Bremen soll chilenisch werden

Die beiden Hansestädte Bremen und Hamburg, die den krönenden Abschluss der Singkreisreise bildeten, waren noch einmal Höhepunkte der ganzen Fahrt.

Der Singkreis vor dem Neuen Rathaus in Hannover am 25. Februar 1953

So berichteten die «Bremer Nachrichten» am 5. März 1953: Feuerwerk aus Südamerika – rassige Tänze des Deutsch-Chilenischen Singkreises – mit der alten Heimat im Herzen. In einen Hexenkessel südamerikanischen Temperaments verwandelte sich am Mittwochabend das Podium des Rathausfestsaales. Der Deutsch-Chilenische Singkreis wollte «von dem Land künden, das unsere Heimat ist, aber auch etwas sagen über unsere Liebe zur Mutter Deutschland».

Das war ein Wirbeln und Drehen, eine Feurigkeit aus Innigkeit des Werbens und der Koketterie, der Freude und Trauer, begleitet von Rhythmik und Melodie der Gitarren, wie etwa bei der Cueca, so dass der vollbesetzte Saal nur in ein Toben überschäumender Begeisterung geraten konnte. Das Sporenklirren der Männer unter den großen Sombreros, die Grazie und Anmut der lachenden Mädchen und das Temperament ihrer glutäugigen schwarzhaarigen Begleiterin – all das verschmolz zu einer schwerelosen beglückenden Harmonie – unterstützt von einer Regierung, deren Präsident erst kürzlich äußerte: «Ich könnte mir nichts Schöneres denken, als wenn noch recht viele Deutsche zu uns kämen.»

Aber so echt, wie die deutschen Volkslieder klangen, so echt trugen die Gäste auch die Lieder ihrer Heimat vor, die zu nicht enden wollendem Beifall hinrissen. Selten bekommt man Chorgesang durch eine Laiengruppe so ausdrucksstark und vollendet dargeboten wie am gestrigen Abend.

In einer Pause fragte Chorleiter Artur Junge die Zuhörer, wer alles verwandtschaftliche oder andere Beziehungen zu Deutsch-Chilenen oder zu Chile ganz allgemein unterhalte. Fast 50 Prozent der etwa 500 Zuhörer meldeten sich, worauf Junge lachte: «Wir werden unserer Regierung den Vorschlag machen, Bremen in unsere Republik einzuverleiben.»

Wie sehr die Deutsch-Chilenen mit dem Schicksal ihres Mutterlandes mitempfinden, geht vielleicht auch daraus hervor, dass sie während ihrer Deutschlandreise überall auf Eintrittsgelder verzichteten, stattdessen aber für die Sowjetzonen-Flüchtlinge sammelten. Auch im Rathaus häuften sich in den Sammelschalen ansehnliche Beträge.

 

Verzeichnis der Chormitglieder 1953

Wenn in diesem Fall Bremen durch seine außerordentliche Herzlichkeit und Feinheit der Führungen und Einladungen der Schwesterstadt den Rang ablief, so darf man wohl nicht verkennen, dass es heute in den großen Städten Westdeutschlands fast unmöglich ist, für größere Veranstaltungen die nötigen Säle zu bekommen. Hamburg mit seiner ungeheuren Wirtschaft und Industrie und seiner Universität ist mit Veranstaltungen überbeansprucht, während sich das Leben in Bremen wesentlich ruhiger und freundlicher abspielt.

Aber es war auch wirklich schön in Bremen: Der Empfang bei Kaffee und Kuchen durch Bürgermeister Kaisen, dann die Vorführungen im großen Saal des neuen Rathauses mit seiner begeisterten Zuhörerschaft und schließlich hinterher das Essen in der großen Festhalle des alten Rathauses! Einige von uns meinten, man hätte dort kaum schlucken mögen, so schön und ehrwürdig sei die Umgebung.

Nach dem großen Auftritt im Atlantik-Hotel vor 750 Zuhörern am letzten Tage wurden wir im Hamburger Rathaus begrüßt und dann durch die herrlichen Säle dieses Hauses geführt. Am Mittag dieses Tages standen wir alle auf dem Turm des Hamburger «Michels», der St.-Michaelis-Kirche Hamburgs, die heute fast ganz wieder hergestellt ist. Von dort oben bot sich uns der Anblick über die weiten Strecken der furchtbaren Zerstörungen, die Hamburg besonders im August 1943 erlebte. Wir sahen auf die Hafenanlagen und die zerstörten Werften. Doch sahen wir daneben die großen Anstrengungen, die Hamburg seit vier Jahren macht, um als Welthafen wieder mit den europäischen Häfen auf eine Linie zu kommen. Viel ist geschaffen, aber was soll werden, wenn dieser Hafen nur auf die kleine Bundesrepublik beschränkt bleibt, ohne den deutschen Osten, der früher für Hamburg wichtiger war als der Westen?

 

Abschied

Von der wehmütigen Stunde am folgenden Abschiedstag in einem Hamburger Jugendheim will ich nicht viel schreiben. Alle hätten gerne etwas gesagt zum Abschied, aber keiner wagte, die Gefühle seines Herzens zu zerreden. So ging es wohl besonders unserem Chorleiter Artur Junge, der sicherlich von dem persönlichen Erfolg «seiner» Reise tief beeindruckt war, aber nach Worten suchen musste, als er den Dank an seine Kameraden des Singkreises richtete.

Wir möchten zum Schluss darauf hinweisen, dass unsere Fahrt entschieden einen ganz anderen Widerhall in unseren Zuhörern und in uns selbst gefunden hat, als wir es erwarten konnten. Hier ist in ganz schlichter, fast anspruchsloser Art eine Feier des Findens und Schenkens begangen worden, wie sie wirklich nur zwischen Mutter und Kind sein kann. Das war ein heimliches Schmiegen an eine Mutter, die auch heute noch ihre Arme nach den Kindern ausstreckt. Wir sind so dankbar, dass aus diesem Allen keine große «Sache» gemacht wird und dass unsere Fahrt nicht zu pompösen Veranstaltungen ausgebeutet wurde. Gerade das Schlichte und Einfache an unseren Vorträgen und Auftreten hat uns die Herzen der Deutschen aufgetan. (Cóndor, 21.3.1953)

 

Von Joachim Buff

 

Fortsetzung folgt.

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