Das «Rote Bündnis»

Europa wäre heute sicherer, wenn sich die Nato 1991 reformiert hätte, meinen russische Militärs. Damals löste sich der Warschauer Pakt auf, mittel- und osteuropäische Staaten empfanden das Ende des Zwangsbündnisses als Segen. Moskau sieht darin eine vergebene Chance.

Sowjetische Soldaten bereiten ihren Abzug aus der DDR vor. Der Rückzug begann bereits 1989. Zwei Jahre später löste sich der Warschauer Pakt auf.
Sowjetische Soldaten bereiten ihren Abzug aus der DDR vor. Der Rückzug begann bereits 1989. Zwei Jahre später löste sich der Warschauer Pakt auf.


Moskau (dpa) – Die Beteiligten sprachen von einer «historischen Beerdigung», aber niemand trug Trauerkleidung. Alle Augen blieben trocken, als vor 25 Jahren der Warschauer Pakt in einem schmucklosen Akt per Unterschrift zu Grabe getragen wurde. Die Auflösung des östlichen Militärbündnisses sei ein «lange erwarteter Tod» gewesen, sagte der damalige bulgarische Präsident Schelju Schelew im März 1991. Und sein tschechoslowakischer Kollege Vaclav Havel meinte: «Es war ein schmerzloses Ende.» Nur Moskau äußerte sich kritisch. «Ich bedaure nicht das Ende des Warschauer Vertrags. Ich bedaure nur, dass es die Nato noch gibt», sagte Vize-Parlamentschef Wladimir Lukin.

Die Hoffnung auf mehr Frieden war groß, als sich der Warschauer Pakt als Folge der Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa nach 36 Jahren auflöste. «Europa als Modell einer Region ohne militärischen Konflikt – diesem Ziel scheinen wir näher zu kommen», meinte der deutsche Nato-Generalsekretär Manfred Wörner damals. Ein Trugschluss: Dem Jugoslawien-Krieg folgten weitere bewaffnete Auseinandersetzungen, etwa in der Ukraine. Und mit dem internationalen Terror sieht sich Europa neuen Herausforderungen gegenüber.

Dass sich die Nato damals ebenfalls hätte auflösen oder zumindest reformieren müssen – diese Forderung ist auch ein Vierteljahrhundert nach Ende des Warschauer Pakts in Moskau oft zu hören. «Der Westen hat es im Triumphgefühl versäumt, Russland in eine neue Friedensordnung einzubinden», meinte etwa die Moskauer Zeitung «Kommersant» vor kurzem. Eine Folge davon sei etwa die Instabilität in Jugoslawien und der Ukraine gewesen. Aus westlicher Sicht ist Russland selbst für die Lage verantwortlich. Moskau verweigere sich bis heute einer sicherheitspolitischen Integration, meinen Experten.

Seit Auflösung der militärischen Strukturen des Warschauer Pakts am 31. März 1991 hat sich die einstige Trennlinie des Kalten Krieges fast 1.000 Kilometer auf Russland zubewegt. Wohl niemand wusste damals, dass sich die Nato innerhalb weniger Jahre bis zur Ostgrenze Polens ausdehnen würde. Die meisten Länder Mittel- und Osteuropas haben sich von Russland abgewendet. Von der früheren Sowjetrepublik Estland im Norden bis zum ehemaligen Bruderland Bulgarien im Süden sind heute ein Dutzend Staaten der Region Nato-Mitglieder.

Sie fühlten sich jahrzehntelang von Moskau unterdrückt und sehen das westliche Militärbündnis als Garanten ihrer nationalen Unabhängigkeit. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre war deutlich zu erkennen, dass Mitteleuropa und Russland getrennte Wege gehen. Auch in der ehemaligen DDR, die bis zur Wiedervereinigung 1990 Mitglied des Warschauer Pakts war, sind die Kontakte mit Moskau, Nowosibirsk oder Wladiwostok weitgehend abgebrochen. «Mit dem Ende des Warschauer Pakts ging nicht nur die bipolare Welt verloren. Es verschwanden auch wichtige menschliche Kontakte zwischen Ost und West», meint der russische Politologe Artjom Kretschetnikow.

Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hatten acht sozialistische Staaten am 14. Mai 1955 in Warschau das Militärbündnis gegründet. Zu den Unterzeichnern gehörten Albanien, Bulgarien, die DDR, Polen, Rumänien, die Tschechoslowakei, Ungarn und die Sowjetunion. Als offiziellen Grund für den Zusammenschluss nannten sie den Nato-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 1955.

Der Pakt diente aber wohl vor allem der Kontrolle Moskaus über die kleineren Bruderstaaten. Bereits ein Jahr nach Gründung marschierten sowjetische Soldaten in Ungarn ein, um die dortige Reformbewegung zu beenden. Und 1968 erstickten die eigentlich verbündeten Einheiten den Prager Frühling. Mit Gründung des Warschauer Pakts begann auch das Wettrüsten der beiden mächtigsten Militärorganisationen jener Zeit. Zeitweise hatte der Warschauer Pakt fünf Millionen Mann unter Waffen.

25 Jahre nach der Auflösung des «Roten Bündnisses» richten sich die Blicke in diesen Tagen wieder auf Warschau. Im Juli trifft sich die Allianz in der polnischen Hauptstadt zum Nato-Gipfel. «Der Ort, in dem der Warschauer Pakt als Bündnis gegen die Nato gegründet wurde, hat zwangsläufig symbolische Bedeutung», sagt der russische Politologe Dmitri Trenin. Er meint, dass 1991 eine Chance auf ein neues Miteinander von Ost und West vergeben wurde. «Bleibt zu hoffen, dass diesmal von Warschau ein Signal der Kooperation ausgeht», betont der Experte vom Carnegie Centre in Moskau.

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