Die deutschen Jesuiten in Chile

Im Jahr 1686 kamen die ersten deutschen Jesuiten nach Chile. Pater Andreas Supettius, der elf Jahre lang Missionar in der Araucanía und auf der Insel Chiloé war, mühte sich erfolgreich darum, deutsche, österreichische, böhmische und flämische Mitbrüder nach Chile zu holen.

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Schon bald weiteten die Jesuiten ihren Wirkungsbereich aus. So gründete Pater Georg Ignaz Burger neben anderen Lehranstalten in Chillán eine Schule für die Kinder der Kaziken. Auf ihren durch viele Spenden erworbenen Gütern wurde Landwirtschaft betrieben, parallel dazu führten sie Handwerksbetriebe, aus denen eine Industrie entstand, die das ganze Land mit Waren vor allem mit sakraler Kunst belieferte.

Ein hochbegabter Künstler war der aus Landbeck in Tirol stammende Bruder Johann Bitterich, geboren 1675, der schon in Bamberg wegen seiner Werke im barocken Stil berühmt geworden war. Er kam 1711 nach Chile und zeichnete sich nicht nur als Bildhauer, sondern auch als Ingenieur aus. Unter seinen vielen Werken sticht der Bau des Bewässerungskanals des Maipo hervor. Johann Bitterich starb 1722. Zwei Jahre später übernahmen sein Nachfolger Bruder Adam Engelhardt und eine Gruppe von 15 Ordensbrüdern die Fortsetzung seines Aufgabenbereiches.

Im Jahr 1748 kam Pater Carlos Haymhausen nach Chile. Mit im Gepäck führte er mehr als 316 Kisten, die alle möglichen Werkzeuge und Materialien enthielten, darunter auch Bücher, Musikinstrumente und Arzneimittel. Die bereits errichteten Werkstätten waren nun bestens versorgt; seine medizinische Bibliothek mit mehr als 130 Bändern stellte damals sogar die einzige ihrer Art dar.

 

Handwerk und Kunsthandwerk

Von den vielen Jesuiten, die damals einwanderten, sind einige Namen überliefert: Die Ordensbrüder Josef Kehler und Franz Pollandt schufen großartige Werke der Silberschmiedekunst; die Brüder Jakob Rottmayer und Peter Roetz gründeten eine Uhrmacherei; als bildende Künstler – der Malerei und der Bildhauerei – zeichneten sich die Brüder Johann Redle, Josef Ambrosi und Jakob Kellner aus. Bekannt sind ihre Werke in der Sakristei von der Kathedrale von Santiago und in Graneros. Dem Kunsttischler und Orgelbauer Bruder Georg Katzer verdankt die Stadt Santiago die in der Kathedrale befindliche Orgel der Jesuiten, deren Pfeifen aus Silber und deren Klangkörper aus Zedern oder Mahagoniholz waren und mit einem Übermaß an vergoldeten Schnitzereien versehen sind. Sie wurde 1753 fertiggestellt.

Die Ordensbrüder Georg Haberl und Karl Schmidlachner, beide Schmiede, Schlosser und Mechaniker von Beruf, hatten 1724 die Schmiede übernommen. Mehr als 20 Jahre lang war Bruder Johann Felix der einzige Glockengießer vor Ort. Viele andere Mitglieder des Ordens arbeiteten als Tischler, Kunsttischler, Dreher und Weber.

Mit Pater Haymhausen waren auch vier Apotheker gekommen, die Brüder Josef Pausch, Johannes Smaldpaner, Johannes Saitor und Josef Zeitler. Letzterer nahm aufgrund seiner wissenschaftlichen Tätigkeit eine besondere Stellung ein. Er war der erste, der die Eigenschaften der verschiedenen Mineralwasser erforschte. Ganze 22 Jahre lang leitete er die Apotheke der Jesuiten (1748-1770). Sein Fachwissen entpuppte sich als so unentbehrlich, dass die von der spanischen Krone eingesetzten Behörden alles daransetzten, dass er im Land verbleiben konnte, als 1767 die Jesuiten aus den spanischen Kolonien ausgewiesen wurden.

Die 916 von ihm inventarisierten Produkte sind zum großen Teil pflanzlicher Herkunft und tragen eigenartige Namen; im Folgenden einige Beispiele: «Das philosophische Öl zur Behandlung der Gicht, der Ischialgie, des Rheuymatismus. Das Öl gekochter Eidechsen… ,um das Haar waschen zu lassen und als Kompresse zur Behandlung von Darmkrankheiten aufzulegen. Der katholische Balsam der Welpen zur Behandlung der Gicht und der Lähmung und vor allem als ausgezeichnetes Tonikum für die Nerven. Der Nagel der großen Bestie (in Europa die Klaue des Elchs, in Amerika des Tapirs) zur Behandlung der Epilepsie und anderer Krankheiten des Kopfes.»

Laut der Geschichtsschreibung engagierte sich Bruder Zeitler auch im sozialen Bereich, denn mit den Einnahmen von der Behandlung seiner wohlhabenden Patienten finanzierte er die Medikamente für den ärmeren Mitbürger. Obwohl er und sein Orden deshalb von einigen Menschen hart kritisiert wurden, hat er nie aufgehört, seine «Sozialmedizin» zu betreiben.

 

Vertreibung der Jesuiten

Drei Jahre lang widerstanden die Behörden dem Befehl des Vizekönigs Amat in Lima, ihm den Jesuiten-Apotheker Zeitler auszuliefern. Schließlich entsandte er selbst einen Apotheker für die Stadt Santiago, so dass der beliebte Jesuit wie alle seine Mitbrüder das Land verlassen musste. Somit endete auch in Chile das Wirken dieser vielen Ordensmänner, die die kulturelle Entwicklung in allen Bereichen angeregt und zur Blüte gebracht hatten.

Im Jahr 1762 lebten in Chile 355 Mitglieder des Ordens, deren Häuser, Ländereien, Werkstätten und Schulen sich auf einem weiten Gebiet des Landes – zwischen La Serena im Norden und Castro auf Chiloé im Süden – befanden. Dafür, dass damals die gesamte Einwohnerzahl des Landes knapp eine Million betrug, war die Präsenz des Ordens sehr stark und entsprechend einflussreich. Und Chile stellte dabei keine Ausnahme dar. Das erklärt auch, weshalb die weltliche Autorität gegen den Orden eingestellt war. Die Jesuiten verteidigten die Würde und die Rechte der von den Europäern und Kreolen ausgebeuteten Völker und waren den Mächtigen ein wahrer Dorn im Auge. So begann ein Feldzug gegen diese Kirchenmänner, die bis zum Schluss und oft heldenhaft auf ihren Posten blieben.

Die Vertreibung des Jesuiten-Ordens 1767 versetzte allen Ländern der spanischen und portugiesischen Kolonien einen tödlichen Schlag und wirkte sich nachteilig aus für den geistlichen, kulturellen und materiellen Fortschritt dieser Völker.

Auch aus den Ländern Europas war der Orden vertrieben worden. Eine kleine Gruppe jedoch rettete sich nach Weißrussland, bis die Päpste Pius VI. und Pius VII. ihm allmählich erlaubten, wieder öffentlich tätig zu werden. Schließlich wurde die Compagnia di Jesu durch Pius VII. am 7. August 1814, also vor 200 Jahren, wieder als rechtmäßige Institution der katholischen Kirche hergestellt, zuerst in Italien, dann in der ganzen Welt.

 

Jesuiten in deutscher Kolonie

Der chilenische Jesuit Pater Eduardo Tampe S.J. zitiert in seinem Werk «Puerto Montt. Crónicas y testimonios de 150 años» (2003) Folgendes aus der Zeitung «El Llanquihue»: «Sonntag, 6.9.1959. Nur sechs Jahre nachdem die ersten deutschen Einwanderer den Strand von Melipulli erreicht hatten, kamen die deutschen Jesuiten, die mit der geistlichen Betreuung der entstehenden Kolonie beauftragt wurden. Sie sollten sich darum kümmern, die Flamme der Erziehung und der Ausbildung unter der neuen Generation lebendig zu erhalten. Beide Aufträge haben sie in ausgezeichneter Weise erfüllt, immer im Einklang mit dem, was die Zeit verlangte. Von Anfang an war die Rolle der Schule hervorragend.»

Die deutschen Jesuiten waren nach Puerto Montt gekommen, nachdem der Bischof von Ancud, Monseñor Francisco de Paula Solar 1856 sich an den General des Ordens in Rom gewandt hatte mit der Bitte, deutsche Jesuiten nach Chile zu entsenden. Die ersten, die kamen, waren Pater Theodor Schwerter, Pater Bernhard Engbert und Bruder Josef Schwerrer; sie wurden von den katholischen Ansiedlern am 28. 3. 1859 in Puerto Montt mit Begeisterung empfangen.

Pater Theodor Schwerter, der der erste Superior wurde, stammte aus Werl in Westfalen und war 1844 in Paderborn zum Priester geweiht worden. Nach seiner Ankunft schrieb er an seinen Generaloberen: «Endlich sind wir am Ziel angekommen, es heißt Puerto Montt. Es ist eine neue Stadt, erst vor fünf Jahren gegründet worden als Mittelpunkt der deutschen Einwanderer-Kolonie. Diese besteht aus etwa 300 Familien, sie bewohnen den südlichsten Teil des kontinentalen Territoriums Chiles. Es gibt aber auch andere Einsiedler, die woanders gestreut sind.»

Die Jesuiten missionierten in der neugegründeten Stadt und in der weiten Umgebung und fingen sofort mit der Lehrtätigkeit an. 1872 konnten sie ihre heute noch bestehende Kirche einweihen. Sie merkten bald, was es für gute Möglichkeiten in der Region gab und ermutigten deswegen andere Katholiken aus Westfalen, nach Chile zu kommen. Dabei handelte es sich nicht nur um eine Einladung, sondern auch um eine Strategie, den wenigen katholischen Einwanderern mengenmäßig den Rücken zu stärken. denn von Anfang an blieben die Rivalitäten mit den nichtkatholischen Christen nicht aus. Es gab sicherlich auf beiden Seiten Gründe dafür, aber nichts davon lässt das fortschrittliche Wirken dieses Ordens in unserem Lande – vor und nach dessen Beseitigung – verblassen.

 

Schwester Ursula Tapia Guerrero

 

Lesen Sie auf der nächsten Seite über Musik der Jesuiten.

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