Der mit dem Teufel und seinem eigenen Glauben ringt

500 Jahre Reformation – Der Mensch Martin Luther

Historikern Lyndal Roper hat ein Buch über Martin Luther veröffentlicht.
Die australisch-britische Historikerin Lyndal Roper (60) lehrt seit 2011 als Professorin in Oxford. Die feministische Wissenschaftlerin hat sich mit einer neuen Herangehensweise an das Reformationszeitalter und Untersuchungen zum Hexenwahn international Anerkennung erworben. Roper schreibt grundlegende Geschlechter-, Psycho- und Körpergeschichte. Als wohl erste Frau legte sie eine Biografie über Martin Luther vor. Für ihre bahnbrechenden Arbeiten erhielt sie jetzt den mit 100.000 Euro dotierten Gerda Henkel Preis. Foto: Wolfram Kastl/dpa

Er machte dreckige Witze, stellte Freunde kalt, litt an Verstopfung und wurde immer dicker. Die Oxford-Historikern Lyndal Roper hat eine Biografie über Martin Luther vorgelegt, die ein neues Bild des Reformators vermittelt. Für ihre Biografie «Der Mensch Martin Luther» forschte Roper zwölf Jahre in deutschen Archiven.  

 

Was für ein Mensch war Luther?

Lyndal Roper: Ein widersprüchlicher Mensch. Er hatte die Fähigkeit, Menschen an sich zu binden. Er muss eine charismatische Ausstrahlung gehabt haben. Oft werden Luthers dunkle Augen beschrieben und sein bohrender Blick. Er muss ein fantastischer Freund gewesen sein. Aber wenn man Streit mit ihm hatte, war die Feindschaft unerbittlich.

Er hatte die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen. Er kannte ihre Schwachstellen. Er konnte ein wunderbarer Tröster sein, aber Menschen auch richtig niedermachen. Luther hätte die Reformation allein gar nicht machen können. Er brauchte sehr viele Menschen um sich.

 

Luther kam aus seiner Provinz – bis auf große Reisen nach Worms, Rom, Heidelberg oder Augsburg – kaum heraus. Hat das seinen Horizont beschränkt?

Die Reisen waren für Luther sehr wichtig, weil sie ihm einen Eindruck von dem Land vermittelten, in dem er lebte. Zuletzt hatte er seinen Wirkungskreis auf Sachsen beschränkt, weil er immer wieder krank wurde. Gleichzeitig hat er aber eine Korrespondenz in alle Winkel geführt. Das Netzwerk, das er aufbaute, war unheimlich wichtig.

 

War Luther ein aufbegehrender «Wutbürger»?

Ich würde Nein sagen. Natürlich ist Aggression mit seiner Kreativität verbunden, und das war für mich als Biografin sehr schwer zu begreifen. Aber ein sogenannter Wutbürger war er nicht. Er hatte diese Vorstellung von sich ja gar nicht. Er stammte aus einer ganz anderen Welt, wo es sich von selbst verstand, dass die Macht immer von oben nach unten kommt. Luther war vielmehr überzeugt, dass er eine Botschaft hatte, die er in die Welt bringen musste. Er beschreibt sich selber als ein Pferd mit Scheuklappen, das weder nach rechts noch nach links schauen kann. Das war für ihn ein Ausnahmezustand, auch gefühlsmäßig. Als er auf sein Leben zurückschaute, sagte er: «Ich weiß nicht, ob ich das heute noch könnte.»

Bild Martin Luther
Lucas Cranach der Jüngere malte dieses Porträt Martin Luthers im Jahr 1555.

Lag die Rebellion gegen die Käuflichkeit der Kirche nicht auch schon irgendwie in der Luft, als er 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte?

Luther war sicher nicht der Einzige. Aber die Art, wie er die Kirche attackierte, war sehr klar und wunderbar formuliert. Man findet ähnliche Meinungen bei vielen anderen, aber nicht diese Direktheit, wie Luther die Kirche angriff.

 

Wie ist es zu erklären, dass sich ausgerechnet Luthers Thesen so schnell verbreiteten und ein so großes Echo fanden?

Das ist ein Rätsel. Angeblich hatte Luther die Thesen nicht in Druck gegeben. Aber um die Ecke gab es eine Druckerpresse, und er hat diesen Verlag immer wieder benutzt. Es ist aber schwer zu erklären, wie die 95 Thesen zu einer Sensation wurden. Zum Teil liegt es daran, dass er die Thesen auch direkt mit Begleitbrief an wichtige Kirchenpersonen schickte. Aber die Verbreitung ist trotzdem erstaunlich, denn Luther war ja nicht bekannt.

 

Sie haben die Geschichte der Reformation als Körpergeschichte Luthers neu geschrieben und Leibesfülle, Verstopfung und andere körperlichen Aspekte einbezogen. Was haben Darmträgheit und Kopfschmerzen mit seiner Lehre und seinem Denken zu tun?

Luther betonte die in der christlichen Theologie übliche Unterscheidung zwischen Fleisch und Geist nicht so stark. Er vereinte Leib und Geist und lehnte das Fleischliche nicht ab. Er dachte zum Teil mit dem Körper und durch den Körper. Seine Erfahrung mit Gott ist eine körperliche. Vor allem die Angriffe des Teufels werden körperlich erfahren.

 

Ist Verstopfung ein Angriff des Teufels?

(lacht) Verstopfung hatte Luther auf der Wartburg. Das schob er da aber nicht auf den Teufel. Auf der Wartburg war Luthers Kreativität blockiert. Vorher stand er in aller Öffentlichkeit, und nun war er plötzlich allein. Seine Werke konnte er nicht zum Drucker bringen, er war auf seinen Freund Spalatin angewiesen. Aber der machte das nicht. So kamen die wichtigsten Schriften nicht heraus. Luther musste selbst nach Wittenberg gehen, und das war gefährlich. Dieser körperliche Zustand hängt bestimmt mit den Erfahrungen in der Wartburg zusammen, völlig abgeschieden von der Welt zu sein, ohne die Führungsrolle in der Reformation.

 

Welche Bedeutung hatte der Leibesumfang Luthers für die Reformation? Er wurde immer korpulenter und nannte sich «der feiste Doctor».

Luther nahm zu. Das sieht man auch auf den Cranach-Bildern. Das war problematisch, denn die meisten Heiligen waren mager und Asketen. Das war Luther eben nicht: Er war anti-asketisch durch und durch und er kämpfte gegen das Mönchtum. Diese Leibesfülle wurde auch ein Zeichen seiner Autorität. Die Künstler deuteten sie um und machten aus etwas Negativem etwas Positives.

 

Sie sind auch tief in Luthers Seelenlandschaft eingetaucht. Was haben Sie dort gefunden?

Er hatte sehr viel Humor, und er war jemand, der immer mit dem Glauben ringt. Man kann Luther viel verzeihen, weil er nicht diese Selbstsicherheit hatte, die kein Wenn und Aber erlaubt. Er war jemand, der dauernd unter Anfechtungen litt – bis zu seinem Tod. Man könnte das als Melancholie bezeichnen, aber es hat mit dem Glauben zu tun. Das macht ihn zu einer Persönlichkeit mit einer gewissen Tiefe. Auch wenn er absolut unmöglich sein konnte und sehr hart und grob war. Aber die Direktheit hing auch mit seinem Humor zusammen.

 

Luther war grob, sagen Sie. Er ist ja auch berühmt für seine Fäkalsprache, seine derben und sexistischen Witze, die er gern bei seinen Tischgesprächen machte. Wie kam das bei seinen Zuhörern an?

Fäkalsprache war damals nicht unüblich. Wir finden das heute absolut unmöglich und pathologisieren es. Das kommt von einer prüden Psychoanalyse. Bei Luther hat der Bezug auf Anales viel mit Spiel und Kreativität zu tun.

 

Haben Sprüche wie «Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz» etwas mit Luthers Glauben zu tun?

Ja. Er beschreibt, wie man den Teufel mit einem Furz wegjagen kann. Er meint, dass man das Schmutzige im Körper gegen den Teufel anwenden kann.

 

Den Teufel gab es für Luther also wirklich?

Als Präsenz ja. Luther beschreibt nicht, wie der Teufel aussieht, aber wie er mit ihm ringt. Und das findet zum Teil in seinem Körper statt. Zahnweh, Kopfschmerzen, das waren für Luther die Schläge des Teufels.

 

Welche Rolle spielte die Heirat Luthers mit der Nonne Katharina von Bora 1525 ?

Er beschreibt es so, dass er mit der Ehe dem Teufel trotzen wollte. Aber es war ein Wagnis. Dass ein Mönch eine Nonne heiratete, bedeutete, das Gelübde doppelt zu brechen.

 

Luthers Antisemitismus ist eine komplizierte Erbschaft für den Protestantismus. Woher rührte sein Hass auf die Juden?

Das ist sehr schwer zu erklären. Es gibt auch eine Schrift, in der er für die Juden eintrat, aber gleichwohl sollten sie sich bekehren. Man hat versucht, Luthers Hass auf Juden damit zu erklären, dass er enttäuscht darüber war, dass sie sich nicht bekehrt hätten. Aber das stimmt nicht ganz. Ich meine, Luthers Antisemitismus hängt damit zusammen, dass es gewisse Ähnlichkeiten zwischen seiner und der jüdischen Theologie gibt und dass er diese Position vom auserwählten Volk für die Protestanten reservieren wollte.

 

Das Bild eines frohen Protestanten vermittelt Luther uns nicht unbedingt. Aber gerade im jetzt begonnenen Reformationsjahr legen die evangelischen Kirchen viel Wert auf Fröhlichkeit.

Natürlich konnte Luther fröhlich sein und hatte eine Fähigkeit, Geselligkeit zu genießen. Feiern muss man seinen erstaunlichen Mut. Aber ich finde, auch seine Schattenseiten bringen ihn uns näher. Wenn man den Menschen Luther als Ganzes verstehen kann, versteht man mehr von seinem Glauben und dem, was er uns heute zu sagen hat.

 

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