Wie umgingen deutsche Handelshäuser die Blockade der chilenischen Häfen?

Ein Blick zurück in die Geschichte Chiles

Die Casa de Contratación wurde 1503 in Sevilla gegründet und sollte das Handelsmonopol in den spanischen Kolonien überwachen. 1717 wechselte die Behörde nach Cadiz.

Wirtschaftliche Blockaden sind nichts Neues, schon die Spanier versuchten sich darin.

Von Dietrich Angerstein

Jede Epoche fordert für ihre gegenwartsnahen Probleme neue Lösungen, auch wenn die Folgen oftmals erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten erkannt werden. Alsdann werden diese Lösungen, wenn man es so sehen will, ein Teil lebendiger Geschichte, derart lebendig, dass jeder gebildete Mensch es heute unverständlich finden muss, wenn sogar von höherer Stelle das Erkennen geschichtlicher Abläufe möglichst schnell abgeschafft werden soll. Vielleicht möchte man so verhindern, dass die Folgen einer wirtschaftlichen Blockade erkannt werden, bevor sie den Urheber selbst treffen. Auf historische Abläufe übersetzt ist Geschichte nämlich ein Meilenstein auf dem Weg eines Menschen.

Das mag uns heute etwas pathetisch klingen, hat jedoch zu jeder Zeit praktische Anwendung gefunden, auch wenn man es vielleicht früher gar nicht richtig bemerken wollte, eine geschichtliche Erklärung sich überhaupt erst Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte später daraus entwickeln konnte.

Casa de Contratación – die Überwachung des spanischen Handelsmonopols

So können wir heute aus der Entwicklung der internationalen und besonders der deutsch-chilenischen Handelsbeziehungen zu kolonialen Zeiten lehrsame Erkenntnisse ableiten, die vielleicht manchem modernen Theoretiker als Wegweiser bei der Deutung wirtschaftlicher Irrwege dienen sollten. Im Bereich der Volkswirtschaft gibt es nämlich selten richtig neue Theorien, fast jede neue These greift auf frühere Erkenntnisse zurück.

Schiffe 1767 vor Valparaíso: Die spanische Kolonialmacht bemühte sich den Handel zu kontrollieren und hohe Abgaben einzunehmen – das förderte den Schmuggel.

Heute wenig bekannt dürfte die spanische Gesetzgebung gewesen sein, die in Zeiten der Kolonialherrschaft zwingend vorschrieb, dass Handel nur über die königliche Casa de Contratación und auf spanischen Schiffen zu treiben sei. Diese dem heutigen Embargo gleichzusetzende Vorschrift war zwar am grünen Tisch in Madrid wunderbar erdacht worden, allerdings – wie meist auch heute – von Beginn an überhaupt nicht realisierbar, denn das, was man in den Kolonien brauchte, wurde oft gar nicht im Mutterland Spanien produziert.

Man war also auf Importe aus anderen Ländern angewiesen, mochte dieses natürlich ungern eingestehen. Klingt das heute nicht ein wenig bekannt, hat sich da nicht nur die Art der Waren geändert?

So zum Beispiel wurden Glas- und Kristallwaren, auch Porzellan und vielerart Werkzeuge nicht in Spanien beziehungsweise nur in unzureichender Menge hergestellt, man musste daher auf Importe aus Böhmen, Frankreich, den Hansehäfen und anderen Ländern zurückgreifen. Das gestaltete sich bei der in Spanien schon immer um sich greifenden Bürokratie langsam, schwierig sowie äußerst teuer, zudem die königliche Casa de Contratación mit ihren Gebühren nicht gerade zimperlich umging. Das öffnete in der Folge so manchem Unternehmen vielleicht nicht die Vordertür, aber das «Hintertürl», wie ein Wiener zu sagen pflegt. Ein paar darf ich da melden:

  • Die Böhmischen Glasbläser mit ihrem Vertreter Kaspar Bienerth
  • Berckemeyer & Co., ein Hamburger Unternehmen
  • Johann Jacob Böhl (Schwager von Berhard Phillip Berckemeyer), auch aus Hamburg, seinerzeit das größte Handelshaus in Cadiz
  • das Preußische Seehandelshaus

Und andere mehr, alle ansässig in Cadiz, denn von diesem Hafen liefen zweimal im Jahr die spanischen Karavellen unter Bewachung schwer bewaffneter Galeonen nach Südamerika aus. Auch die deutschen beziehungsweise zentraleuropäischen Unternehmen sahen sich gezwungen ihre Waren auf spanischen Schiffen zu verschiffen, soweit sie es nicht vorzogen, heimlich die Dienste gewerbsmäßiger Schmuggler in Anspruch zu nehmen.

Fette Beute für Piraten

Eine starke Bewachung der Karavellen war nötig, denn englische, französische und holländische Piraten machten die Handelsrouten unsicher und gerade spanische Frachtschiffe versprachen fette Beute.

Der englische Freibeuter Francis Drake überfiel am 5. Dezember 1578 Valparaíso und plünderte die Siedlung.

Und was taten dann die Korsaren, wenn es ihnen gelang ein spanisches Schiff zu kapern und die Fracht umzuladen? Sie verkauften die geplünderte Ware klammheimlich zu Billigpreisen – bei einem Wareneinstand gleich null – an der südamerikanischen Küste, zum Beispiel am Strand zwischen Coquimbo und La Serena oder in Talcahuano. Für französische Frauenkleidung, böhmische Glaswaren, Meissner Porzellan hatte man begreiflicherweise an Bord eines Korsaren wenig Verwendung, auch keine Lust, diese wieder zurück nach Europa zu schaffen. Und alles einfach über Bord werfen wollte man auch nicht, einen gewissen Wert hatte die Ware dann doch. Als Zahlungsmittel stand in Südamerika und besonders in Chile Gold, Silber und Kupfererz zur Verfügung.

Nicht alle Korsaren waren blutrünstige Piraten, die – wie im Film – nur daran dachten um sich zu schießen und zu töten. Im Gegenteil, anders als die Piraten, denen nur an Gold und Silber gelegen war, handelten die Korsaren meist im Auftrage eines europäischen Königs und mussten diesem einen Teil der Beute abliefern. Sie waren tüchtige Geschäftsleute und kannten ihr Metier.

Berufsmäßige Schmuggler umgehen die Blockaden der chilenischen Häfen

Zu ihnen gesellten sich dann auch berufsmäßige Schmuggler, luden Waren in Hamburg, Antwerpen oder sogar bei Nacht und Nebel in Cadiz auf und verkauften diese dann gegen Zahlung in Gold, Silber, aber auch Produkte wie Wolle und Felle an der südamerikanischen Küste. Beliebt war eine Anlandung in Valparaíso und ein längerer Hafenaufenthalt unter dem Vorwand einer Havarie, während bei Nacht heimlich die Schmuggelware an Land gebracht werden konnte.

Die spanischen Behörden machten es den Schmugglern leicht, denn unzählige Zölle und Abgaben verteuerten legal eingeführte Waren. Man zahlte nicht nur Derechos de Aduana, sondern auch Almojarifes, Alcabalas, Primicias, Derechos de Tonelaje, de Palmeo und de San Telmo, Rentas de Estacas, Braceajes, Annatas, el Quinto Real, Sínod , Sosa y Barrilla und was mehr an Abgaben den Behörden in Madrid einfiel.

Wer das alles nicht zu zahlen brauchte, war fein heraus, und wen wundert es da heute, dass auch die Vertreter der hanseatischen oder böhmischen Händler gern an den Madrider Behörden vorbeihandelten, ich englischer oder holländischer Korsaren oder gar der Schmuggler bedienten.

Schwarzhandel, Zölle und Handelsvertretungen

Man mag es kaum glauben, sogar unter den Vertretern der lokalen spanischen Kolonialbehörden war man versucht, am Schwarzhandel zu profitieren, die im fernen Spanien erhobenen Steuern zu umgehen und sich mit den vor Ort einkassierten Zöllen zufrieden zu geben Das führte zu bemerkenswerten Zwischenfällen, wie der unter Ausnutzung eines politischen Wechsels im Mutterland von Beamten der Kolonialregierung und der im Inland beginnenden Unabhängigkeitsbestrebungen im Jahre 1808 vollführte Handstreich, die britische Schmuggler-Fregatte «Scorpion» zu kapern, ihren Kapitän und Offiziere zu töten, sich in den Besitz der Ladung zu setzen, um diese dann günstig zu verkaufen.

So manches Unternehmen hatte es vollbracht, schon unter spanischer Flagge eine geheime Vertretung in Valparaiso einzurichten, das übrigens zum Ende der Kolonialperiode nur ganze 5.000 Seelen zählte. Wenige Jahre später nach der endgültigen Unabhängigkeitserklärung der Republik Chile war die Einwohnerzahl dann schon auf 20.000 und bald darauf auf 40.000 emporgeschnellt, Valparaíso wurde zum wichtigsten Hafen der Pazifikküste. Vier Jahre nach der entscheidenden Schlacht von Maipú entstand das erste deutsche, das heißt eigentlich hanseatische Unternehmen Schütte & Post in Valparaiso. Die Zeit des Schmuggelns und des heimlichen Handelns war vorbei.

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