Schleswig-Holstein, das Land zwischen den Meeren

29. Juni 2011 von

Schleswig-Holstein ist das nördlichste Bundesland in Deutschland und grenzt an Nord- und Ostsee. Beide Meere sowie der Nachbarstaat Dänemark waren in der Geschichte des zweitkleinsten Flächenlandes der Bundesrepublik maßgebliche Faktoren.

Einmal im Jahr kommen die gefürchteten Nordmänner nach Schleswig-Holstein zurück. Auf den Wikingertagen in der Stadt Schleswig erwecken dann 500 Teilnehmer aus Norddeutschland und Skandinavien die über 1.000 Jahre alte Wikingerkultur zu neuem Leben. In einem nachgebauten Wikingerdorf mit hohem historischem Anspruch können die Besucher Handwerk, Kämpfe, Musik und Feste erleben. Drachenschiffe ankern auf dem Fluss Schlei, an den Abenden stehen Irish Folk- und Rockkonzerte auf dem Programm.

Und tatsächlich ging es nicht unweit von Schleswig in der mittelalterlichen Stadt Haithabu, die erste ihrer Art in Nordeuropa, einmal hoch her. Der Ort war Hauptumschlagsplatz für den Handel zwischen Skandinavien, dem Nordseeraum und dem Baltikum. Haithabu lag strategisch günstig bei der Kreuzung zweier wichtiger Handelsrouten: Wenige Kilometer westlich führte der Ochsenweg (dänisch Hærvejen, deutsch: Heerweg) vorbei, jahrhundertelang die wichtigste Süd-Nord-Verbindung von Hamburg bis nach Jütland. Und zwischen Nord- und Ostsee existierte ebenfalls eine Verbindung.

In Haithabu wurden somit Waren aus der gesamten damals bekannten Welt gehandelt: Aus Norwegen, Schweden, Irland und dem Baltikum kamen vorwiegend Rohstoffe, aus den entfernteren Gebieten sowie Konstantinopel und Bagdad trafen Luxusgüter ein.

Das Schloss Gottorf bei Schleswig zählt zu den bedeutendsten Bauwerken Schleswig-Holsteins. Es war im Besitz des dänischen Königs und der schleswigschen Herzöge. Obwohl auch die alte Hansestadt Lübeck viele historische Gebäude im gotischen Stil zu bieten hat, ist Kiel an der Ostsee die Landeshauptstadt.

Das Danewerk

Die Stadt Haithabu wurde um 770 von dänischen und jütischen Siedlern gegründet, nachdem zuvor zwischen dem 3. und 5. Jahrhundert zahlreiche germanische Volksgruppen, unter ihnen die Angeln sowie Sachsen, aus diesem Gebiet nach Britannien ausgewandert waren, wo sie sich mit anderen Völkern zu den Angelsachsen vereinigten und namensgebend für das spätere England wurden. Zur damaligen Zeit war Schleswig-Holstein nur dünn besiedelt. Dennoch errichteten die Siedler von Haithabu mit dem Danewerk einen Schutzwall gegen die Sachsen, prägten bald Münzen, stellten Tonwaren, Glas und Werkzeuge her. Im 10. Jahrhundert erreichte Haithabu schließlich seine Blütezeit und war mit mindestens 1.500 Einwohnern der bedeutendste Handelsplatz für den westlichen Ostseeraum.

Bis zum frühen Mittelalter entwickelten sich im heutigen Schleswig-Holstein vier Völker- und Sprachgruppen heraus. Im nördlichen Teil hausten germanische Jüten und nordgermanische Dänen, im nordwestlichen Teil seit dem 7. Jahrhundert westgermanische Friesen, im östlichen Teil slawische Abodriten und im südwestlichen Teil westgermanische Sachsen, deren Stamm der Holsten (Holtsaten = «Waldsassen»; denn holt bedeutet Gehölz, Wald und sāt meint Sasse, Bewohner) später namensgebend für den südlichen Landesteil Holstein wurde. Bis auf den heutigen Leben daher in Schleswig-Holstein eine dänische sowie eine friesische Minderheit. Die historisch angestammte Bevölkerung ist somit sächsischen, jütischen und friesischen Ursprungs.

 

Landesteile Schleswig und Holstein

Karl der Große, der die Unterwerfung, Christianisierung und die Eingliederung der Sachsen in das Fränkisches Reich plante, musste sich mehrmals mit diesen heidnischen Nordgermanen auseinandersetzen. Im Zuge seiner erfolgreichen Sachsenkriege zwischen 772 und 805 kam schließlich der südliche Teil des heutigen Schleswig-Holsteins unter seinen Einfluss.

In einem Friedensvertrag wurde der Flussverlauf der 188 Kilometer langen Eider als Grenze zwischen den Karolinger- und dem Dänenreich festgeschrieben. Diese Trennungslinie markierte von 811 bis 1864 die Südgrenze Dänemarks. Somit existierte nördlich davon der Landesteil Schleswig; südlich gehörte Holstein zum Fränkischen Reich beziehungsweise später zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Immer wieder wurden die beiden Gebiete zum Spielball von territorialen Machtstreben. Im frühen 13. Jahrhundert versuchte der dänische König, auch Holstein in sein Reich zu integrieren, scheiterte aber am Widerstand norddeutscher Fürsten. Im Jahr 1386 wurde das Herzogtum Schleswig den Schauenburger Grafen als sogenanntes Erblehen zugesprochen, erstmals zeigten sich die beiden Landesteile vereint im Wappen.

Der holsteinische Adel begann nun verstärkt, Besitz in Schleswig zu erwerben und die Kolonisierung voranzutreiben. Die Antwort Dänemarks, das an einer Rückgewinnung des Landes interessiert war, ließ nicht lange auf sich warten. In den Jahren 1410 bis 1435 kämpften die Dänen gegen die Holstengrafen, die wiederum die Likedeeler (siehe Geschichtsseite über Hamburg, Cóndor Nr. 3930), eine abenteuerliche Seeräubergemeinschaft, zur Hilfe riefen. Letztendlich konnte sich Dänemark nicht durchsetzen und musste die Besitzansprüche der Holsteiner anerkennen.

 

Ende der dänischen Vorherrschaft

Der Zank um das Territorium Schleswig-Holstein, bedingt durch zahlreiche Erbteilungen, setzte sich im Lauf der Jahrhunderte fort. Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Große Nordische Krieg um die Vorherrschaft im Ostseeraum ausbrach, besetzte Dänemark zunächst den herzoglichen Anteil in Schleswig. Im Jahre 1800 befand sich schließlich fast ganz Schleswig-Holstein unter dänischer Verwaltung. Die Stadt Altona, heute ein Bezirk Hamburgs, galt als zweitgrößte Stadt des Königreichs nach Kopenhagen.

Der sowohl in Dänemark wie auch in Deutschland aufkommende Nationalismus führte allerdings erneut zum Streit bezüglich der Zugehörigkeit der beiden Landesteile. Die Bestrebung der deutschen Bevölkerungsmehrheit in Schleswig-Holstein, beide Herzogtümer innerhalb eines deutschen Bundesstaates zu vereinigen und somit von der dänischen Krone zu lösen, wählte sich den Spruch Op ewig ungedeelt (hochdeutsch: auf ewig ungeteilt), zum Leitmotto. Der dänische Bevölkerungsteil dagegen forderte, Schleswig vollständig in das dänische Königreich zu integrieren und Holstein an Deutschland abzutreten.

Im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 zwischen Dänemark und den Verbündeten Preußen und Österreich wurde diese Frage endgültig beantwortet: Im Wiener Frieden musste das unterlegene Dänemark Schleswig, Holstein sowie Lauenburg an Preußen und Österreich abtreten. Zwei Jahre später fielen Schleswig und Holstein endgültig als Provinz an Preußen.

Endgültig abgeschlossen wurde die völkerrechtliche Auseinandersetzung mit Dänemark aber nach dem Ersten Weltkrieg. Bei einer Volksabstimmung stimmten die dänischsprachigen und dänischgesinnten Bürger Nordschleswigs überwiegend für einen Anschluss ihres Wohngebietes an Dänemark, der deutschgeprägte Südteil votierte für den Verbleib in Deutschland.

Bis heute pflegen die nationalen Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze ihre Sprache und Kultur mit einem Netz von Kindergärten und Schulen. Nördlich der Staatsgrenze auf dänischer Seite umfasst die deutsche Minderheit etwa bis zu 20.000 Menschen. Südlich der Staatsgrenze bekennen sich in Schleswig-Holstein etwa 50.000 Menschen zur dänischen Minderheit. Eine Besonderheit in der Parteienlandschaft Schleswig-Holsteins ist zudem der Südschleswigsche Wählerverband. Er vertritt die Interessen der dänischen und eines Teils der friesischen Minderheit und ist bei Landtagswahlen von der 5-Prozent-Hürde für das Landesparlament ausgenommen.

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