Die deutschen Jesuiten in Chile

Wie die Kunst in der Kolonialzeit aufblühte: Das musikalische Eldorado der Jesuiten

 

Als 1767 die Mitglieder des Jesuitenordens Spanien und die amerikanischen Kolonien verlassen mussten, war in der Neuen Welt nicht nur ein Zeitabschnitt bedeutender missionarischer Leistungen beendet. Die Jesuiten hatten auch auf anderen Gebieten große Verdienste aufzuweisen.

 

Kirche von San Ignacio de Velasco
Kirche von San Ignacio de Velasco

So zum Beispiel in der Musik, die sie als wichtigen Bestandteil der Messe und überhaupt der religiösen Erziehung erachteten. Bereits 1628 berichtete der Gouverneur des Río de la Plata dem spanischen König, dass über 20 Yapeyú-Indianer, unter denen verschiedene als Organisten und Geiger ausgebildet worden waren, während des Gottesdienstes Musikstücke und Tänze zweckdienlich darbieten konnten.

Die Jesuitenmissionen waren im damaligen Südamerika über ein weites Territorium verbreitet, das sich über größere Flächen Perus, Argentiniens, Brasiliens, Paraguays, Chiles und dem heutigen Bolivien erstreckte.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert herrschte ein reges Musikleben, das nicht nur auf den Volksfesten und den Salons der höheren Gesellschaftsschicht seinen Niederschlag fand. Besonders intensiv war die Musikpflege in den Kirchen. Die Kathedralen hielten sich eine Kantorei, die während den Messen und den religiösen Festen auftrat.

Unter den Jesuitenmissionaren fanden sich verschiedene herausragende Komponisten, die zudem begabte Leute aus dem Volk in ihrer Kunst ausbildeten. So zum Beispiel der Kölner Pater Bernhard Havestadt (1714-1781), ein hochgebildeter Geistlicher, der außer seiner deutschen Muttersprache Spanisch, Englisch, Italienisch, Niederländisch und Portugiesisch beherrschte. Havestadt erhielt 1746 den Auftrag als Missionar nach Amerika zu gehen. Zwischen 1751 und 1767 bereiste er den Süden Chiles. Hier nahm er mit der indigenen Bevölkerung Kontakt auf und erarbeitete einen der ersten Mapudungun-Grammatik-Traktate.

Seine Kenntnisse der Mapuche-Sprache ermöglichten ihm, einen «Cancionero Chilidugú» zu komponieren, ein religiöses Werk für Chor und Instrumentalbegleitung. Havestadt war der Ansicht, dass die Texte von geistigen Musikwerken in der Landessprache verfasst werden mussten, da sie nur wirksam sein konnten, wenn das Volk sie verstand. Daher wird dieses Werk auf Mapudungun gesungen. Allerdings enthält es einige unübersetzbare Ausdrücke in spanischer Sprache, wie zum Beispiel «Virgen María» oder «presidente».

Havestadt blieb nach seiner Pensionierung in Santiago de Chile und kehrte erst nach Deutschland zurück, als die Mitglieder seines Ordens des Landes verwiesen wurden.

 

Indianerchor in der Kathedrale

Die ersten Musiker waren bereits mit den Eroberern nach Amerika gekommen. 1530, sechs Jahre bevor Diego de Almagro chilenischen Boden betrat, bildete Pedro de Gante in Mexiko einen Indianerchor, der sonntäglich in der Kathedrale auftrat.

Im 16. Jahrhundert waren Dominikaner, Franziskaner und Jesuiten in Amerika auf Mission. Die Franziskaner gründeten 1534 in Ecuador eine Musikschule. Der Jesuit Berger war unterdessen in Córdoba, Paraguay, Chile und Buenos Aires tätig. 1598 wurde in Cuzco das Seminar San Antonio Abad gegründet. Hier entstand die erste Schule, die systematisch Polyphonie und Instrumentalmusik lehrte.

Die Jesuiten begnügten sich jedoch nicht mit der Musiklehre. Parallel zu dieser Tätigkeit entwickelten sie in Amerika die Kunst des Instrumentenbaus. In den lateinamerikanischen Missionen bauten sie Geigen, Harfen, Fagotte, Trompeten, Schalmeien, Klavichorde, Spinette, Orgeln und Lauten. Aus Europa ließen sie sich mit Glockenspielen und Trommeln beliefern.

Die Pflege der geistigen Musik erlebte im 18. Jahrhundert im Gebiet von Chiquitos, im heutigen Bolivien, eine außerordentliche Blüte. Die Jesuiten gründeten ab 1696 verschiedene Städte, in denen zum Christentum bekehrte Ureinwohner lebten. Diese Siedlungen stellen eine Mixtur der damaligen europäischen und der indigenen Architektur dar. Die Entwürfe der Ortschaften entsprachen den «idealen Städten», wie sie die englischen Philosophen Thomas Morus und Philip Sidney in ihren Werken «Arcadia» und «Utopia» beschrieben hatten, die von den Jesuiten eingehend studiert worden waren.

Die meisten Kirchen der Chiquitanía entwarf der Schweizer Pater Martin Schmid (1694-1772). Dieser Jesuit war eigentlich mit dem Vorsatz nach Amerika gereist, die einheimische Bevölkerung zu bekehren. Vor Ort stellte er dann fest, dass ein Großteil der Indianer bereits den katholischen Glauben angenommen hatte. Somit verlegte er seine Hauptaufgabe auf den Kirchenbau und die innere Ausstattung der Tempel. Die Gotteshäuser von Concepción, San Javier und San Miguel de Velasco sind beeindruckende Zeugnisse seiner Kunst. Schmid bildete Bauhandwerker aus und lehrte die Eingeborenen im Musikinstrumentenbau.

Zum Katholizismus bekehrte Chiquitaner um 1831, gezeichnet von Alcides d'Orbigny
Zum Katholizismus bekehrte Chiquitaner um 1831, gezeichnet von Alcides d’Orbigny

Da die Jesuiten der Musik eine besondere Wichtigkeit beimaßen, entsandten sie verschiedene Fachmänner nach Chiquitos: Komponisten, Chorleiter und Instrumentenbauer. Der prominenteste unter den Tonsetzern war sicherlich der Italiener Domenico Zipoli (1688-1726), der in den Siedlungen Paraguays seine Kunst ausübte. Martin Schmid, der außer seiner Baumeister-Begabung auch ein versierter Musiker war, erreichte es, dass sich in der Chiquitanía unter seiner Leitung hervorragende Chöre und Orchester entwickelten, die imstande waren, nicht nur religiöse Werke, sondern auch ganze Opern aufzuführen.

 

«Alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel»

Schmid leitete die Anfertigung von Violinen, Harfen, Flöten und Orgeln. Er schrieb und kopierte Messen, Opern und Motetten. In Potosí baute er eine Orgel mit sechs Registern, zerlegte und verpackte sie, um sie in das 1.000 Kilometer entfernte Santa Ana de Velasco zu transportieren. Am Bestimmungsort angekommen, baute er sie wieder zusammen. Das Instrument ist heute noch in Gebrauch.

1744 berichtet Schmid in einem Brief: «Die Obern haben mir befohlen, die Musik in diese Missionen einzuführen. Alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel, viele Geigen und Bassgeigen aus Zedernholz, Clavicordia, Spinette, Harfen, Trompeten, Schalmeien. Diese Indianerknaben sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab. Ich darf behaupten, dass sie mit ihrer Musik in jeder Stadt und Kirche zu euer großen Verwunderung erscheinen könnten».

Über 200 Jahre wusste die Welt so gut wie nichts von den Werken, die in den Jesuitenmissionen Südamerikas entstanden waren. 1972 entdeckte der Schweizer Architekt und Jesuit Hans Roth bei Restaurierungsarbeiten in Bolivien über 5.500 Seiten Barockmusik in Santa Ana und San Rafael. Der Fund löste in der Musikwissenschaft der Region einen wahren Schock aus.

Die Anzahl Musikwerke aus der Zeit der Jesuitenmissionen, die in Südamerika komponiert wurden und in den Kirchenarchiven Lateinamerikas schlummern, ist riesenhaft. Welch ein Prozentsatz davon es wert ist, künftig – etwa in Form von CDs – veröffentlicht zu werden, bedarf noch einer eingehenden Prüfung der Musikforscher. Etliche Experten sind heute damit beschäftigt, diesen Dornröschenschlaf zu beenden und die Stücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei hat es bereits mehrere angenehme Überraschungen gegeben. Weitere werden folgen, daran besteht kein Zweifel.

 

Walter Krumbach

 

 

Teatro del Lago: «El Dorado Musical Jesuita»

Este proyecto de la Universidad Católica de Chile, a través de su Instituto de Música, ha sido encabezado por Sergio Candia quien, junto al conjunto Música Antigua, recopiló un repertorio, hasta ahora inédito, de las misiones jesuitas en el sur de Chile. Las piezas provienen de fuentes encontradas en Chile, principalmente del colegio mayor y de las misiones araucanas, siendo ambos parte del repertorio colonial.

El concierto será sábado 2 de agosto a las 19 horas y se enmarca dentro del convenio de cooperación proyectado con la Pontificia Universidad Católica de Chile y Teatro del Lago para este año 2014. Más información: www.teatrodellago.cl

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.