Allgemeine Wehrpflicht und Bildung für alle

Die preußischen Reformer beabsichtigten eine Synthese von Tradition und Fortschritt. Die alten Strukturen des Staates sollten aufgebrochen, die Bürger zur einer stärkeren Mitwirkung bewegt werden. Das setzte eine gewisse Bildung der Nation voraus.

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Am 10. Februar 1809 wurde Wilhelm von Humboldt vom preußischen König zum Geheimen Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Innern ernannt. Nur ein Jahr blieb der Bruder von Alexander von Humboldt im Amt, dann reichte er sein Rücktrittsgesuch ein. Für sein Ausscheiden wurde der Gelehrte oft angegriffen und der Bequemlichkeit sowie der Genusssucht bezichtet. Dagegen steht allerdings der enorme Arbeitseinsatz und Eifer, mit denen Wilhelm von Humboldt in den Monaten seiner Tätigkeit das Bildungssystem fast komplett umkrempelte.

Unter seinen bedeutendsten Maßnahmen zählen die Einführung des Lehramtsexamens, mit dem der Stand des Gymnasiallehrers geschaffen wurde, und die Vereinheitlichung und Verpflichtung der Abiturprüfung. Der krönende Abschluss des Reformwerks bildete die Gründung der Berliner Universität 1809.

Humboldt gilt als ein Stammvater des deutschen Liberalismus, und der Begriff «Humboldtsches Bildungsideal» steht ganz in dieser staatstheoretischen Vorstellung: Gegen die monarchisch-konservativen Kräfte in Preußen den Anspruch auf Allgemeinbildung durchzusetzen. Eine zweckfreie Menschenbildung sollte eingeführt werden, bei der das Individuum im Mittelpunkt stand, um schließlich die Selbstentfaltung der geistigen Kräfte anzuregen.

An die Stelle der Vielfalt an privaten, kirchlichen, städtischen und korporativen Einrichtungen trat nun die staatliche Schule, gegliedert in Volksschule, Gymnasium und Universität. Der Staat hatte die allgemeine Aufsicht, setzte jetzt einheitliche Lehrpläne durch und überwachte das Prüfungswesen. Es sollte auf Bildung und Leistung ankommen, nicht mehr auf Herkunft und Stand.

In der Praxis wurde diese auf staatsbürgerliche Emanzipation und Chancengleichheit abzielende Reform nur teilweise umgesetzt und blieb im Ergebnis hinter den Erwartungen Humboldts zurück. Dennoch kam diesem Bildungsideal bei den preußischen Reformern eine Schlüsselstellung zu, sollte doch ein neuer, selbstverantwortlicher Bürgertypus herangezogen werden.

 

Heeresreform

Eine weitaus größere Bedeutung hatte jedoch die Militärreform, von der die Initiatoren nichts weniger erwarteten, als die französische Vorherrschaft zu brechen. Das Heilige Römische Reich war von den Franzosen liquidiert worden, Preußen nach den Niederlagen bei Jena und Auerstedt zusammengebrochen, Berlin schließlich 1806 von französischen Truppen besetzt worden – eine Veränderung musste her, um das Blatt zu wenden.

König Friedrich Wilhelm III. setzte eine Militär-Reorganisations-Kommission ein, der vier bedeutende Männer angehörten: Generalmajor Gerhard von Scharnhorst, Oberstleutnant August Neidhardt von Gneisenau, Major Hermann von Boyen, Major Karl von Grolman und Staatskapitän Carl von Clausewitz.

Die Analyse dieser Herren fiel nüchtern aus: Während die französische Bürger- und Wehrpflichtarmee durchschlagende Erfolge verbuchen konnte, hatte sich die altpreußische Heerestaktik als zu unbeweglich gezeigt. Der Grund lag dabei offenbar im eigenen System. Die preußischen Offiziere behandelten ihre Soldaten wie willenlose Objekte, denen bei Vergehen harte Strafen drohten.

Neben der zentralen Reform – der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht – ging es also auch darum, die Würde und Stellung des einfachen Soldaten zu heben, die Schranken zwischen Armee und Gesellschaft zu beseitigen und somit den Patriotismus der Bürger aufzubauen. Parallel dazu sollte innerhalb des Offizierskorps bei den höheren Rängen nicht mehr das Dienstalter, sondern die Leistungen den Aufstieg bestimmen.

 

Geschichtliche Bedeutung

Die preußischen Reformen werden in der Geschichtsschreibung oft auch als «Revolution von oben» bezeichnet. Die Überlegenheit Frankreichs im Militärwesen, in Verwaltung und Staatsordnung sollte überwunden werden – doch im Gegensatz zur Französischen Revolution 1789 nicht durch blutige Umwälzungen, sondern als Neuerungen von den Staatslenkern selbst verordnet, ausgeführt durch die preußische Beamtenschaft. Gneisenau machte den Umfang der Reformen deutlich, als er sagte, Preußen müsse sich auf «den dreifachen Primat der Waffen, der Wissenschaft und der Verfassung» gründen.

Tatsächlich legten die Reformen die Grundlage für die Modernisierung Preußens und seinen Wiederaufstieg als europäische Großmacht. Auch die Industrialisierung Preußens wäre ohne die erwähnten Innovationen wohl nicht möglich gewesen. Allerdings wurde das Gesamtwerk nicht vollendet und im Laufe der Zeit unter dem Eindruck der Restauration wieder zurückgenommen. Insbesondere die Militärreform wurde aufgrund des Widerstands konservativer Kreise nur ungenügend umgesetzt. Das Ende der Reformen markiert das Jahr 1819, als die innen- und verfassungspolitischen Bestrebungen eingestellt wurden.

Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht begründete die Überlegenheit des preußischen Staates bis hin zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870 und 1871 und der Reichsgründung. Historiker gehen aber auch davon aus, dass mit der stärkeren Einbindung des gebildeten Bürgertums in das Heerwesen zusammen mit dem Adel eine neue Führungsschicht innerhalb der Streitkräfte bildete. Der gesellschaftliche Militarismus wurde zum Kennzeichen der deutsch-preußischen Geschichte.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang das unvollendete Buch «Vom Kriege» (zur Ausleihe erhältlich im Goethe-Institut, auch auf Spanisch) des preußischen Generals Carl von Clausewitz, das großen Einfluss auf die Entwicklung des Heerwesens in allen westlichen Staate hatte und heute noch in Militärakademien – auch in Chile – behandelt wird. Der Heeresreformer und Militärtheoretiker ordnete militärische Operationen der politischen Zielsetzung unter und erlangte mit dem Satz «Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» Berühmtheit. Seine Kernaussagen und Ansätze reichen weit über den militärischen Bereich hinaus und fanden sogar in der Unternehmensführung und im Marketing Anwendung.

 

Ende der Serie

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