Hamburg – das Tor zur Welt
Seinen Ruf als «Tor zur Welt» verdankt die mit 1,8 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Deutschlands und siebtgrößte der Europäischen Union unbestritten ihrem Hafen.
Dort wo die Flüsse Bille und Alster in den Elbstrom münden, rund 110 Kilometer südöstlich der Nordsee, liegt der größte und wichtigste Hafen Deutschlands und nach Rotterdam der größte in Europa. Hier treffen Schiffe aus aller Welt ein, hier haben Import- und Exportfirmen, Seereedereien, Speditionsfirmen, Werften, Raffinerien und mehrere Dutzend der größten deutschen Unternehmen ihren Sitz. Das ist jedes Jahr ein Grund zum Feiern: So steht in diesem Mai der 822. Hafengeburtstag an.
Der Hamburger Hafen samt den St.-Pauli-Landungsbrücken sowie die «sündige» Meile Reeperbahn und Fischmarkt, Innenstadt mit Binnenalster, das Volksfest Hamburger Dom sowie bedeutende Bauwerke wie Rathaus, Chilehaus und das Wahrzeichen der Hansestadt, die Hauptkirche St. Michaelis, eher unter dem Namen Michel bekannt, sind beliebte Anziehungspunkte für Besucher. Eine weitere der fünf Hauptkirchen Hamburgs ist die Sankt-Petri-Kirche in der Altstadt. Dort mitten in der City konnten Touristen bis vor einigen Jahren noch eine weitere Attraktion bewundern.

Das Hamburger Rathaus, im Hintergrund die St. Michaelis-Kirche mit dem markanten Glockenturm, dem Michel
DIE HAMMABURG
In einem riesigen Loch buddelten Archäologen nach der verschollenen Hammaburg, eine Ringwallanlage aus vergangenen Zeiten, die der Elbmetropole ihren Namen gab, wobei sich das Wort von hamme ableitet, was eine bewaldete Erhöhung meint. Mehrere Skelette und Totenschädel wurden zu Tage gefördert. Ein Beweis für schreckliche Ereignisse vor rund 1.200 Jahren?
Die Hammaburg diente dem Bischof Ansgar, einem von der fränkischen Kirche beauftragter Missionar, der die Burg als Station für seine Bekehrungsaktivitäten der heidnischen Sachsen nutzte, die sich vom 4. bis zum 6. Jahrhundert im nordelbischen Raum niedergelassen hatten. Doch als die Wachposten an einem Tag des Jahres 845 zur Elbe hinaufblickten, bot sich ihnen ein schreckliches Bild. Auf Dutzenden Booten kamen ihnen Wikinger entgegen, die ihrem Ruf gerecht wurden und die Festung in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelten.
Diesen galt es in der Gegenwart zu finden. Doch wie schon bei früheren Ausgrabungen, bei denen zwar Erdwälle und Holzbohlen freigelegt worden waren, konnten die Archäologen auch 2005/2006 die legendäre Hammaburg, die als historischer Grundstock für die spätere Hansestadt gilt, nicht eindeutig nachweisen. Nur so viel ist bekannt: Bischof Ansgar konnte dem Angriff der Nordmänner knapp entkommen, die Belagerer zogen nach ihrer Verwüstung wieder ab. Als Folge dieser Katastrophe führte die Hammaburg lange Zeit nur noch ein Schattendasein, der Bischofssitz wurde zudem nach Bremen verlegt.
FLORIERENDES HANDELSZENTRUM
Die Siedlung Hamburg entwickelte sich jedoch weiter. Graf Adolf III. von Schauenburg und Holstein gründete im 12. Jahrhundert eine Handels- und Marktsiedlung am westlichen Alsterufer. Insbesondere durch das von Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1189 verliehene Hafenrecht und die zugestandenen Handelsprivilegien für die ganze Unterelbe machten die Stadt im Mittelalter zu einem florierenden Handelszentrum. Kaufmannsgilden (Gilde=Zusammenschluss) und auswärtige Handelshäuser wurden errichtet, Hamburg galt mit zeitweilig 600 Brauereien als «Brauhaus der Hanse».
Die Hanse wiederum stellte eine Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute dar, deren Ziel die sichere Seefahrt und die Vertretung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen besonders im Ausland war. Gemeinsam mit anderen Hafenstädten erlebte Hamburg im 12. und 13. Jahrhundert dank der Vernetzung und Verstärkung des Handels eine Blütezeit mit einem nie gekannten Wohlstand.
Die Hanse wandelte sich schließlich von einem Kaufmann- zu einem mächtigen Städtebund, der seinen Handelsverkehr im Nord- und Ostseeraum auch gegen Piraterie zu verteidigen wusste: Nach empfindlichen Verlusten durch Kaperungen rüsteten Hamburg und Lübeck im Jahre 1400 Kriegsschiffe gegen die sogenannten Likedeeler oder auch Vitalienbrüder und brachten 1401 zuerst die Flotte von Pirat Klaus Störtebeker, später auch die von Gödeke Michels auf. Nach der Hinrichtung wurden die Köpfe der Piraten auf Pfähle genagelt und zur Schau gestellt.
FREIE UND HANSESTADT
Im 15. Jahrhundert setzte mit dem Aufstieg der Territorialfürsten im Ostseeraum der Niedergang der Hanse ein. Niederländer und Engländer konkurrierten zudem erfolgreich im Überseehandel. Nur durch eine umsichtige und offene Politik konnte sich Hamburg gegenüber den Mächten in Skandinavien und dem Deutschen Reich behaupten. Mit Erfolg: Hamburg unterstand nie einem Reichsfürsten und trägt als Stadtstaat bis heute den Beinamen «Freie und Hansestadt» als Ausdruck für die Souveränität und als Zeichen des historischen Erbes des Hansebundes.
Im Zuge der Reformation – Hamburg wurde 1529 evangelisch – flüchteten 1567 die ersten niederländischen Emigranten aus den damals unter spanischer Herrschaft stehenden Niederlanden nach Hamburg. Es folgen Juden aus Spanien und Portugal, die in Hamburg als weltoffene, tolerante Stadt eine Zuflucht fanden. Diesen Ruf hat sich die Metropole bewahrt. Nach New York ist Hamburg mit 83 diplomatischen Vertretungen Spitzenreiter in der Welt.
URBANISIERUNG UND AUSWANDERUNGSWELLE
Ab 1600 zählte Hamburg etwa 40.000 Einwohner und gehörte mit Köln, Nürnberg, Augsburg und Wien zu den größten Städten Deutschlands. Dieser Wachstumstrend hielt an. Nach der Französischen Revolution mit anschließender Besetzung Hamburgs durch französische Truppen und dem großen Brand von 1842, bei dem ein Vierteil des Stadtgebietes von den Flammen zerstört wurde, strömten immer mehr Menschen vom Land in die Stadt, um an Industrialisierung und Wirtschaftsliberalismus teilzuhaben. Waren es 1806 rund 130.000 Einwohner, stieg diese Zahl 1860 auf 300.000 Bürger an. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebten eine Million Menschen in der Großstadt.
Doch nicht alle, die nach Hamburg kamen, blieben dort. Armut, Hunger, Mut und Abenteuergeist bewogen Ende des 19. Jahrhunderts 50 Millionen Europäer, die große Fahrt übers Wasser zu wagen. Rund fünf Millionen Auswanderungswillige legten im Zeitraum von 1815 bis 1934 vom Hamburger Hafen ab. Der Begriff Tor zur Welt bezog sich somit nicht mehr nur auf die Ein- und Ausfuhr von Waren, sondern verkörperte auch den Traum von einem besseren Leben irgendwo in Übersee, seien es USA oder auch Chile.
OPERATION GOMORRHA
Brachte der Erste Weltkrieg die Wirtschaft Hamburgs durch eine Seeblockade größtenteils zum Erliegen, traf es die Hansestadt im Zweiten Weltkrieg weitaus schlimmer. Durch die bis dato schwersten Luftangriffe in der Geschichte des Luftkrieges, ausgeführt durch britische Bomber im Juli/August 1943 unter dem Begriff Operation Gomorrha, wurden schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Menschen getötet und rund ein Drittel aller Wohngebäude zerstört. Etwa 125.000 Hamburger wurden verletzt, 900.000 obdachlos.
Bis Kriegsende warfen bei 213 Luftangriffen etwa 17.000 Flugzeuge rund 101.000 Sprengbomben und 1,6 Millionen Brandbomben auf die Stadt ab. Nur 20 Prozent aller Wohnungen blieben unbeschädigt. Auch die Hafenanlagen wurden weitgehend zerstört. Am 3. Mai 1945 besetzten britische Truppen Hamburg.
Die Nachkriegsjahre waren von einem raschen Aufstieg der Stadt geprägt. Der Hafen wurde schnell zum größten deutschen Warenumschlagplatz, zahlreiche Einwohner fanden Arbeit in den Hamburger Werften. Und der Hafen wächst weiter: Seit Ende der 1990er baut Hamburg die HafenCity, einen neuen Stadtteil im Hafengebiet, der das größte Städtebauprojekt Europas darstellt.







