Welt in Ordnung. Da lebten sie als wohlhabende Bürger in einer der bedeutendsten deutschen Städte, größer als Berlin, größer als München: Magdeburg. Aber an diesem Morgen des 20. Mai 1631 sind feindliche Soldaten in die Stadt eingedrungen. Sie plündern, brandschatzen und morden.

Jetzt kauern die Frieses auf dem Speicher. Vielleicht werden die Totschläger sie hier oben nicht finden? Aber da – plötzlich steht einer in der Tür, in der Hand einen Spitzhammer. Sofort geht er auf den Vater los. Mutter und Kinder schreien panisch. Ist das das Ende?  

Da tritt der jüngste Sohn auf den Soldaten zu, der kleine Christian, der erst vor kurzem laufen und sprechen gelernt hat. «Ach, lasst doch nur den Vater leben!», bittet er. «Ich will euch gerne meinen Dreier, den ich den Sonntag bekommen, geben.» In modernem Deutsch: «Bitte lassen Sie meinen Papa leben! Ich gebe Ihnen auch das Taschengeld, das ich Sonntag bekommen habe.»

Und da geschieht es: Der Angreifer hört auf zu schlagen. Seine Gesichtszüge entspannen sich, er lächelt. Es ist, als hätten die Worte des Jungen wieder Menschlichkeit in ihm geweckt. Er blickt auf Christian und seine Brüder herab und sagt im Dialekt seiner fränkischen Heimat: «Ey, das sind feine Bübel!»

Die bewegende Schilderung stammt von Christians damals zwölf Jahre altem Bruder Johann Daniel Friese. Die Familie überlebte mit viel Glück das größte Inferno des Dreißigjährigen Krieges, die Zerstörung Magdeburgs. Damals starben an einem Tag 20.000 der etwa 30.000 Einwohner. Der Historiker Christian Pantle spricht vom «Hiroshima des Dreißigjährigen Krieges».

 

Prager Fenstersturz

Am 23. Mai ist es genau 400 Jahre her, dass der Krieg mit dem Prager Fenstersturz begann. Dabei wurden katholische Statthalter von wütenden Protestanten aus einem Fenster der Prager Burg geworfen. Aus dieser lokalen Krise im Königreich Böhmen entwickelte sich der verheerendste Konflikt der deutschen Geschichte bis zum Ersten Weltkrieg 300 Jahre später.

Der sogenannte Zweite Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618: Vertreter der protestantischen Stände stürzen zwei königlichen Statthalter sowie einen Kanzleisekretär aus der Prager Burg. Die drei Opfer überlebten, doch der Fenstersturz markierte den Beginn des Aufstands der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger und gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648).
Der sogenannte Zweite Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618: Vertreter der protestantischen Stände stürzen zwei königlichen Statthalter sowie einen Kanzleisekretär aus der Prager Burg. Die drei Opfer überlebten, doch der Fenstersturz markierte den Beginn des Aufstands der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger und gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648).

Genaue Opferzahlen sind zwar nicht bekannt. Die Mehrheit der Historiker nimmt aber an, dass die Bevölkerung Deutschlands von 15 bis 16 Millionen auf weniger als 12 Millionen sank. Dabei waren die Regionen unterschiedlich stark betroffen: Ein Korridor der Zerstörung zog sich von Mecklenburg-Vorpommern über Mitteldeutschland und Hessen nach Bayern.

Wenn man den prozentualen Anteil der Bevölkerung, der durch den Konflikt umkam, zum Maßstab nimmt, war der Dreißigjährige Krieg sogar der blutigste überhaupt: Selbst nach den vorsichtigsten Schätzungen verringerte sich die Bevölkerung um 15 Prozent, vor allem durch Seuchen. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger gibt den aktuellen Forschungsstand wieder, wenn er schreibt, der Dreißigjährige Krieg müsse «zu den gewalttätigsten, brutalsten und zerstörerischsten Kriegen der Geschichte gezählt werden».

 

Ursachenforschung

Wie konnte es zu der Urkatastrophe der Deutschen kommen? Es gibt mehrere Erklärungen. Die neueste: Das Klima war schuld. Im 17. Jahrhundert erlebte Europa das Gegenteil der derzeitigen Klimaerwärmungeine Kleine Eiszeit. Es war im Durchschnitt zwei Grad kälter als heute, der erste Schnee fiel schon im Herbst. Die Sommer waren kurz, kühl und nass, was zu Missernten und dadurch zu einer Verteuerung von Lebensmitteln führte.

«Während der größere Teil der Gesellschaft tendenziell verarmte, zeitweise sogar hungerte, machten Grundherren, Großbauern, Händler, aber auch Müller, Bäcker und Metzger glänzende Geschäfte», schreibt der Historiker Georg Schmidt. «Die Schere zwischen Reich und Arm, zwischen oben und unten öffnete sich weiter.»

Der Galgenbaum: Darstellung von Kriegsgräueln während des Dreißigjährigen Krieges nach Jacques Callot (1632)
Der Galgenbaum: Darstellung von Kriegsgräueln während des Dreißigjährigen Krieges nach Jacques Callot (1632)

Einige Historiker glauben deshalb, dass der Dreißigjährige Krieg auch ein Verteilungskampf um verknappte Ressourcen war. Als sicher gilt, dass die Klimaveränderung eine der Hauptursachen der Hexenverfolgung war, die während des Krieges ihren Höhepunkt erreichte. Der «Schadenszauber» der als Hexen verleumdeten Frauen wurde für Missernten, Hagelstürme und Überschwemmungen verantwortlich gemacht.

In mancherlei Hinsicht erscheint die Zeit des Dreißigjährigen Krieges vertraut: Es gab damals schon Aktien, Lochbild-Kameras und windbetriebene Wagen, die 50 Kilometer in der Stunde erreichten. Aber die Menschen dachten doch ganz anders als heute. «Alle waren tief religiös», betont der Historiker Peter H. Wilson. «Alle waren davon überzeugt, dass ihre Version des Christentums den einzig wahren Heilsweg versprach.»

Der Glaube, katholisch, evangelisch-lutherisch und reformiert-calvinistisch, durchdrang das ganze Leben. Religion, Staat und Gesellschaft waren so stark miteinander verwoben wie heute in einem fundamentalistisch islamischen Land.

Fast drängt sich hier ein Vergleich zum aktuellen Bürgerkrieg in Syrien auf: «Die Parallele, dass die Religion für machtpolitische Zwecke missbraucht wird, ist auch gegeben», sagt der der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne). «Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wird sowohl vom Iran als auch von sunnitischen Mächten wie Saudi-Arabien und anderen benutzt.»

Auch im Dreißigjährigen Krieg ging es nur vordergründig um Religion. Dahinter standen konkrete Machtinteressen. So kämpfte das katholisch geführte Frankreich auf der Seite der Protestanten gegen die katholischen Habsburger, die in Wien und Madrid regierten. Dänemark und Schweden mischten sich ebenfalls ein – ähnlich wie heute in Syrien der Iran, Russland und die Türkei.

 

Menschen flüchten massenweise

Der Krieg setzte große Flüchtlingsströme in Gang. «Ich sah Mütter, die mehrere Kinder, zwei auf dem Rücken und eines auf den Armen, daherschleppten», schilderte ein Abt. Der Anblick sei «kaum auszuhalten» gewesen. Wer noch etwas Geld und die nötigen Kraftreserven hatte, versuchte, sich in die Niederlande durchzuschlagen, damals das reichste und freieste Land Europas.

Bald war jeder dritte Einwohner von Amsterdam Deutscher. Der lutherische Kirchenrat der Stadt registrierte 1631, dass «täglich Personen, die aus Magdeburg geflüchtet sind, hier ankommen und um Hilfe ersuchen». Trotz der Massenzuwanderung kam es in Holland nie zu Anschlägen auf Flüchtlinge. Misstrauen gab es aber schon. So klagte ein Ratsherr, früher habe er die Haustür einfach offen gelassen, aber mittlerweile sei das wegen der vielen Fremden nicht mehr möglich. 

Niederländische Rüstungsfabrikanten verdienten derweil prächtig: Sie versorgten beide Seiten mit Kanonen, Pulver und Pistolen. Einer der größten Profiteure des Krieges war Albrecht von Wallenstein, der als klassischer Warlord selbst eine Armee aufstellte und unermesslich reich wurde. Allein die «Kuchl-Partei», eine Küche auf Rädern, die ihn ständig begleitete, umfasste 40 vierspännige Karossen.

Aus dem Westfälischen Frieden, der den Krieg 1648 schließlich beendete, versuchen Forscher heute Lehren für aktuelle Konflikte zu ziehen. So gibt es in Großbritannien an der Universität Cambridge das Projekt «A Westphalia for the Middle East». Noch als Außenminister regte Frank-Walter Steinmeier vor zwei Jahren an, man solle sich bei der Suche nach einer Lösung für den Nahost-Konflikt am Westfälischen Frieden orientieren.

 

Jahrelange Friedensgespräche

Ausgehandelt wurde der Friede von 1644 bis 1648 im katholischen Münster und im protestantischen Osnabrück. Es war eine Konferenz, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte: 109 diplomatische Vertretungen aus 16 europäischen Staaten beteiligten sich. Die Verhandlungen bildeten die Grundlagen des modernen diplomatischen Protokolls heraus, etwa Begrüßungs- und Verabschiedungszeremonien und Rangfolgen. Auch der «Ehrenlaufsteg» oder Rote Teppich, der schon aus antiken Quellen belegt ist, wurde wiederentdeckt.

Der Verhandlungsmarathon war erfolgreich, weil am Schluss jede der beteiligten Mächte ihr Gesicht wahren konnte. Der Schlüssel dazu war das «Separieren der Konfliktebenen», wie es Politikwissenschaftler Herfried Münkler ausdrückt: Die unterschiedlichen Konflikte zwischen Kaiser und Schweden, Kaiser und Franzosen, Niederländern und Spaniern wurden jeweils einzeln verhandelt. Dabei hätten die Diplomaten gleichzeitig sichergestellt, dass die Kompromisse am Ende nicht miteinander kollidierten.

Eines der größten Probleme war die Demobilisierung der vielen tausend Söldner. Man befürchtete, dass die arbeitslosen Berufssoldaten plündernd durchs Land ziehen würden. So wie heute Experten davor warnen, dass viele IS-Kämpfer (IS=Islamischer Staat) nach ihrer endgültigen Niederlage in Syrien nach Europa kommen könnten.

Während andernorts nicht mehr viel an den Dreißigjährigen Krieg erinnert, kann man die Schauplätze der vier Jahre währenden Konferenz in Münster und Osnabrück noch besuchen. Der Stolz beider Städte sind die holzvertäfelten Friedenssäle in ihren Rathäusern. Aus Gemälden blicken dort die Chefdiplomaten auf die Besucher herab. 

Im Rathaus von Münster wurde der Friede beschworen. Von den Stufen des Osnabrücker Rathauses wurde er verkündet. Deutschland atmete auf – endlich!

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