«Wir hatten eine schöne Zeit hier oben»

Die Schweizer Schule Santiago hat dieses Jahr ihr 75. Jubiläum gefeiert. Doch auch die Anfänge der Schweizer Berghütte in Lagunillas datieren auf das Jahr 1939.

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Kurz nach dem Ort San José de Maipo führt heutzutage eine asphaltierte Straße bis ins kleine Skigebiet Lagunillas. In Serpentinen schlängelt sich der Weg 16 Kilometer lang die Berge hinauf, im Auto benötigt man etwa eine halbe Stunde, bevor die Schweizer Berghütte erreicht ist, auf der Fritz Kobel, Schweizer Bergführer und seit 2008 Betreiber des Refugios, den Gast freudig mit Rösti und Geschnetzeltem empfängt. Doch solch einen Luxus gab es nicht immer.
«Die Straße war damals furchtbar schlecht, voller Löcher und Staub», erinnert sich Max Mathys, der von 1959 bis 1962 Lehrer an der Schweizer Schule war und während dieser Zeit oft nach Lagunillas rauffuhr. Der Weg führte noch nicht direkt bis vor die Hütte, sondern endete mehrere hundert Meter weiter unten am sogenannten Plaza de Mulas, dem Maultierplatz. «Hier hieß es für die Schüler: aussteigen. Den letzten Teil musste jedes Kind selbst laufen und dabei die Ski hinauftragen.»
Doch erst einmal oben angelangt, wurden die Bretter untergeschnallt und los ging die Fahrt über die Schneeflächen. Max Mathys: «Professionelle Skilehrer war keiner von uns. Wir Lehrer haben den Schülern das Fahren einfach so beigebracht. Aber die Hütte war regelmäßig voll, manchmal mit bis zu 50, 60 Kindern, aber natürlich auch viele Erwachsene. Lagunillas war in unserer Gemeinschaft ein sozialer Treffpunkt.»

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Grundstückskauf
Die Gründung der Hütte als auch der Schweizer Schule steht im Zusammenhang mit den geschichtlichen Ereignissen in Europa. Als die wahrscheinlich erste alpine Berghütte in Chile dürfte wohl Lo Valdés gelten, die bereits 1932 vom Deutschen Andenverein (DAV) Santiago bei Baños Morales im Cajón del Maipo erbaut wurde. Doch mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten und schließlich dem Beginn des Zweiten Weltkriegs distanzierten sich die Schweizerischstämmigen immer mehr von der deutschen Gemeinschaft in Chile. Es kam 1939 zur Gründung der Schweizer Schule in Santiago. Gleichzeitig strebten die Eidgenossen danach, nun möglichst auch über eine eigene Berghütte verfügen zu können.
Die «Nueva Sociedad Helvética» («Neue Helvetische Gesellschaft»), deren Ursprünge bis ins Jahr 1886 zurückreichen, benannte sich 1920 in «Club Suizo» um und ging schließlich 1963 mit dem «Club Sportivo Suizo» eine Fusion zum heutigen «Club Suizo de Santiago» ein. Doch schon 1925 kaufte der Verein auf Initiative der beiden Mitglieder Eugenio Kunz und Oscar Ronc ein Grundstück in Lagunillas. Unter Leitung eines Herrn Cachin konnte im Jahr 1940 die neue Berghütte eingeweiht werden.

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Gemeinschaftsarbeit
«Die Steine für den Bau wurden aus den umliegenden Felsen herausgeschlagen und bearbeitet», berichtet Alexandrine Isliker. Die Schweizerin war in den Jahren 1946 bis 1948 Lehrerin an der Schweizer Schule und eine der ersten Besucherinnen der alpinen Unterkunft. Mit einem Zug, der damals noch in Betrieb war, wurden die Baumaterialien wie Holzbalken, Zement und Eisenteile nach San José befördert und anschließend mit Maultieren nach oben geschleppt. Dann ging es ans Werk. Wer heute die Hütte besucht, kann eine vortreffliche Zimmermannsarbeit bewundern: exakt zugeschnittene Hölzer, sauber gemörtelte Wände und eine solide Dachkonstruktion.
«Das war eine Gemeinschaftsarbeit, wie sie heute wohl kaum noch gemacht wird», glaubt Max Mathys. «Aber damals waren es andere Zeiten. Die schweizerische Kolonie wurde durch sehr enge Beziehungen zusammengehalten.»

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Ab 1942 nutzte auch die Schule die Berghütte für den Skisport. Alexandrine Isliker: «Es gab immer viel Schnee dort oben. Einmal waren wir sogar mit 40 Kindern ganze acht Tage lang eingeschneit.» In einem solchen Notfall würde man heute wohl sofort einen Rettungshubschrauber losschicken. Doch der Ofen heizte das Gebäude gut auf und die Vorratskammer war gefüllt, so dass in der Küche genügend Essen für alle hungrigen Mägen zubereitet werden konnte. Max Mathys: «Gemütlich und gemeinschaftlich lief es hier ab. Viele von uns haben schöne Erinnerungen an Lagunillas.»
Alexandrine Isliker lernte sogar ihren zukünftigen Ehemann in Lagunillas kennen. Der gemeinsame Sohn Pedro lernte dort oben Skifahren. Und nach dem Tod des Vaters wurde dessen Asche auf dem nahe gelegenen Berg «La Cruz» verstreut und an der Stelle ein Kreuz errichtet. Pedro Isliker: «Das war sein letzter Wunsch gewesen. Die Hütte und die Umgebung bedeuteten ihm viel, er war ihnen sehr verbunden gewesen.»

Arne Dettmann

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