Carlos Werner – ein Pionier, der aus der Salpeterwüste kam

In guten und in schlechten Zeiten fanden 600 Arbeiter in Tomé ihr Auskommen an den Webstühlen von Bellavista. Carlos Werner sorgte für sie, Streiks kannte man nicht.

 

Durch die Tageszeitungen in Chile ging die Meldung, das herrschaftliche Wohngebäude «Casa Italia» in Viña del Mar solle abgerissen und einem Hochaus weichen; Das Gebäude wurde dann aber praktisch über Nacht unter Denkmalschutz gestellt. Weiterhin wurde berichtet, die fürstliche Residenz sei einst von einem gewissen Herrn Carlos Werner erbaut und bis 1941 im Familienbesitz gewesen. Sofort drängt sich doch die Frage auf: Wer war Herr Carlos Werner, der eine so große, schöne Villa bauen konnte?

 

Carlos Werner, ein unermüdlicher Arbeiter, der Tomé zur Bekanntheit verhalf. Die Stoffe aus der Fábrica Bellavista waren in aller Welt bekannt.
Carlos Werner, ein unermüdlicher Arbeiter, der Tomé zur Bekanntheit verhalf. Die Stoffe aus der Fábrica Bellavista waren in aller Welt bekannt.

Von Dietrich Angerstein

Der Forscherinstinkt war geweckt und führte erst einmal nach Osorno. Carlos Werner wurde dort im Jahre 1859 als Sohn von Juan Werner und Dorotea Ritter geboren. Die Eltern kamen aus dem heute zu Polen gehörenden Westpreußen, sie gehörten der zweiten deutschen Einwandererwelle an, die nach den Unruhen Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück und eine bessere Zukunft im fernen Chile suchten. Als Sohn Werner das sechste Lebensjahr erreicht hatte, steckte man ihn in die Deutsche Schule Valdivia, warum gerade dort und nicht in die Schule von Osorno kann heute nicht mehr nachgeprüft werden, vielleicht waren die Eltern ja inzwischen nach Valdivia verzogen.

Sohn Carlos muss ein unruhiges Wesen mitgebracht haben, jedenfalls verließ er Schule und Elternhaus im 15. Lebensjahr – man darf heute sagen, er «riss aus». Ihn zog es nach Iquique, dort wo das «weiße Gold» – Salpeter – gemacht wurde. Er fand eine Anstellung im Salpeterwerk der Firma Fölsch & Martin, eines der großen Unternehmen, die wie Gildemeister, Sloman, Hilliger, Werckhahn, Jorge Berger, Enrique Hintze und andere mehr für ein stattliches Auskommen ihrer Besitzer und führenden Mitarbeiter sorgten.

Moderne Textilmaschinen aus Deutschland lösten Handarbeit ab. Mit ihnen kamen deutsche Facharbeiter, die meisten aus Sachsen, der Heimat der deutschen Textilindustrie. Sie fanden unter den chilenischen Arbeitern willige Lehrlinge.
Moderne Textilmaschinen aus Deutschland lösten Handarbeit ab. Mit ihnen kamen deutsche Facharbeiter, die meisten aus Sachsen, der Heimat der deutschen Textilindustrie. Sie fanden unter den chilenischen Arbeitern willige Lehrlinge.

Kaum hatte Carlos das 21. Lebensjahr vollendet und war dadurch nach damaliger Rechtsprechung volljährig geworden, setzten ihn die Verwalter von Fölsch & Martin als Geschäftsführer in Tocopilla und später in Taltal ein. Österreich und das Deutsche Reich ernannten ihn zum Honorarkonsul. Das  Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Carlos Werner dann in Valparaíso als Direktor des dortigen Büros seines Arbeitgebers. In jene Tage fällt auch seine Heirat mit Selma Christine Schönberg, einer jungen Dame aus Lebu. Drei Kinder sollten aus dieser Ehe hervorgehen: Edith, Harry und Kenneth.

 

Ein Tapetenwechsel: vom Salpeter zu feinen Anzugstoffen

Die Ehe mit Fräulein Schönberg brachte bald Änderungen ins Leben des 45-jährigen Carlos. Gemeinsam mit seinem Schwager Federico Wolf übernahm er die Weberei Textil Bellavista, die am Stadtrand von Tomé gelegen so gerade einmal vor sich hin dämmerte. Jetzt aber kam neues Leben in den Betrieb, neue Maschinen wurden in Deutschland bestellt, ein umfassendes Sozialprogramm für Arbeiter und Angestellte in die Wege geleitet. Textil Bellavista de Tomé entwickelte sich rasch zu einem Begriff, nicht nur in Chile, sondern weltweit, erhielt hohe Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen, so auch auf der Pan American Exposition Buffalo-New York.

Die Kirche Cristo Rey in Tomé, gestiftet von Carlos Werner im Gedenken an den tragischen Tod seiner Tochter Edith.
Die Kirche Cristo Rey in Tomé, gestiftet von Carlos Werner im Gedenken an den tragischen Tod seiner Tochter Edith.

Carlos Werner hatte im Salpetergeschäft die Notlage der Arbeiter in der Pampa kennengelernt, er führte Fortschrittlicheres im Sinn. Seine Arbeiter sollten besser leben, er baute ihnen Häuser und Wohnungen, investierte in Sozialleistungen, gründete eine Freiwillige Feuerwehrkompanie. Aber wie es seinerzeit so war, nicht alle erkannten die Notwendigkeit einer guten Beziehung zu den Werksangehörigen, verleumdeten ihn heimlich als versteckten Kommunisten und Sozialisten. Es waren eben andere Zeiten als heute, nicht alle Unternehmer sahen in ihren Arbeitern mehr als billige Helfer im Geschäft.

Sein Tatendrang kannte keinen Grenzen. Immer weiter dehnte sich die Fabrik in Tomé aus, sogar eine eigene Bahnstation «Carlos Werner» entstand, sie existiert heute noch, auch wenn dort keine Züge mehr halten. Und so ganz nebenbei erstand Carlos Werner auch noch ein Landgut bei La Unión.

Das harte Arbeitsleben in der Salpeterwüste, die Anstrengungen der Firmenerweiterungen hinterließen ihre Spuren in der Gesundheit des übereifrigen Mannes. Ärzte rieten ihm zu einem Klimawechsel, so dass er im Jahre 1914 begann eine stattliche Villa im großen Stil in Viña del Mar zu bauen. Sie sollte erst um 1918 fertig werden, oft konnte der Bauherr leider nicht von ihr Gebrauch machen, rief die Pflicht ihn doch immer wieder nach Tomé.

So wurde Wolle gewaschen, bevor Carlos Werner das Heft übernahm. Die schwere Handarbeit sollte bald ein Ende haben.
So wurde Wolle gewaschen, bevor Carlos Werner das Heft übernahm. Die schwere Handarbeit sollte bald ein Ende haben.

Inzwischen war sogar auch die Politik auf den erfolgreichen Unternehmer aufmerksam geworden. Ohne jemals politisch aktiv gewesen zu sein, trug ihm die Liberale Partei jener Tage ein Senatsmandat an, das er jedoch nur knappe drei Jahre ausüben konnte. Irgendwelche gesetzlichen Vorlagen von ihm aus dieser Zeit im chilenischen Senat sind allerdings nicht bekannt.

 

Ein Schlag, von dem er sich nicht erholte.

Eine zusätzliche schwere Belastung traf den unermüdlichen Arbeiter wenige Jahre nach der Fertigstellung des Hauses in Viña del Mar der Freitod der Tochter Edith. Verheiratet und Mutter zweier Kinder verfiel Edith in eine unglückliche Liebensbeziehung zu einem Mann der «unteren Sozialklasse», wie man sagte, was natürlich einen Skandal ersten Ranges hervorgerufen hätte, wäre die Liaison ruchbar geworden, so glaubte die 21-Jährige diese nur durch Selbstmord beenden zu können. Am 12. September 1921 erschoss sie sich im Haus in Viña del Mar.

Der Leichnam wurde nach Tomé überführt und dort begraben. Ihr Vater stiftete zu ihrem Gedenken im Jahr darauf die Kirche Cristo Rey in Tomé. Noch vor wenigen Jahren glaubten ängstliche Gemüter den Geist der Verstorbenen des Nachts vor dem Friedhof – wo sie in der Familiengruft ruht – gesehen zu haben.

Im Verlauf der Jahre nahmen die gesundheitlichen Beschwernisse zu. Sie veranlassten Carlos Werner Ende des Jahres 1925 zu einer Deutschlandreise auf der Suche nach geeigneter ärztlichen Betreuung. Er verstarb in Hamburg am 26. Januar des Jahres 1926.

In Tomé erbaute Carlos Werner für sich und seine Familie ein Haus. Heute dient es der Stadtverwaltung von Tomé und wird als Büro benutzt.
In Tomé erbaute Carlos Werner für sich und seine Familie ein Haus. Heute dient es der Stadtverwaltung von Tomé und wird als Büro benutzt.

Ein gut eingearbeitetes Personal, zumeist deutscher Herkunft, erlaubte es, Paños Bellavista de Tomé noch bis 1962 weiterzuführen, dann wurde es von dem Unternehmen Yarur übernommen. Ab sofort stand nicht mehr Qualität als oberstes Ziel auf der Fertigung, sondern Massenherstellung zu Billigpreisen. Sozialprogramme wurden aufgegeben und – was man zuvor in Tomé gar nicht kannte – erste Streiks brachen aus. Die gute alte Zeit, als ein Herr Carlos Werner durch die weiträumigen Anlagen des Werkes ging, mit den Arbeitern sprach, sich für ihre Bedürfnisse interessierte, war vorbei. Jetzt regierte ein Direktorium im fernen Santiago. Mit der Qualität ging es so schnell bergab wie mit dem Sozialgefüge, Verfall trat ein.

Das Ende von Paños Bellavista de Tomé ist bekannt. Erst 2011 gelang ein bescheidener Wiederanfang. Aber wo einst 600 zufriedene Weber die Stühle bedienten, halten heute nur 60 einsame Arbeiter einen kleinen Betrieb aufrecht.

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