Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg

Am kommenden 27. September begeht die Versöhnungsgemeinde ihren 40. Geburtstag. Der runde Jahrestag wird jedoch schon im Voraus gefeiert, und der Festgottesdienst am letzten Septembersonntag soll somit den Höhepunkt des Jubiläums darstellen. Der Cóndor traf sich mit dem Vorstandsvorsitzenden Michael Wagner und dem Pfarrer Johannes Merkel, um den Werdegang und die Zukunftsperspektiven der noch jungen Kirche näher zu betrachten.

Texto foto: Pfarrer Johannes Merkel und Vorsitzender Michael Wagner: «Es hat ganz klein angefangen und stand zwischendurch immer wieder auf der Kippe.» Foto: Walter Krumbach
Pfarrer Johannes Merkel und Vorsitzender Michael Wagner: «Es hat ganz klein angefangen und stand zwischendurch immer wieder auf der Kippe.» Foto: Walter Krumbach

Condor: Ihre Kirche trägt den Namen Versöhnungsgemeinde. Ist die Versöhnung Ihre Hauptzielsetzung?
Michael Wagner: Was einem auffällt, wenn man nach Chile kommt, ist die große Distanz, die zwischen den Leuten, die im Barrio Alto leben und denen aus anderen Stadtteilen existiert, unter denen kaum oder kein Kontakt ist. Diese Gemeinde möchte zu dieser Versöhnung beitragen. Ein großer Teil dieser Arbeit macht die Diakonie aus, die in der Schule Belén der Villa O’Higgins durchgeführt wird.

Ihre Kirche ist noch jung. Jubiläen sind jedoch gute Gelegenheiten, um Rückschau zu halten. Wie könnten Sie Ihre Bilanz zusammenfassen?
Wagner: Diese Gemeinde ist aus der Trennung der Lutherischen Kirche in Chile entstanden. Sie hat immer versucht, den Kontakt zu den Leuten aus den ärmeren Bevölkerungsschichten zu halten und entstand praktisch aus der tätigen Nächstenliebe an diesen Menschen, die damals aus dem Barrio Alto vertrieben wurden und viele Nöte hatten. Das ist ein Motiv, das sich durch die 40 Jahre durchgezogen hat.
Das andere für uns wichtige Thema ist, die Trennung der Kirche zu überwinden, was mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, weil dort immer noch, nach wie vor, bei verschiedenen Personen tiefe Verletzungen sind, die nicht aufgearbeitet wurden. In unserer Gemeinde können wir sagen, dass diese Verletzungen bearbeitet worden sind.

Wie kann man das erreichen?
Wagner: Durch Bewusstseinsbildung. Man muss daran arbeiten, die Leute zusammenbringen, klarmachen, was ist meine Position und die der Anderen, was ist passiert, warum ist es passiert, Verständnis dafür entwickeln und am Ende zum Vergeben kommen, so dass man sagen kann, die Dinge, die in der Vergangenheit waren, auch wenn ich sie nicht vergesse, kann ich sie vergeben und ich kann dem Anderen heute offen und ohne Vorbehalte gegenübertreten. Das ist heute noch leider nicht überall der Fall. Ich hoffe, dass wir das schaffen, bevor der letzte von jenen, die das miterlebt haben, gestorben ist.
Merkel: Bei der 40-Jahr-Frage muss man noch einhaken, dass es eine sehr kleine Gemeinde ist, die jahrelang ihre runden Geburtstage unter der Überschrift «Hurra, uns gibt es noch» gefeiert hat. Dass es die Gemeinde überhaupt gibt, ist schon ein Grund zum Feiern. Die Generationen vor uns hätten sich das nicht unbedingt gedacht, eine Gemeinde mit einer so schönen großen Kirche und 150 Mitgliedern. Es hat ja ganz klein angefangen und stand zwischendurch immer wieder auf der Kippe, ob es überhaupt weitergeht.
Wagner: Für uns ist jede Person wichtig und jede Person hat etwas beizutragen. Gott sei Dank haben wir eine große Gruppe von Leuten, die wirklich engagiert sind.

Welche Aufgaben übernehmen diese Leute?
Wagner: Das heißt für uns Teilnahme am Gottesdienst, Teilnahme an Aktivitäten der Gemeinde. Wir treffen uns regelmäßig, es gibt eine Bibelstunde, es gibt den Konfirmandenunterricht, Kindergottesdienst, und vor allem die Möglichkeit, an unserer diakonischen Arbeit mitzutun.
Merkel: Wir sind gerade mit den Konfirmanden in die Schule Belén gefahren und haben mit den Jugendlichen eine Begegnung gemacht. Dabei sehen sie, von der Kleidung, von dem, wie das Handy aussieht, dass sie aus zwei verschiedenen Welten kommen. Als wir dann an der Auswertung fragten, was am schwierigsten war, hieß es, überhaupt das Dasein, sich dem auszusetzen. Das haben sie ganz klar erkannt, aber nichtsdestotrotz war es möglich. So ist man dann zum Beispiel über die Beurteilung von Musik oder Fußballern, wie das halt bei Jugendlichen so ist, sich ein Stück nahegekommen. Für solche Begegnungen lohnt sich alles, weil sich wirklich für beide Gruppen eine Tür auftut zu einer Welt, die sonst nicht die ihre ist.

Ihre Gemeinde heißt Versöhnungsgemeinde. Glauben Sie, dass die Versöhnung möglich ist?
Wagner: Ich glaube fest daran.
Merkel: Wir können viel dafür tun, wir machen das auch bewusst und setzen uns dafür ein, aber sie ist auch ein Stück Geschenk.

Geschenk von wem?
Merkel: Sowohl von dem Anderen, der sich entweder auch auf den Weg machen muss oder der sich mit mir versöhnen will, als auch, würde ich tatsächlich sagen, ein Geschenk Gottes.

Um sich zu versöhnen braucht man mindestens zwei Parteien.
Merkel: …zum Beispiel.
Wagner: Und den Willen beider Seiten.

Welche konkreten Schritte sind von Ihnen unternommen worden, um zu dieser Versöhnung beizutragen?
Merkel: Konkret arbeiten wir in Santiago an verschiedenen Projekten, zum einen als Gemeinde direkt mit anderen Gemeinden, wie zum Beispiel mit der Gemeinde El Redentor. Wir haben uns mit den Direktorien getroffen und den Kanzeltausch durchgeführt, feiern gemeinsame Gottesdienste, werden auch die nächste Runde unserer Geburtstagsfeierlichkeiten zusammen durchführen. Wir gestalten bewusst etwas miteinander, was ein Weg ist, sich erst einmal kennenzulernen und dann auch zu besseren Begegnungen zu kommen. Zum anderen machen wir «Lobbyarbeit» für das Gemeinsame im Rahmen unserer Kirche, wo auch durchaus Widerstände bestehen.

Sie haben bereits verschiedene Gottesdienste in der Erlöserkirche gehalten. Wie war die Reaktion?
Merkel: Sehr positiv.

Man darf also optimistisch sein.
Merkel: Das sollte man sogar.
Wagner: Man kann optimistisch sein, wobei das immer ein Spagat ist.
Merkel: Wenn man’s gut nimmt, Brücke, wenn man’s schwierig nimmt, zwischen den Stühlen.

Wo wird sich die Versöhnungsgemeinde in 25 Jahren befinden – gemessen an den heutigen Entwicklungen?
Wagner: In Chile ist man nicht gewohnt, so weit zu blicken (lacht). Wir sind schon froh, wenn wir ein Jahr überblicken können.
Merkel: Ich würde mir wünschen, dass es so ist wie heute, nämlich ein wunderbares Miteinander ganz verschiedener Generationen. Wir haben regelmäßig eine der Gründerinnen im Gottesdienst, die ist 92, und wenn die Kindergottesdienstkinder, die Konfirmanden und ihre Eltern da sind, dann ist das keine riesige Gesamtgruppe, aber es ist ein wunderbares Spiegelbild, was Chilenen, Deutsche und Deutsch-Chilenen anbetrifft. Wenn die Gemeinde nur schaffen würde, sich das zu bewahren und die Arbeit mit der Schule Belén fortzuführen, dann – Halleluja!
Wagner: Wir sind stolz darauf, dass die Gemeinde diese 40 Jahre überlebt hat, und hoffen, dass in den kommenden 40 Jahren – wenn auch wir nicht mehr da sein werden – andere diese Arbeit fortführen, weil sie wichtig und notwendig ist. Wir werden unser Möglichstes tun, dass es weitergehen kann.
Merkel: Ich würde es gern an zwei Stellen individualisieren. Das sind zum einen die Menschen, die ein wahnsinniges Engagement hereinstecken. Das kann man in den letzten Jahren an unserem Präsidenten sehen. Es waren aber auch viele vor ihm und viele mit ihm gewesen, die in hunderten Zeitstunden mit viel Energie und Herzblut seit der Gründung alles überhaupt möglich gemacht haben.
Genauso wird eine Gemeinde für Leute persönlich erst erlebbar. Die über 200 Kinder, die hier getauft wurden, die Eltern, die mit ihren Kindern zum Kindergottesdienst oder zum Konfirmandenunterricht gekommen sind, die selbst für sich plötzlich das Zusammensein der Menschen entdeckt haben, das ist etwas, das mir selbst auch etwas gibt. Da ist viel passiert. Das kann man nicht kleinreden, nur weil es eine Person betrifft, weil es für diese Person die ganze Welt bedeutet, die da eine neue Dimension erlangt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Walter Krumbach

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