Von Hamburg nach Corral

Carl Anwandters Tagebuchaufzeichnungen
(Teil 1)

Carl Anwandter (1801-1889) war von Beruf Apotheker und Bürgermeister der Stadt Calau im heutigen Brandenburg sowie Mitglied der preußischen Nationalversammlung. Nach der gescheiterten Revolution 1848 sah er seine liberalen und republikanischen Prinzipien in seiner Heimat nicht mehr als umsetzbar an und wanderte 1850 nach Chile aus.
Carl Anwandter (1801-1889) war von Beruf Apotheker und Bürgermeister der Stadt Calau im heutigen Brandenburg sowie Mitglied der preußischen Nationalversammlung. Nach der gescheiterten Revolution 1848 sah er seine liberalen und republikanischen Prinzipien in seiner Heimat nicht mehr als umsetzbar an und wanderte 1850 nach Chile aus.

 

Seekrankheit und schlechte Verpflegung an Bord: Die Tagebuchaufzeichnungen Carl Anwandters, der 1850 zu den ersten deutschen Einwanderern in Chile zählte, geben Einblick in eine Überfahrt, die nicht immer lustig war.

 

Von Arne Dettmann

Das Segelschiff «Hermann» mit 85 Passagieren an Bord hat den Hamburger Hafen erst vor ein paar Tagen verlassen und ist die Elbe hinuntergefahren, als es auf der Nordsee bei der Insel Helgoland schon mächtig losgeht: «8. Juli, Montag. Alles seekrank mit Ausnahme von etwa 12 Passagieren. Diesen scheußlichen Krankheitszustand zu beschreiben wäre undankbare Mühe», schreibt Carl Anwandter in sein Tagebuch. «Ich habe nur zweimal Erbrechen gehabt, aber Sterben hätte mir Wohltat geschienen gegen dieses Gefühl des unleidlichen Zustands. Der Ekel, den man während der Krankheit vor jeder Speise empfindet, ist so ungeheuer, dass es mir schon Pein machte, wenn ich andere nur vom Essen reden hörte, und dass ich lieber über Bord gesprungen wäre, als Speisen angerührt hätte.»

 

Nasse Kleider

Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Seekrankheit den Auswanderern zu schaffen machte. Mehr als vier Monate lang nahm die Fahrt in Anspruch, die über den Atlantik und am Kap Horn vorbei schließlich am 12. November 1850 im chilenischen Hafen Corral bei Valdivia endete. Bis dahin hatte der preußische Apotheker zusammen mit seiner Frau und den sieben Kindern einige Strapazen zu erdulden.

Noch in Cuxhaven dringt Regenwasser in Strömen ins Zwischendeck und überschwemmt Kleider und Kisten. Bauliche Verbesserungen müssen vorgenommen und Luftröhren mit Verschluss installiert werden – sonst wären die Passagiere entweder ersoffen oder erstickt, was dem Reeder vielleicht nicht ganz unangenehm gewesen wäre, kritisiert Anwandter in seinem Tagebuch.

Mit dem Hamburger Seehandelshaus J. C. Godeffroy geht der Auswanderer denn auch hart ins Gericht. Glänzende Versprechungen hätte das Unternehmen hinsichtlich Ausrüstung und Proviant gemacht, doch vieles sei nicht in Erfüllung gegangen: Neben der fehlerhaften Einrichtung des Zwischendecks sei das Schiff nur ungenügend mit Ballast beladen worden, so dass nicht alle Segel eingesetzt werden konnten und sich die Fahrt verzögerte. Immer wieder wird die «Hermann» von anderen Seglern überholt. Während Anwandter und Co. 136 Tage benötigen, schaffen es die «Johannes», «Helene» und «Susanne» in 93 Tagen, die «St. Pauli» in 100 und das Schiff «Alfred» in 117 Tagen.

Modell des Seglers «Hermann», auf dem die Familie Anwandter nach Chile kam. Das Schiff fuhr im Dienste des Hamburger Seehandelshauses J. C. Godeffroy und Sohn.
Modell des Seglers «Hermann», auf dem die Familie Anwandter nach Chile kam. Das Schiff fuhr im Dienste des Hamburger Seehandelshauses J. C. Godeffroy und Sohn.

Und dann ist da noch die erbärmliche Verpflegung an Bord. «Noch nie sind wohl Nasen stärker gerümpft worden als in jenem verhängnisvollen Augenblick, als der Duft dieses Reises zuerst die Nerven bürstete. Und nun erst der Geschmack – der Geschmacksekel stritt mit dem Geruchsekel.» Von «zweifelhafter Beschaffenheit» sei die Butter, der Zucker wiederum feucht, voller Schmutz. «Bringt man diesen in Tee oder Kaffee, so muss Holz und Stroh erst herausgefischt werden und der feine Schmutz sich absetzen, ehe man trinken kann.»

Der Pudding sei ein «arger Hohn auf das Gericht, was man im gewöhnlichen Leben so nennt, denn er besteht nur aus Mehl mit Wasser, wenig Salz und noch weniger Butter oder anderem Fett angerührt, in Leinen-Beutel getan und in Seewasser gekocht, es gibt dies eine feste kloßartige Masse, die nur ein guter Magen verträgt.» Gegen Ende der Reise geht der Vorrat dann aufgrund von Fehlplanung der Reederei vorzeitig zur Neige, so dass an die Passagiere nur noch halbe Portionen ausgeteilt werden. – Und der heutige Leser fragt sich, ob das nun Pech oder vielleicht sogar ein Glücksfall war.

 

Schöner Abendhimmel

Trotz dieser Entbehrungen schildert Carl Anwandter auch immer wieder die schönen Augenblicke der langen Überfahrt, etwa wenn die Passagiere Delphine sichten, schönes Wetter eine sonnige Fahrt erlaubt und die Reisegesellschaft bei guter Stimmung musiziert und tanzt.

«Die Sonne ging hinter leichtem Gewölk unter, während ihr gegenüber bereits der Vollmond glänzte. Der ganze östliche Himmel war in das schönste rosarot gehüllt, während auf diesem Hintergrund kleine, niedlich gebildete, in Weiß und Grau und Grün gemalte Wolken schwammen, zwischen denen der Vollmond hindurchflutete. Dann ging dieses Rot beim tieferen Verschwinden der Sonne immer mehr in Grünblau über und endlich war nur noch die obere Hälfte des Westhimmels rot getränkt. Dieser Abendhimmel ist unendlich schön, ja das Schönste, was wir jetzt an Bord haben, wodurch selbst die Seekranken erheitert und auf dem Deck zurückgehalten werden.»

Eine Etikette der Brauerei Anwandter in Valdivia
Eine Etikette der Brauerei Anwandter in Valdivia

Schätzungsweise 6.000 Deutsche wanderten zwischen 1846 und 1875 nach Chile aus, sehr viele von ihnen vom Hamburger Hafen aus. Mit seinen gewonnenen Erfahrungen gab Carl Anwandter nachfolgenden Emigranten Ratschläge, was bei der Seereise zu beachten sei.

Ein wasserdichter Anzug, gekauft in einem Laden für Auswanderer in Hamburg, sowie ein paar tüchtige Wasserstiefel gewähren nicht nur auf dem Schiff große Vorteile, sondern seien auch in der Regenzeit Südchiles unabdingbar notwendig. Zudem nehme man alle Blech- und Eisengräte mit, die man in der Heimat besaß, außerdem möglichst alle Möbel und Haushaltsgeräte samt den Waschgefäßen, denn in Chile «wird alles das schmerzlich entbehrt, und während es man in der Heimat billig verkauft, ist es hier so teuer, dass es nicht zu bezahlen ist.»

Anwandter gibt sogar detaillierte Verpackungstipps: «Nicht lauter Kisten, sondern gute eichene Fässer mit eisernen Reifen (Wein- und Spiritusfässer sind gut)», in denen das Gepäck dann hineingestopft wird. Auch mit Handwerkszeug solle man sich gut versehen. Schiffstühle bringe man lieber selbst mit, «denn die in Hamburg sind teuer und schlecht». In der Hansestadt nehme man sich außerdem skrupellosen Geschäftemachern in Acht, die einem das Geld aus der Tasche ziehen. In Gasthöfen sollte man die Preise vorher für alles bestimmen. Weniger Angst müssten die Passagiere vor dem gefürchteten Kap Horn haben, denn die gefahrvollste Stelle der Reise würden eher die Nordsee und die Straße zwischen England und Frankreich bilden.

Am 12. November 1850 ist es dann soweit. «Die Cordillera de los Andes liegt vor uns!», ertönt früh morgens der Ruf auf dem Schiffsdeck. Am Mittag liegt die «Hermann» im Hafen von Corral. «Der Anblick befriedigte uns; eine kleine Insel und die nahen Höhen des Ufers waren dicht und schön bewaldet, farbige Büsche ließen Massen von blühenden Bäumen und Sträuchern, eine bisher nicht gesehene Üppigkeit der Pflanzenwelt erahnen – und so fanden wir es auch, als wir einige Stunden später den festen Boden betraten.»

Fortsetzung folgt: Teil 2

«Carl Anwandter: Desde Hamburgo a Corral.
Diario de Viaje a Bordo del Velero Hermann»

  • Ediciones Universidad Austral de Chile, Valdivia
  • 200 Seiten
  • Preis: 12.000 Pesos
  • ISBN 978-956-390-009-5
  • Im Internet: www.edicionesuach.cl
  • Die erste Auflage erschien 2001. Die nun zweite Auflage im März 2017 enthält das Tagebuch Anwandters mit spanischer Übersetzung sowie mehrere Essays zu deutschen Einwanderung in Chile.
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