Die französisch-sprachige Schweiz

4. August 2011 von

Es ist gerade wenige Tage her, dass die Schweizer ihren Nationalfeiertag begannen haben. Der 1. August gilt als Jubiläum der Staatsgründung, ein besonderes Datum für alle im Land lebenden Bevölkerungs- und Kulturgruppen. Im vorangegangenen Teil der Serie hat der Condor seinen Lesern den deutschsprachigen Raum in der Schweiz vorgestellt. Im aktuellen Artikel gilt die Aufmerksamkeit nun der Romandie – der französischen Schweiz und ihrem historischen Ursprung.

Genf um 1860: Die französischsprachige Schweiz wird auch als Romandie bezeichnet.

Liberté, Égalité und Fraternité – die Schlagworte der französischen Revolutionäre, die ab Mitte des Jahres 1789 wir ein frischer Windhauch durch die von lauwarmer Sommerluft erstarrten Straßen und Gassen in Paris klangen und das poltisch-gesellschaftliche Establishment des Landes erschaudern ließen, fanden auch über die Grenzen Frankreichs hinaus zahlreiche Zuhörer und eifrige Nachahmer.
Besonders den Schweizern dürften die Protestrufe ihrer französischen Nachbarn in den Ohren geklungen haben. Denn das Alpenland und die europäischen Großmacht unterhielten schon das gesamte 18. Jahrhundert hindurch ein besonders enges Verhältnis. Napoleon Bonaparte hatte die Schweiz zwischenzeitlich gar als Tochterrepublik adoptiert – französischer Revolutionsexport als Familiengeschenk.
In militärischen Bündnisfragen reicht die privilegierte Beziehung beider Staaten sogar bis in das 17. Jahrhundert zurück.

Einfluss auf Kultur und Lebensart
Die ausgeprägt enge historische Verflechtung beider Kulturen spiegelt sich noch heute im gesellschaftlichen Alltag der Schweizer wider. Rund 20 Prozent der heutigen Bevölkerung ist französischsprachig. Als Folge daraus ist Französisch in sechs der insgesamt 26 Kantone die erste oder zweite Amtssprache.
In der Romandie oder auch Westschweiz, wie der frankophone Teil des Landes genannt wird, leben derzeit etwa 1,7 Millionen Menschen. Sie umfasst die Kantone Jura, Neuenburg, Genf, Waadt, Bern sowie Freiburg und Wallis. Die von der dortigen Bevölkerung überwiegend verwendete Mundart ist das Standardfranzösisch. Regionale Dialekte wie das Patois werden im Alltag immer seltener vernommen. Ihnen droht gar das völlige Verschwinden.
Wie bereits erwähnt, können die Kantongrenzen, die geographisch-politischen Landmarken, jedoch nicht mit Sprachgrenzen gemein genommen werden. Der Einfluss der französischen Kultur und Lebensart hat die Bewohner der Romandie nachhaltig geprägt. Und obwohl sie sich darin vom restlichen Teil der Schweizer unterscheiden, fühlen sie sich dennoch ihrer Heimatregion verbunden.

Militärische Allianzen
Es ist vielleicht dieser etwas losgelöste Patriotismus der Schweizer, der ihnen dabei half, auch umgekehrt ihre Fußstapfen in der Historie der Grand Nation zu hinterlassen.
Denn schon lange vor dem den französischen Adel beunruhigenden Gedanken an eine Revolution ihrer Untertanen flochten Schweizer und Franzosen eine erste militärische Allianz. Es war zum Ende des 16. Jahrhunderts, als Karl IX. für seine Landesverteidigung auch auf schweizerische Truppen setzte. Diese hatten sich in den Vorjahrhunderten durch taktisches Geschick und ausdauernde Kampfeskraft einen hervorragenden Ruf und großen Respekt in den europäischen Königshäusern erworben.
Dementsprechend waren die schweizerischen Söldner vom französischen Regenten auch keineswegs als zierende und marschierende Palastgarde gedacht, sondern als schlagkräftige Ergänzung des eigenen Heeres und als kämpfende Feldtruppen.
Es war der Beginn einer langen Militärtradition, der nahezu alle nachfolgenden Könige des Ancien Régime folgten. Über die Jahre wuchs sich das Soldbündnis der Schweizergarden in einen authentischen Treuschwur zum französischen Königshaus aus. Als im Jahr 1792 das Sturmgebrüll auf die Pariser Bastille bereits verklungen, die Schlachtrufe um den Umsturz der noch bestehenden Herrschaftsverhältnisse aber unverändert laut zu vernehmen war, sollte der Großteil der Schweizergarden ihre Loyalität zum Königshaus mit dem Leben bezahlen.
Die verheerende Niederlage am 10. August desselben Jahres während des Tuileriensturms war der Anfang vom Ende der französisch-schweizerischen Militärallianz. Zwar wurde das Regiment durch Ludwig XVIII. im Jahr 1815 noch einmal in den Dienst berufen. Doch nach Feldzügen nach Spanien und Einsätzen zur Verteidigung des Königshauses wurde die Schweizergarde im Jahr 1830 endgültig aufgelöst.

Im Vorlauf der Revolution
Zuvor ging der Austausch zwischen beiden Kulturen und Staaten jedoch schon weit über das rein militärische Hinaus. Im Laufe des 18. Jahrhunderts unterhielt die Schweizer Aristokratie engste Beziehungen zum französischen Königshaus, vereinzelt gelangten Schweizer sogar in höchste Dienstgrade des bürokratischen Verwaltungsapparates des Nachbarlandes.
Auch wirtschaftlich waren beide Staaten zum gegenseitigen Vorteil vertrauensvoll miteinander verbunden. Eidgenössische Händler besaßen einen privilegierten Zugang zum äußerst lukrativen französischen Markt.
Im Zuge des geistigen Austauschs trafen die Ideen der Französischen Revolution auch in der Schweiz auf fruchtbar bestellten Boden. Anders als im Kernland der Revolution kamen die Ansprüche ihrer Anhänger auf schweizerischer Seite jedoch wesentlich friedvoller zum Ausdruck. Doch auch sie forderten von den Aristokraten eine tiefgreifende Veränderung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse und die durch eine moderne republikanische Verfassung organisierte politisch gesellschaftliche Einheit im Alpenland.
Der aristokratischen Elite gelang es jedoch zunächst noch ohne Weiteres ihre Privilegien und den eigenen Herrschaftsanspruch aufrecht zu erhalten.

Die Helvetische Republik
Das strategische Interesse der Franzosen an der Kooperation mit den Schweizern, auch im Widerstand gegen das monarchische Österreich, war jedoch ungebrochen. Mit Beginn des Jahres 1798 wurde die Revolution endgültig in das Alpenland getragen. Napoleon Bonaparte, seinerzeit französischer General und erfolgreicher Feldherr in Mittel- und Südeuropa, hatte in den Vormonaten während eines persönlichen Besuches im Land ein französisches Militärengagement ins Auge gefasst.
Vom Einfall der Franzosen ermutigt, glich der Aufstand der schweizerischen Revolutionäre gegen die eidgenössische Aristokratie jenem Bild, das ein knappes Jahrzehnt zuvor schon Frankreich erschüttert hatte. Von den Unruhen des Volkssouveräns überwältigt, entließen mehr und mehr Gemeinden ihre Untertanen in die Unabhängigkeit. Der Weg zur Republik stand offen – wenn auch als Ziehtochter Frankreichs.
Als schließlich am 12. April 1798 die Helvetische Republik auf dem Boden der Alten Eidgenossenschaft ausgerufen wurde, begann eine äußerst stürmische, allerdings auch kurze Epoche in der Geschichte der Schweiz. Denn schon am 10. März 1803 wurde das noch junge Staatswesen, vom Bürgerkrieg zerrüttet und zwischen den Interessen Frankreichs und Österreichs zerrieben, auch schon wieder aufgelöst.
Die Helvetische Regierung fand zu keinem Zeitpunkt die Unterstützung all jener Kantone, die die zentralistische Verfassung als Zwang empfanden und ihr die Anerkennung und Gefolgschaft verweigerten. Ihr Untergang war damit besiegelt.
Auf die Helvetische Republik folgte in der Geschichte der Schweiz die Phase der Médiation, des faktischen Anschluss’ des Landes an Frankreich.
Trotz der nun noch größeren Abhängigkeit bildete sich in diesem Zeitraum ein tragendes schweizerisches Nationalbewusstsein heraus. Nachdem Napoleon in den Befreiungskriegen zwischen 1812 und 1813 jedoch schwere Niederlagen hinnehmen musste und sich seine Truppen ins französische Kernland zurückzogen, verblasste auch der direkte französische Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Diese trat fortan in eine Phase des Konservatismus und der politischen Loslösung von Frankreich ein, in dem die Parolen und Ideale der Französischen Revolution nur noch wie ein Ruf aus weiter Ferne erschienen.

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