Aufbruch in ein neues Zeitalter

Als Preußens Zukunft nach der Niederlage gegen Frankreich 1806 auf dem Spiel stand, nutzten kluge Reformer die Notlage, den Staat zu modernisieren. Bauernbefreiung, allgemeine Wehrpflicht und Neuordnung der Gesellschaft schwebten Hardenberg, Scharnhorst und Stein vor. Dies bedeutete mehr als nur Reformen; es war eine Revolution von oben.

Der Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin machte die Krise des alten preußischen Staates sichtbar.
Der Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin machte die Krise des alten preußischen Staates sichtbar.

Preußens König Friedrich Wilhelm III. musste 1807 am Ufer der Memel nahe dem Ort Tilsit tatenlos ausharren, während andere über das Schicksal seines Landes bestimmten. Auf dem Fluss schwamm ein Floß bestückt mit einem prächtig geschmückten Pavillon. Darin verhandelten der russische Zar Alexander und der Kaiser Frankreichs, Napoleon Bonaparte.

Die Anführer der damaligen Supermächte hätten Preußen damals zerschlagen können. Bonaparte wollte ein ordentliches Stück für Russland und ein «Königreich Westphalen» für seinen Bruder Jérôme gehen. Doch der Zar bewahrte Preußen vor diesem Schicksal. Er bevorzugte das Land als Pufferzone zwischen Frankreich und Russland. Friedrich Wilhelm verlor die Hälfte des Landesgebietes und seiner Einwohner. Zudem musste Preußen hohe Reparationszahlungen an Frankreich leisten und auch für die Besatzung blechen. Aber immerhin, es blieb bestehen; wenn auch dem Ende nahe, wie es schien.

Doch in die Bedrückung und die Not nach der Niederlage mischten sich schon bald Stimmen des Aufbruchs und der Hoffnung. Bereits wenige Tage nach Tilsit brach Preußen in seine vielleicht ruhmreichste Zeit auf. Die nun offensichtliche Überlegenheit der französischen revolutionären Ideen ließ Gegner von Reformen verstummen und ermöglichte es einer Gruppe von Staatsdienern explosionsartig zahlreiche Veränderungen umzusetzen. Etwa ein Dutzend Männer um die Minister Karl Reichsherr vom und zum Stein und Karl August Fürst von Hardenberg, die Offiziere Gerhard von Scharnhorst und August Wilhelm Neidhart Gneisenau, sowie den Gelehrten Wilhelm von Humboldt legten den Grundstein für einen bürgerlichen Verfassungs-, National- und Industriestaat des 19. Jahrhunderts.

 

Neue Freiheiten

Die Revolutionsarmee Napoleons hatte die viel gerühmte preußische Armee geradezu überrollt. Sie hatte einerseits durch die neue allgemeine Wehrpflicht an Masse, aber auch an Kampfwillen gewonnen. Denn aus Bauern waren gleichzeitig Soldaten sowie Landbesitzer geworden, die mit aller Macht für ihr Land kämpften.

Genau diese Kampfbegeisterung wollten auch die preußischen Reformer mit einer Bauernbefreiung erreichen. Stein unterzeichnete am 9. Oktober 1807 das wohl wichtigste Gesetz der preußischen Geschichte, das: «Edikt den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner betreffend». Damit war die Jahrhunderte alte Tradition der Erbuntertänigkeit beendet.

Die durchs Feudalsystem versklavten Bauern, Mägde und Knechte konnten nun nach belieben heiraten, wegziehen, Land kaufen und einen Beruf nach ihrem Willen erlernen. Aber auch Edelmänner durften nun ohne Nachteil ihres Standes ein bürgerliches Gewerbe betreiben. Bürger konnten in den Bauernstand wechseln, wie Bauern in den Bürgerstand. Es gab jetzt die Freiheit der Berufswahl. Damit einher ging der freie Güterverkehr: Alle Stände durften sich ab jetzt gegenseitig Land verkaufen.

Die feudalherrschaftlichen Junker versuchten hingegen alles, um die Bauernbefreiung zu verhindern. Sie sahen sich als die unfair behandelten Leidtragenden der Reformen. Die Gutsbesitzer forderten eine Entschädigung von den Bauern, dafür dass sie zukünftig auf ihre freie Arbeitskraft verzichten sollten, sowie für das Land, das die Bauern bewirtschafteten. Staatliche Generalkommissionen besichtigten im Einzelfall die Ländereien und legten den Preis fest, den die Bauern zu zahlen hatten. Da diese meistens kein Geld hatten, mussten sie oft die Hälfte ihres Landes an den Junker abgeben oder sich hoch verschulden. So zog sich die die sogenannte Regulierung noch das ganze 19. Jahrhundert hin. Manche Bauerngruppen wurden sogar ganz von den Reformen ausgenommen und mussten weiter für lau auf den Gütern der Junker arbeiten.

Der zweite große Reformer, Karl August Fürst von Hardenberg, führte 1810/1811 die Gewerbefreiheit ein. Nun konnte jeder einen Gewerbeschein kaufen, um ein Unternehmen zu gründen – nicht nur Zunftmitglieder. Damit wollte er vor allem den von der Bauernbefreiung betroffenen Knechten auf dem Lande eine Zukunftsperspektive geben. Im Endeffekt aber ermöglichte sie Preußen und später gesamt Deutschland den Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht.

Ab 1812 wurden endlich alle Juden den restlichen preußischen Bürgern gleichgestellt. Die sogenannte Judenemanzipation betraf 70.000 Menschen, die ab diesem Zeitpunkt nicht mehr die «Judensteuer» zahlen mussten. Auch die Diskriminierung im Bezug auf Wohnsitz und Berufswahl fand ein Ende. Der Zugang zum Beamtentum oder einer Offiziersposition blieb ihnen jedoch weiterhin verwehrt. Damit waren Juden zwar nicht so frei wie in Frankreich, aber deutlich besser gestellt als in den meisten deutschen Ländern.

 

Wirtschaftsliberale Modernisierung

Die Reformer erhofften sich durch die Liberalisierung der Gesellschaft unter anderem eine bessere ökonomische Effizienz der Unternehmen und damit auch höhere Steuereinnahmen. Die wirtschaftliche Ausrichtung ging auf den schottischen Ökonom Adam Smith zurück. Er und seine Ideen von Privateigentum, Wettbewerb und Freihandel standen bei den Reformern hoch im Kurs. In der freien Marktwirtschaft kam es nach Smith den Beamten zu, die Spielregeln zu setzen. Das Beamtentum wurde im alten Preußen zum Motor der Modernisierung den Stein anließ.

Minister Karl Freiherr vom Stein beendete das chaotische Regierungssystem, der sich durch eine Vielzahl unkoordinierter Behörden und

Drei Staatsmänner leiten bedeutende Reformen in Preußen ein. Von links nach rechts: Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755-1813) führt die Heeresreform (Wehrpflicht) durch. Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1822) und Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) setzen die Gewerbefreiheit und freien Güterverkehr durch, schaffen die Leibeigenschaft der Bauern ab und entwickeln die kommunale Selbstverwaltung der Städte.
Drei Staatsmänner leiten bedeutende Reformen in Preußen ein. Von links nach rechts: Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755-1813) führt die Heeresreform (Wehrpflicht) durch. Karl August Freiherr von Hardenberg (1750-1822) und Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) setzen die Gewerbefreiheit und freien Güterverkehr durch, schaffen die Leibeigenschaft der Bauern ab und entwickeln die kommunale Selbstverwaltung der Städte.

einem königlichen Beraterstab auszeichnete, der zwar in allem mitredete, aber für nichts verantwortlich war. Zwischen 1808 und 1810 schuf Stein daher die fünf klassischen Ministerien Inneres, Auswärtiges, Finanzen, Krieg und Justiz. So entstand das Ressortprinzip der Politik mit verantwortlichen Ministern an der Spitze.

Auch eine neue Städteordnung gehörte zu Steins Programm. Ab 1808 sollten sich die Städte auf kommunaler Ebene selbst verwalten und über ihre Steuern und Abgaben selbst entscheiden. Mit der Lokalpolitik wollte Stein das preußische Bürgertum für das Staatswesen mobilisieren. Die Bürger sollten Stadtverordnetenvorsitzende und Magisterrat wählen. Ziel war es, eine politische Teilhabe der Bürger zu ermöglichen und damit wiederum den Staat und die Verwaltung zu stärken und zu legitimieren.

Der erhoffte Effekt der Demokratisierung blieb allerdings aus. Einige Städte wollten sogar lieber auf die als sehr teuer empfundene Freiheit verzichten. Zudem verfügten viele Bürger nicht das entsprechende Einkommen, um sich das Bürgerrecht kaufen.

Die Städtereform blieb unvollendet. Wahrscheinlich hätte Stein sich der verbleibenden Schwierigkeiten angenommen, wenn er nicht bereits 1808 entlassen worden wäre. Die französischen Besatzer hatten einen Brief von ihm abgefangen, in dem es um die Idee eines Volkskrieges gegen Frankreich ging. Daraufhin musste Stein das Land verlassen. Doch vor seinem Sturz hatte er noch einen anderen großen Reformer für das Kultusministerium vorgeschlagen: Wilhelm von Humboldt, dessen Name bald für eines der besten Bildungssysteme seiner Zeit stehen sollte.

 

Kristina Staab

 

Fortsetzung folgt.

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