«Das Meer ersetzt mir die Alpen, die Insel die Schweiz»

Im Jahr 1896 versetzte ein Zeitungsartikel die Familie von Rodt in der Schweiz in ziemliche Aufregung. Es war die Besprechung eines Aufsatzes, den der Naturwissenschaftler Dr. Ludwig Plate nach einem Aufenthalt auf der Insel Juan Fernández 1894 geschrieben hatte. Dabei gedachte er auch mit einigen Worten der Bevölkerung und insbesondere des Subdelegado Alfred von Rodt.

Mitte Mai besuchte der schweizerische Botschafter Edgar Dörig die Insel Robinson Crusoe und weihte dabei auch das restaurierte Grab von Alfred von Rodt ein, das durch den Tsunami vom 27. Februar 2010 beschädigt worden war. An den Reparaturkosten hatte sich die Gemeinde Juan Fernández beteiligt.
Mitte Mai besuchte der schweizerische Botschafter Edgar Dörig die Insel Robinson Crusoe und weihte dabei auch das restaurierte Grab von Alfred von Rodt ein, das durch den Tsunami vom 27. Februar 2010 beschädigt worden war. An den Reparaturkosten hatte sich die Gemeinde Juan Fernández beteiligt.

«Im stattlichsten Häuschen wohnte der frühere Pächter der Insel, Don Alfredo von Rodt und seine Familie. In dem Wohnzimmer stand Plate eine große Überraschung bevor. Er hatte erwartet, hier weit draußen im Stillen Ozean kaum die ersten Attribute menschlicher Kultur, geschweige denn die einer feineren Bildung anzutreffen. Stattdessen lernte er in Don Alfredo einen vielseitig unterrichteten Mann kennen, der die deutsche, französische, englische und spanische Sprache gleich vollkommen beherrschte und in dessen Bibliothek Shakespeare, Dicken, Goethe und andere Sterne der Weltliteratur vertreten waren. Don Alfredo, der „letzte Robinson“, wie ihn Vicuña Mackenna genannt hat, könnte aus seinem Leben genügend Stoff zu einem Roman schöpfen.»
Zu ihrer großen Überraschung berichtete Plate von Alfred von Rodt und «seiner Familie». Man beschloss, dieser Angelegenheit nachzugehen, und so schrieb Heinrich von Rodt einen Brief an Dr. Plate. Von ihm erfuhr er, dass in der Tat Alfred von Rodt mit einer Chilenin zusammenlebe, die ihm schon vier Kinder geschenkt habe. Die Frau sei sehr tüchtig, arbeitsam und halte die ganze Wirtschaft recht beisammen, während der Vater sich um die Erziehung der Kinder wenig kümmere, was Plate ihm sehr vorwerfe.
In all den Jahren hatte Alfred von Rodt nie etwas davon verlauten lassen. Mit dem Besuch seines Stiefbruders Heinrich auf der Insel ließ es sich jedoch nicht mehr verheimlichen. Schließlich beschloss er, darüber nach Bern zu berichten:
«Durch meine Brüder wirst du schon lange erfahren haben, dass ich hier auf der Insel in meinem Einsiedlerleben eine Gefährtin hatte. Es sind nun vor einigen Tagen auf einem Kriegsschiff der Minister der Kolonisation, Intendente von Valparaíso und verschiedene andere hohe Beamte auf Inspektion hierher gekommen, sowie einige katholische Geistliche, welche hier vor einem Jahr eine Mission gegründet haben. Der Intendente von Valparaíso sowie die Geistlichen baten mich nun inständigst, ich solle doch als Haupt der Kolonie mein Verhältnis zu Antuquita Sotomayor (es ist der Name meiner Gefährtin) legalisieren. Es wäre die Regierung mit meiner Tätigkeit auf der Insel zufrieden, nur in diesem Punkte gäbe ich Ursache zu Tadel. Heinrich hatte mir schon bei seinem Besuch auf der Insel viel zugesprochen, und so gab ich nach und wurde sowohl zivil wie kirchlich verheiratet.»
Seine Gattin war im Jahr 1860 in Valdivia geboren worden und mit 20 Jahren auf die Insel gekommen. Im Laufe der Jahre schenkte sie ihm sechs Kinder: Alfredo (1883), Carlos (1885), Manuel Armando (1886), Juan Fernando (1890), Antonia Aida (1892) und Luis Alberto (1895). Seine Söhne beschrieb Alfred von Rodt als «große, schlanke kräftige Jungen, welche mir von großer Hilfe sind, da man hier natürlich sein Vieh selbst einfangen und schlachten muss. Auch sind sie gute Ziegenjäger und Fischer. Ich bin der Ansicht, dass unsere Jugend viel zu viel studieren muss und eine Menge unnötiges Zeug in den Kopf gesteckt bekommt, welches nur gelernt wird, um es wieder zu vergessen. Was habe ich zum Beispiel in der Realschule alles gelernt und wozu diente mir das alles?»
Mit dieser Äußerung erklärte oder entschuldigte er auch die fehlende Schulbildung bei seinen Kindern, die Dr. Plate sechs Jahre zuvor als ein großes Versäumnis erachtet hatte. Das war umso bedauernswerter, als Alfred von Rodt als vielgereister Mann und dank der großen und vielfältigen Bibliothek doch über eine weitgehende Bildung verfügte. Dazu kam noch seine Sprachgewandtheit. Zu seiner musikalischen Erbauung hatte er sich außerdem ein Klavier auf die Insel schaffen lassen.
Wohl durch die fehlende Beziehung zu kulturellen Werten und bedingt durch die dürftigen finanziellen Verhältnisse wurde diese einzigartige Bibliothek durch die Nachkommen in Einzelteilen durch die Jahre hindurch verkauft, so dass heute praktisch nichts mehr übrig bleibt.
Auch von familiären Schicksalsschlägen blieb Alfred von Rodt nicht verschont. Um die Jahreswende 1900/1901 schien sich auf der Insel eine Grippeepidemie ausgebreitet zu haben. Unter anderen erkrankte auch Alfred von Rodt und sein Töchterchen Antonia. Während sich der Vater wieder erholte, verschlimmerte sich der Krankheitszustand des Mädchens dermaßen, dass es am frühen Morgen des 14. Januars verstarb und auf dem kleinen Friedhof beigesetzt wurde.

Besuche auf der Insel und späte Ehrung
Mit der Gründung der Kolonie schien das Interesse an der Insel bei den Regierungsstellen gewachsen zu sein. Im Jahr 1897 wurde Alfred von Rodt mit einem hohen Besuch beehrt. Am 26. März traf der damalige Präsident der Republik Don Federico Errázuriz Echaurren samt einigen Ministern an Bord der «Blanco Encalada» auf der Insel ein. Alfred von Rodt empfand diesen Besuch als Ehrung und Anerkennung für die seit 1877 trotz Fehl- und Rückschlägen geleistete Arbeit.
Im Februar 1901 traf sein Stiefbruder Heinrich von Rodt auf der Insel ein. In einem Brief berichtet Heinrich über seine Ankunft: «In einem Augenblick war er (Alfred; Anmerk. d. Red.) an Bord, mit seiner eher schwachen Stimme, den Oberkörper etwas breiter, einem angegrauten Bart.» Obwohl Alfred etwas hinke, begleite er ihn auf allen Insel-Exkursionen. «Er erzählt mir von allem, was er gemacht hat und von den Schwierigkeiten.»
Bei einer Exkursion wurden die beiden von der Ankunft der «Esmeralda» überrascht. «Alfred, ganz in schwarz gekleidet, ging am nächsten Tag seinen Antrittsbesuch an Bord zu machen, um seine Exzellenz und das Gefolge zu empfangen. Sie blieben recht lang unter unserm Dach. Man war sehr liebenswürdig. Später stellte sich eine ausgezeichnete Musik vor dem Hause auf und spielte chilenische Märsche und Tänze.»
Für Alfred von Rodt gehörte dieser Besuch seines Bruders wohl zu den schönsten Erlebnissen auf der Insel. An seinen Vetter schreibt er wenig später: «Welche Freude mir der Besuch von Bruder Heinrich gemacht hat, kannst du dir gar nicht denken; es sind nun mehr wie 25 Jahre her, dass ich die Schweiz verlassen habe, und nach all dieser langen Zeit solch einen herzensguten, lieben Bruder wiederzusehen!» Allerdings entschuldigte er sich nachträglich für die etwas mangelhafte Unterbringung angesichts der «grauslichen Plage der Ratten, Mäuse, Flöhe, etc., welche mein altes Haus bevölkern.»

Die Nachkommen des Schweizers Alfred von Rodt haben sich anlässlich der Einweihung des restaurierten Grabes von Alfred von Rodt versammelt.
Die Nachkommen des Schweizers Alfred von Rodt haben sich anlässlich der Einweihung des restaurierten Grabes von Alfred von Rodt versammelt.

Zu Beginn des Jahres 1905 durfte Alfred von Roth ein zweites Mal Besuch aus der Heimat empfangen. Die Cousine Cäcilie von Rodt, die sich als Reiseschriftstellerin einen Namen machte, traf am 24. März auf der Insel ein. Es war ein überaus freudiges Wiedersehen nach über 30 Jahren Trennung. Auf die Frage nach eines Besuches Alfreds in der alten Heimat antwortete er:
«Ich würde mich niemals dort wieder einleben können, ich bin ein Fremder geworden in der Heimat. Das Meer ersetzt mir die Alpen, die Insel die Schweiz. Eines nur möchte ich noch einmal hören: unsere schönen alten Münsterglocken. Weinen freilich würde ich wie ein kleines Kind bei ihrem Klange.»
Es waren unvergessliche Tage für Alfred von Rodt, nochmals mit Verwandten aus Bern zusammensein zu können. Über ihre Abreise am 30. März schrieb Cäcilie von Rodt: «Der Abschied, wohl für das Leben, war schmerzlich.» Lange noch habe sie ihren Vetter durch das Fernglas gesehen, wie er dem Schiff nachblickte. Die recht unbequemen Reisen sind wohl das beste Zeugnis für die Anhänglichkeit und Liebe, welche Alfred von Rodt in seiner Verwandtschaft genoss, und für dessen Charakter, der sich immer diese Freundschaft – trotz all seiner Sonderbarkeiten – zu erhalten wusste.
Am 25. Mai 1905 erkrankte Alfred von Rodt. Er erholte sich nicht mehr und verstarb am 4. Juli. Auf Juan Fernández hinterließ er die um ihn trauernde Familie und die übrigen Bewohner, die ihn alle geschätzt und geachtet hatten. Ganze 28 Jahre hatte er als eine Art freiwillig Verbannter auf dieser Insel verbracht, die sein Schicksal bestimmte.

Ende der Serie

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