Froonslüüd an Bord!

Buchtipp «Die abenteuerlichen Reisen einer Kapitänsfrau»

Buch Reisen einer Kapitänsfrau
Die Familie Schröder im Jahr 1887 mit Helmine, Robert und Sohn „Röbi“.

Im 19. Jahrhundert nahmen manche Segelschiffskapitäne ihre Ehefrauen mit auf See. Auch die frisch vermählte 21-jährige Helmine Schröder, geb. Arppe, aus Rostock wollte 1881 ihren Mann, Kapitän Robert Schröder, auf seinen Reisen in der Salpeterfahrt nach Chile begleiten. In ihren Briefen und im Tagebuch berichtet sie vom Leben an Bord.

Von Arne Dettmann

«Unser Koch ist Hamburger, ziemlich jung, ich gebe ihm immer die Order als Hausfrau, kraft meines Amtes. Er gibt sich dann alle möglichste Mühe, und fast immer kommt das Essen wohlschmeckend auf die Tafel. Nur die Pfannkuchen gelingen fast immer nicht, entweder nicht gar oder verbrannt.»

So hielt es Helmine Schröder im Tagebuch auf ihrer zweiten Reise 1882/83 fest, die sie von Liverpool nach Valparaíso und Iquique führte. Auf der ersten Fahrt 1881/82 ging es von Antwerpen aus nach Pisagua, damals ein wichtiger Verladeort für Salpeter. Aus den gut zwei Jahren Reisezeit sind zwölf Briefe erhalten geblieben. Helmine beschreibt darin einige Episoden aus dem täglichen Leben, ihre Erlebnisse in England und in Chile. Sie sieht es mit den Augen einer Frau, die neugierig ist auf das Leben in der Fremde und zugleich fest verbunden bleibt mit ihrer Familie in Rostock.

Im November 1883 muss sie von Bord. Reeder Engels lässt es nicht zu, dass sie eine weitere Reise mitmacht. Zu dieser Entscheidung mag beigetragen haben, dass sie in Iquique ein Kind zur Welt gebracht hat, das nicht überleben konnte. Sie kehrt zu ihren Eltern nach Rostock zurück, wo sie am 3. August 1884 ihren Sohn Robert, genannt Röbi, zur Welt bringt, während ihr Robert wieder auf Großer Fahrt nach Chile unterwegs ist.

Mit 24 Jahren hatte Helmine Arppe (1857-1940) am 13. August 1881 den um 14 Jahre älteren Segelschiffskapitän Robert Schröder (1843-1922) geheiratet, der bis dahin bereits 22-mal das Kap Hoorn umrundet hatte. Robert besaß kein eigenes Schiff. Er fuhr für den belgischen Reeder Engels in der Chile-Fahrt. Um ihre Träume zu verwirklichen, sucht und findet Helmine Wege, erst ihren Robert, dann die Familie und schließlich den Reeder zu überzeugen, mit auf große Fahrt gehen zu dürfen.

Im November 1886 hat sie es dann noch einmal geschafft. Gegen alle Widerstände setzt sie durch, dass sie und ihr Sohn Röbi auf der eisernen Bark «Theodore Engels» mitfahren dürfen. Ihr ist bewusst, dass dies wohl ihre letzte Reise in die Ferne sein würde. Deshalb nimmt sie sich vor, systematisch ein Brieftagebuch zu führen.

«Fast jeden Tag ihrer Reise hat sie in größeren und kleineren Notizen festgehalten. Es ist nicht alles von Bedeutung darin – wie sollte es auch, bei einer Fahrtendauer von jeweils mehr als 100 Tagen auf See und etwa zwei Monaten in Valparaíso», schreibt Buchmitherausgeber und der Urenkel Helmine Schröders, Dr. Gerd Kelbling, im Vorwort. Aber die Notizen vermitteln ein weibliches Kaleidoskop aus der Welt der Seefahrt vor der Jahrhundertwende.

Ihre detaillierten Ausführungen zum Familienleben an Bord und in der Hafenmetropole Valparaíso mit dem zweijährigen Sohn dokumentieren das unmittelbar empfundene Glück über die gemeinsame Zeit auf See, ihre anfängliche Furcht vor der Mannschaft, die Freude an der Arbeit und den Stolz auf den fröhlichen Sohn.

Das Brieftagebuch zeigt aber auch die Isolation der einzigen Frau auf dem Schiff, die vor der Mannschaft verborgen wurde zu ihrem eigenen Schutz- und als Zugeständnis an den sittlichen Verhaltenskodex für bürgerliche Frauen. Der in Norddeutschland bekannte, etwas derbe plattdeutsche Spruch «Froonslüüd an Boord, gifft Dootslag un Murd» (Frauen an Bord – gibt Totschlag und Mord) deutet zumindest daraufhin, dass die Präsenz eines weiblichen Wesen in dieser männerdominierten Seefahrerwelt als durchaus nicht unproblematisch eingestuft wurde.

Kap Hoorn Umseglung
Strapazen beim Umsegeln von Kap Hoorn: Aufentern bei Sturm. Foto: Archiv DSM

Die stets zuversichtlich erscheinende Helmine wusste sich jedoch zu behaupten, sei es, dass sie mit Hilfe mehrerer Seeleute unmittelbar nach der Ausfahrt des Seglers an Bord Waschtag halten durfte, sei es, dass sie durch ihre Geschäftstüchtigkeit beim Verkauf von Waren auf eigene Rechnung die Ersparnisse der Schröders mehrte, die diese so dringend für ihre zweite berufliche Existenz benötigten. Um 1890 gründete das Paar an dem Fluss Warnow in Rostock eine Kalkbrennerei.

Die Aufzeichnungen «überlebten» die Wirren des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie die DDR. Nach der Öffnung der Grenze besuchte Gerd Kelbling den Rostocker Zweig der Familie und erfuhr, dass die alten Briefe von einer Urenkelin in Berlin aufbewahrt wurden. Ein Paket aus Manuskripten wurde schließlich mühsam – Helmine Schröder schrieb sehr engzeilig und klein – aus der Schreibschrift übertragen und digitalisiert. So erschien im vergangenen Jahr beim Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven und beim Oceanum-Verlag das Buch «Die abenteuerlichen Reisen einer Kapitänsfrau».

Das Werk lässt den Leser eintauchen in eine vergangene Zeit, in den Alltag auf einem Segelschiff im 19. Jahrhundert ohne Elektrik, ohne Dampfantrieb und ohne Telekommunikation, schreibt Mitherausgeberin Ursula Feldkamp im Nachwort. Die Aufzeichnungen seien aber auch noch in anderer Sicht einzigartig. Denn es handle sich um eine Dokumentation des Lebensalltags einer Frau aus dem Kleinbürgertum, wie sie sonst in der historischen Forschung selten zur Verfügung stünden.

In vielen Briefen befänden sich aber auch beschönigende Schilderungen oder Auslassungen, welche die Sorgen der Angehörigen in Rostock zerstreuen sollten, so Ursula Feldkamp. Das berüchtigte Kap Hoorn, das die Schröders auf allen ihren Reisen zu umrunden hatten, wurde – den ersten Briefen zufolge – meist in Handumdrehen passiert. Die gewöhnlichen Strapazen der Bewältigung dieser Strecke, die zwei Wochen, aber auch drei Monate dauern konnte, lassen sich erst in ihrem Brieftagebuch erkennen. Von Angst spricht Helmine nicht.

Doch die Gefahr des Scheiterns war auf dem Schiff immer präsent. Die Seeleute wie auch die Kapitänsfrau sahen sich stets in Gottes Hand, was vor allem die Abschiedsbemerkungen der Briefe immer wieder bezeugen.

Buch Schiffsreise KapitänsfrauDass Helmine Schröder eine mutige, praktisch veranlagte Frau gewesen sein muss, kommt auch in einer Schilderung über Iquique zum Vorschein, wo sie die Frau eines Schiffsarztes kennen lernte. «Sie ist eine geborene Holländerin. Seit ihrer frühesten Jugend war sie in England, ach, ich glaube fast in allen Weltteilen. Überall hat sie die Akademien besucht. Sie scheint eine große Künstlerin im Gesang und Klavierspiel zu sein, spricht ferner sieben Sprachen. Obgleich sie schon 14 Jahre verheiratet ist, auch keine Kinder hat, nimmt sie noch einige Male in der Woche Gesangsstunde. Ihre ganze Lebensweise ist nur, ihre Musik zu pflegen und Bücher zu lesen, ihr Essen kommt vom Hotel. Für mich wäre dieses Leben eine Strafe. Ich muss, ebenso wie mein Robert, immer wirken und schaffen. (…) O, es war ein wirklicher Genuss, eine so schöne glockenreine Stimme zu hören. Aber für immer könnte ich nicht mit dieser Dame umgehen, sie will doch nur stets bewundert werden, das Natürliche fällt ganz bei ihr fort.»

Der Cóndor bedankt sich bei Erik Hoops vom Deutschen Schifffahrtsmuseum (www.dsm.museum) für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars sowie bei der Mitherausgeberin Ursula Feldkamp und Robert Frio Schröder, Urenkel Helmines. Das Buch kann beim Oceanum-Verlag (www.oceanum.de) bestellt werden: ISBN 1868-9434.

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*