Alliierte teilen Deutschland auf

Vom 4. bis zum 11. Februar 1945 wurde in Jalta Weltgeschichte geschrieben. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges trafen sich in dem drei Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Zarenschloss Liwadija die alliierten Staatschefs Franklin D. Roosevelt (USA), Winston Churchill (Großbritannien) und Josef Stalin (UdSSR).

Gruppenfoto nach dem Abschluss der Verhandlungen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin
Gruppenfoto nach dem Abschluss der Verhandlungen: Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin

Auf der Konferenz der «Großen Drei» sollten Maßnahmen für die Endphase des Krieges, die Zukunft des Deutsches Reiches und die Nachkriegsordnung Europas getroffen werden. Deutschland sollte nach dem Sieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt werden. Einer französischen Zone stimmte Stalin erst zu, nachdem die USA und Großbritannien zugesichert hatten, dass diese nur aus Flächen ihrer Einflussgebiete gebildet werde.
Stalin regte in Jalta zudem die «Oder-Neisse-Linie» als künftige Ostgrenze Deutschlands an. Beim sowjetisch-polnischen Grenzverlauf sollte der Raum Bialystok an Polen fallen, die UdSSR wollte dafür den nördlichen Teil Ostpreußens.
Stalin verpflichtete sich außerdem, innerhalb von drei Monaten nach der Kapitulation Deutschlands in den Krieg gegen Japan einzutreten. Als Gegenleistung wurde der Sowjetunion die Südhälfte der Insel Sachalin zugesprochen.


 

Historiker:
Nur Deutschland hat Lehren aus Jalta-Konferenz gezogen

Moskau (dpa) – 70 Jahre nach der Jalta-Konferenz ist die europäische Nachkriegsordnung nach Einschätzung des Historikers Matthias Uhl aus den Fugen geraten. «Die Welt muss dahin kommen, dass das Völkerrecht wieder mehr beachtet wird», sagte Uhl vom Deutschen Historischen Institut (DHI) in Moskau der Deutschen Presse-Agentur.

Beschluss der Anti-Hitler-Koalition: Deutschland wird nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt.
Beschluss der Anti-Hitler-Koalition: Deutschland wird nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen aufgeteilt.

Was ist von Jalta geblieben, 70 Jahre danach?
Das System Jalta ist schon mit dem Berliner Mauerfall 1989 zusammengebrochen. Die in Jalta beschlossene Machtbalance zwischen Sozialismus und Kapitalismus wurde den Bach der Geschichte heruntergespült. Seitdem geht es darum, wieder eine neue Linie der Balance zu suchen. Man sieht im heutigen Konflikt, dass Großmächte wieder danach streben, sich Einflusssphären zu sichern.

Können Großmächte heute noch unumschränkt über die Welt entscheiden?
Die Ukraine-Krise zeigt, dass es so einfach nicht mehr geht. Die EU, mit Deutschland an der Spitze, zeigt Russland, dass sie einseitige Schritte wie die Krim-Annexion nicht hinnimmt. Es muss allgemein gelingen, ein internationales System zu finden, bei dem kleinere Staaten mit am Tisch sitzen und ihre Interessen gegen die Großen vertreten. Anders wird es auf der Welt keinen Frieden geben.

Hat Russland das historische Symbol Jalta durch die Annexion der Krim selbst entwertet?
Jalta war schon durch den Zusammenbruch der Sowjetunion quasi entwertet. Man sollte Jalta auch nicht überbewerten. Die grobe Linie der Alliierten war bereits vor der Konferenz auf der Krim entschieden. In Jalta wurde das dann vor allem bestätigt.

Was lehrt die Jalta-Konferenz für heutige Konflikte?
Deutschland ist vielleicht die einzige Nation, die aus Jalta eine Lehre gezogen hat. Berlin stellt seine Mittel für Verhandlungen in einer komplizierten Lage zur Verfügung. Im Kalten Krieg wurden die völkerrechtlichen Grundlagen von den Großmächten garantiert. Ein solcher Garant scheint heute zu fehlen. Das ist gefährlich. Die Welt muss dahin kommen, dass das Völkerrecht wieder mehr beachtet wird.


Verbündete von einst sind tief verfeindet

Es war ein historischer Schulterschluss: Vor 70 Jahren besiegelten die USA, Großbritannien und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg das Ende Hitler-Deutschlands – in Jalta. Der Kurort auf der von Russland einverleibten Halbinsel Krim ist heute selbst Teil eines Konflikts.

Jalta ist ein Kur- und Urlaubsort an der Südküste der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer.
Jalta ist ein Kur- und Urlaubsort an der Südküste der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer.

Jalta (dpa) – Ihre Feier zum 70. Jahrestag der Jalta-Konferenz von 1945 lassen sich die Bewohner auf der Halbinsel Krim auch von dem internationalen Konflikt um die Ukraine nicht verderben. In dem malerischen Luftkurort an der Schwarzmeerküste liegt er stolz auf einer Anhöhe der Stadt: der Liwadija-Palast, früher Sommerresidenz der russischen Zarenfamilie. Der Sowjetdiktator Josef Stalin lud in den einst von den Bolschewiken übernommenen Palast mit Meeresblick kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Alliierten zum Endkampf gegen Hitler ein.
Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion klopften hier vom 4. bis 11. Februar 1945 die europäische Nachkriegsordnung fest. Doch der Konferenzort auf der von Russland im März 2014 einverleibten Krim zeigt auch, dass diese Ordnung aus den Fugen geraten ist.
Das Bild vom Schulterschluss mit dem kommunistischen Diktator Stalin und US-Präsident Franklin D. Roosevelt sowie Großbritanniens Premier Winston Churchill ging damals um die Welt. Zum Jubiläum wollen die Krim-Behörden eine Bronze-Statue mit den drei Staatenlenkern – ein Werk des Moskauer Künstlers Surab Zereteli – in Palastnähe aufstellen, wie die Krim-Parlamentarierin Swetlana Sawtschenko sagt.
Eine von russischen Stiftungen organisierte Historiker-Konferenz und eine Ausstellung mit Fotomaterial vom Moskauer Außenministerium sind geplant. In dem Dorf Nowofjodorowka soll nachgestellt werden, wie sich die Mächtigen in der Nacht zum 3. Februar auf dem Flughafen trafen. Doch große Sprünge etwa mit Beteiligung namhafter internationaler Gäste sind tabu. EU und USA sehen das Gebiet weiter als ukrainisches Territorium an und warnen aus Sicherheitsgründen vor Reisen dorthin.
Die Verbündeten von einst sind tief verfeindet. Die USA und die EU haben die Krim mit Sanktionen belegt, seit sie sich von der Ukraine abspaltete und zum «Mutterland» zurückkehrte. Der Westen sieht darin einen Bruch des Völkerrechts und einen Verstoß gegen die Nachkriegsordnung. Russland hingegen beruft sich auf jahrhundertealte Wurzeln auf der Krim, die Kremlchef Nikita Chruschtschow 1954 unter Verstoß gegen sowjetisches Recht an die Ukraine verschenkt habe.
Die Krim-Bewohner seien bis heute stolz darauf, dass sich die Vertreter gegnerischer Systeme – des Kommunismus und Kapitalismus – in Jalta vereinten, um gegen die «menschenverachtende Ideologie der Nazis» vorzugehen, sagt die Politikerin Sawtschenko. Doch das in Jalta vereinbarte System der Nachkriegsordnung, die Strukturen der europäischen Sicherheit und letztlich die Sowjetunion selbst seien längst zerstört, wie die russische Historikerin Natalia Narotschnizkaja meint.
Das Verdienst der Krim-Konferenz liege bis heute darin, dass Politiker gegnerischer Systems auf dem Verhandlungsweg «eine Balance zwischen sehr ernsten und konfliktgeladenen Interessen» gefunden hätten, meint Narotschnizkaja. Jalta sei ein Beispiel dafür, «wie gegenseitige Zugeständnisse zu erreichen sind. Bis heute ist das eine Lehre von universeller Bedeutung.»

 

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