«Amerika lässt sich nicht regieren»

Bolivars Tod, dargestellt vom venezolanischen Maler Antonio Herrera Toro
Bolivars Tod, dargestellt vom venezolanischen Maler Antonio Herrera Toro

Und was kommt nach der gewonnenen Freiheit? Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez schildert vor dem Hintergrund historischer Ereignisse die letzten Monate im Leben Simón Bolívars, der nach den erfolgreichen Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien erkennen muss, dass sein Traum von einem geeinten Amerika geplatzt ist.

Von Arne Dettmann

Eigentlich hätte Lateinamerika das Zeug dazu, die regionale Integration voranzutreiben. Denn im Gegensatz zur Europäischen Union blicken die Staaten auf eine gemeinsame Geschichte zurück – die spanische Kolonisation – und kommen mit zwei dominanten Sprachen – Spanisch und Portugiesisch – relativ leicht auf einen kommunikativen Nenner. Auch die volkswirtschaftlichen Strukturen – Rohstoff-Exporte – ähneln sich stark. Eine gemeinsame Ausgangslage wäre also theoretisch vorhanden.

In der Praxis sieht die Lage jedoch anders aus. Die Andengemeinschaft ist wohl eher als bedeutungslos einzustufen, das Bündnis Mercosur kommt nicht voran, und auch sonst herrscht mehr Rivalität statt Eintracht vor. Bolivien verklagt Chile gegenwärtig vor dem Internationalen Gerichtshof und fordert den im Salpeterkrieg (1879-1883) verlorenen Zugang zum Pazifik zurück. Für einen Europäer wäre das in etwa so, also ob die Bundesrepublik und Frankreich immer noch über die alten Landschaften Elsass und Lothringen und die Folgen des Krieges von 1870/71 streiten würden. Ein solcher Anachronismus hätte eine deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wohl kaum ermöglicht, geschweige denn eine Europäische Gemeinschaft entstehen lassen.

In Südamerika wird dagegen im Jahr 2016 sogar über Flussverläufe gezankt. Boliviens Präsident Evo Morales wirft Chile vor, die Quellen von Silala auf dem bolivianischen Altiplano künstlich auf sein Territorium umgeleitet zu haben. Hinzu kommen allerdings auch ernsthafte Probleme: Der Gigant Brasilien, der eigentlich bei einer lateinamerikanischen Integration eine Führungsrolle zufallen würde, ist politisch und ökonomisch ins Taumeln geraten. Und nach wie vor spaltet die Staats- und Regierungschefs in dieser Weltregion die Frage, ob denn nun mehr Marktfreiheit oder mehr Sozialismus ihr Land nach vorne bringen.

Dabei hatte es in der lateinamerikanischen Geschichte einmal einen Mann gegeben, der sich über solche Zerwürfnisse hinwegsetzen wollte und die Einheit Amerikas beschwor: Simon Bolivar (1783-1830), als Sohn reicher Plantagenbesitzer in Caracas geboren, wurde während seiner Erziehung vom liberalen Gedankengut Jean-Jacques Rousseaus geprägt und kam bei seinen Reisen auf dem Alten Kontinent mit den englischen und französischen Ideen John Lockes und Voltaires in Berührung. Das leuchtende Vorbild USA wollte er in schließlich in Lateinamerika umsetzen: Unabhängigkeit und Konföderation.

Sein erstes Ziel, der Rauswurf der spanischen Kolonialherren, erreichte der noch heute in vielen Ländern als «Befreier» («Libertador») gefeierte Nationalheld in vielen Schlachten. Das Vizekönigreich Neugranada zerbrach, am 7. September 1821 gründete Bolivar Großkolumbien und wurde sogleich dessen erster Präsident. Es folgten 1824 die Unabhängigkeitskämpfe um Peru und Hoch-Peru; letztere Republik benannte sich 1825 nach ihrem Befreier in Bolivien um.

Doch der von Bolivar angestrebte Panamerikanismus scheiterte. Eine zentralisierte Gemeinschaft südamerikanischer Staaten wurde durch nationale Strömungen in den Teilrepubliken und politische Streitigkeiten zunichte gemacht. Großkolumbien zerfiel nach Bolivars Tod 1830 in die heutigen Nachfolgestaaten Venezuela, Ecuador,Kolumbien und Panama. In den Jahrzehnten danach sollten Bürgerkriege und Putsche machtgieriger Caudillos das Bild Lateinamerikas prägen.

Wie es in dem desillusionierten Libertador ausgesehen haben mag, schildert der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García-Márquez in seinem Buch «Der General in seinem Labyrinth» («El general en su laberinto») aus dem Jahr 1989. Nach seinem Rücktritt von allen politischen Ämtern beginnt Simón Bolívar von Bogota aus seine letzte siebenmonatige Reise, die ihm auf dem Río Magdalena hinab zum Karibischen Meer führt.

Simon-Bolivar-Statue in Washington
Simon-Bolivar-Statue in Washington

Die Fahrt flussabwärts bildet symbolisch auch den Niedergang eines gefallenen Helden. Von Krankheit gezeichnet, von ehemaligen Weggefährten enttäuscht, erinnert sich der glorreiche General an seine Kindheit, Lieben und Leiden, das Attentat gegen ihn und den langjährigen Befreiungskampf. Márquez liefert keine vollständige Biografie. Vielmehr lässt der Autor Lebensstationen und Ereignisse Bolívars bruchstückhaft und chronologisch vermischt aus der Vergangenheit auftauchen.

Gezeichnet wird das Bild eines einst starken Mannes, der nun kraftlos geworden ins finstere Grübeln verfällt. Soll er ins Exil gehen oder vielleicht doch noch einmal in die Schlacht zu ziehen, um den Traum eines vereinten Südamerikas zu verwirklichen? So ziellos Bolívars Flussreise anmutet, so ziellos scheint auch Südamerika selbst, das mit der blutig bezahlten Unabhängkeit nun offenbar nichts anzufangen weiß. «Wie komme ich aus diesem Labyrinth heraus?», klagt der General kurz vor seinem Tod.

Im Gegensatz zu früheren Werken wie «Hundert Jahre Einsamkeit» (1967) und «Die Liebe in Zeiten der Cholera» (1985) verzichtet der Meister des magischen Realismus auf mythische und fantastische Elemente, sondern gibt Einblicke in lateinamerikanische Mentalitäten und Gesellschaftsstrukturen vor einem historischen Hintergrund. Die Partikularinteressen der führenden sozialen Schichten gebären sich als unüberbrückbar, Bolívar hat den Kampf gegen die separatistische Strömungen aufgegeben.

Mehr als 150 Jahre später versucht ein Landsmann Bolivars, in dessen Fußstapfen zu treten. Doch Hugo Chávez und seine «Bolivarische Revolution» dürften wohl als gescheitert betrachtet werden. Die mit sozialistischen Ideen durchtränkte Doktrin eines geeinten Südamerikas musste sich stets den Vorwurf von Populismus und Propaganda gefallen lassen – zu Recht. Venezuelas Staatschef Chávez starb 2013. «Amerika lässt sich von uns nicht regieren», hatte sein großes Vorbild Simón Bolívar in seinen letzten Tagen bilanziert. Und: «Wer einer Revolution dient, pflügt im Meer.»

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