Auszüge aus dem Buch «Sprünge ins Ungewisse»

Ein Leben mit Spannung

Der Cóndor veröffentlicht in loser Folge Kapitel aus dem Buch «Sprünge ins Ungewisse» von Manfred Sandner. Er schreibt über seine Zeit als vermittelter Lehrer in den 1960er Jahren. Zwei Jahre arbeitete er am Internado Alemán in Villa Alemana und drei Jahre an der Deutschen Schule Quilpué.

4337_Geschichte_Erdbeben

Am 28. März 1965 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,6 Richter die Zentralzone Chiles. Für die Familie Sandner war es ein traumatisches Erlebnis. Das Epizentrum des Erdbebens lag in der Nähe von La Ligua und Petorca in der V. Region.

Ein Sonntag im März 1965 fängt ganz entspannt an. Ich sitze oben im ersten Stock unseres Hauses und schreibe in meinem Arbeitszimmer einen Brief nach Hause.Plötzlich höre ich ein unterirdisches Grollen, das ich einem erlebten Ereignis nicht zuordnen kann. Ich spüre sofort, da baut sich eine unbekannte lebensbedrohende Gefahr auf und reagiere so, wie es der Mensch schon seit grauer Vorzeit als rettende Reaktion erfahren hat: Flucht!

Meine Flucht raus aus dem Zimmer, die Treppe runter, durch das Wohnzimmer in die Küche erfolgt nicht nur schnell, sondern auch in einem unkontrollierten Halbbewusstsein. Erst an der Küchentür zum Hof, als ich draußen Ingrid und Carsten sehe, die sich krampfhaft am einzigen Baum festhalten, um nicht umzufallen, erwacht mein Bewusstsein bei der Frage: «Wo ist Conni?» Sie ist nicht draußen im Hof, muss also noch im Haus sein. Ich drehe und rase meinen Fluchtweg zurück bis zur Treppe, die in den ersten Stock führt. Am oberen Ende der sich wie eine Schlange windenden Treppe steht unsere kleine Tochter, weinend. Sie wagte sich nicht, diese Wackeltreppe hinabzugehen – so erzählt sie uns später. Ich stürme diese Treppe hinauf, presse Cornelia unter meinen Arm und rase den Fluchtweg noch einmal Richtung Küche und endlich hinaus in den Hof. Dort stehen immer noch Ingrid und Carsten, halten sich am Baum fest und starren angstvoll auf unser zweigeschossiges Haus. Ich folge ihren Blicken und mir stockt der Atem.

Das Haus schwankt wie ein Schiff auf einem Meer mit hohem Wellengang. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis unser Haus bei einem Pendelausschlag umkippt. Dieses Schreckensszenario  für unsere Augen ist schon kaum zu verarbeiten, dazu kommen noch die Urweltgeräusche aus dem Inneren der Erde, und in der Nachbarschaft hören wir scheppernd die Wellblechdächer, die sich verschieben, sich lösen und hinabrutschen.

Menschen, die nicht ihr erstes schweres Erdbeben erleben, geraten in Panik und schreien ihre Verzweiflung hinaus. Und über allem liegt unsere Hilflosigkeit, unser Ausgeliefertsein, ein Gefühl, das wohl besonders dafür sorgt, dass diese zweieinhalb Minuten zu einer Ewigkeit werden und sich für immer in uns festsetzen.

Dafür sorgen auch die nachfolgenden Stunden. Obwohl unser Haus aufhört hin und her zu schwanken und weiterhin stabil vor uns steht, obwohl das Grollen aus dem Inneren der Erde verstummt und auch die belastenden Geräusche aus der Umwelt, zieht bei uns keine innere Ruhe ein. Unsere Kleinen sind schreckensbleich, wirken verstört und schauen uns aus ängstlichen Augen an. Wir selbst zittern innerlich noch, sind aber wie gelähmt und wagen es nicht, ins Haus zu gehen, spüren jedoch zugleich, dass wir nun handeln müssen, damit unser normales Leben weitergeht.

Doch zuerst verlangt es uns danach, die vergangenen Minuten in Worte zu fassen, Ingrid vor allem die fürchterlichen Minuten, in denen sie sich mit Carsten zusammen am Baum festklammert, das hin und her schwankende Haus vor Augen, mit der Angst, dass es bald kippt und Vater und Tochter noch drinnen sind. Dann ihr zusätzlicher Schreck, als ich allein an der Küchentür auftauche, wieder zurück renne und endlich mit Cornelia unterm Arm in den Hof stürze.

Schließlich wagen wir uns in die Küche. Ingrid ist erleichtert, dass sie noch die Geistesgegenwart hatte, die Gasflammen zu löschen, die unter den Töpfen für das Sonntagsessen brannten. Auch sie hatte beim Beginn des Bebens sofort gespürt, dass das nicht nur ein leichter Wackler wird und war augenblicklich in den Hof hinaus gerannt. Diese Töpfe hängen schief auf dem Gasherd und drohen runter zu fallen. Der Blick auf die Trennwand zum Wohnzimmer weckt Bedenken wegen der Stabilität des Hauses. Wir sehen zwei Diagonalrisse quer über die gesamte Wandbreite und auf dem Boden viele abgeplatzte Fliesen. Die Wandschränke sind alle geschlossen, doch in ihrem Inneren entdecken wir ein heilloses Geschirrdurcheinander, zum Glück ohne allzu viele Scherben. Im Wohnzimmer steht das Klavier nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz und das Radio droht, im nächsten Moment von dem Schränkchen zu fallen, auf dem es steht. Der Blick zur Wand Richtung Küche verstärkt unsere Stabilitätsbedenken, denn die Diagonalrisse sind auch von hier aus zu sehen, sind also durchgehend. Sollte es sich um eine tragende Wand handeln, wären wir doch ziemlich unruhig, weiterhin das Obergeschoss zu nutzen.

Doch wir wagen uns hinauf und sehen deutlicher die Folgen der Hausschwankungen. Alle Wandschränke stehen offen und der Inhalt liegt wüst verteilt auf dem Boden: Bücher, Bilder, der Fotoapparat im Arbeitszimmer, Kleidung und Wäsche in den Schlafzimmern. All dieses Durcheinander belastet uns kaum, umso mehr die Frage: „War das alles?“ Wir hörten davon, dass solch schweren Beben stets weitere nachfolgen.

Die vor uns liegende Nacht baut sich wie eine Drohung auf und erfordert von uns einen weiteren Entschluss. Keiner von uns möchte oben im ersten Stock schlafen. Also holen wir Matratzen und alle anderen Nachtutensilien runter, um im Wohnzimmer zu nächtigen. Die Kinder wollen auch während der Nacht ganz in unserer Nähe sein, denn es zeigt sich immer mehr, wie sehr sie dieses Beben weiterhin beunruhigt. Irgendwann schlafen wir alle. Doch morgens gegen drei werden wir wieder durch unterirdisches Grollen, durch Knacken und Knistern im Haus und durch starke Bewegungen des Bodens aus dem Schlaf gerissen. In Sekunden haben wir die Kinder auf dem Arm, Decken um sie gehüllt und sind auf dem Weg durch die Küche Richtung Hof. An der Tür stehen wir schwer atmend, zögern, bevor wir in die kühle Nacht hinaus flüchten, brauchen die Tür aber nicht mehr zu öffnen, denn das Nachbeben dauert nicht lange. Wir gehen zurück ins Wohnzimmer, legen unsere beiden auf ihre Matratze und versuchen, wieder Ruhe zu finden. Das fällt allen schwer, aber es lebe die menschliche Natur, die auch uns wieder in den erholsamen Schlaf zurückschickt.

Manfred Sandner: Sprünge ins Ungewisse – Aus enger DDR bis ins unendlich weite Chile, Novum Verlag für Neuautoren, ISBN 978-3-95840-811-1

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