Wangenkuss statt Kuhglocken

Eliane Elmiger kommt aus der Nähe von Luzern und ist Austauschschülerin an der Schweizer Schule Santiago. Hier im Cóndor berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Voller Stolz erklingen die ersten Töne der chilenischen Nationalhymne aus den Musikboxen und zaubern eine außergewöhnliche Atmosphäre in die feierlich geschmückte Turnhalle des Colegio Suizo de Santiago. Sogleich erhebt sich die gesamte Menschenmenge, die sich hier versammelt hat und beginnt ebenso fröhlich wie die Musik zu singen: Puro Chile es tu cielo…! Ich stehe mitten unter all diesen Leuten, die gekommen sind, um die Dieciocho-Feier der Schule mitzuerleben. Und obwohl ich wahrscheinlich die Einzige bin, die mit dem Text der Hymne etwas Mühe hat, so fühle ich mich in diesem Moment trotzdem wie eine richtige Chilenin.

Hola, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Eliane Elmiger, ich bin 17 Jahre alt und in meinem Pass steht ein weißes Kreuz auf rotem Grund. Ich lebe in einem kleinen Dorf in der Nähe von Luzern und besuche das Gymnasium. Seit Juli bin ich jedoch bei einer Gastfamilie in Santiago anzutreffen, denn ich mache einen dreimonatigen Schüleraustausch an der Schweizer Schule Santiago.

Vor gut einem Jahr – es war während meiner zweiten Spanischstunde – wurden wir von unserer Lehrerin gefragt, ob jemand Lust hätte, für drei Monate einen chilenischen Schüler bei sich aufzunehmen und als Gegenleistung den Schulalltag und den Lebensalltag in Chile zu erfahren. Ich war sofort begeistert. Der Gedanke an entfernte Länder, ihre Musik und Düfte, ihre Kultur und die mir fremden Lebensgewohnheiten hat mein Herz schon immer etwas höher schlagen lassen.

Als ich ankam, war die unglaublich offene Mentalität das Erste, was mir als Unterschied zur Schweiz auffiel. Der Wangenkuss zur Begrüßung erhält hier sogar ein völlig Fremder – eine Gewohnheit, die bei uns nicht üblich ist. Unser höflich europäischer Händedruck wirkt dagegen fast etwas kalt. Diese Offenheit hat mir anfangs geholfen, mich sofort wie Zuhause zu fühlen.

Da ich in einem Dorf wohne, welches die Einwohnerzahl von 800 noch nicht überschritten hat, war es für mich etwas völlig Neues, morgens aus dem Fenster zu schauen und eine Sieben-Millionen-Metropole vor mir zu haben. Wow! Zudem hört man nun im Gegensatz zu den klischeehaften Kuhglocken der Schweiz den Verkehr der Straße und eine Menge von den verschiedensten Leuten, vom Händler über den Opa bis zum Junge, der mit seinem Skateboard über den Asphalt rast. Doch eine Großstadt wie Santiago strahlt gerade aus diesem Grund eine interessante Lebendigkeit aus – eine Lebendigkeit, die mir sehr gefällt.

Auf den Schulalltag war ich sehr gespannt. Nach dem ersten Tag war ich so müde wie lange nicht mehr. Einerseits, weil ich mich ziemlich konzentrieren musste, um die Lehrer zu verstehen – meine Spanischfähigkeiten haben noch immer viel Kapazität nach oben. Und andererseits, weil der Stundenplan anstrengender ist als in der Schweiz.

Nach meiner Ansicht haben die Schüler hier mehr Eigeninitiative zum Lernen. Da sie die nicht gerade rosige Bildung Chiles vor Augen haben, schätzen sie die gute Ausbildung, die ihnen das Colegio Suizo ermöglicht, viel mehr, als wir es in der Schweiz zu tun pflegen. Denn für uns ist es eine Selbstverständlichkeit.

Was für mich ebenfalls neu war, ist der kollegiale Umgang zwischen Lehrern und ihren Schülern. Den Satz «Hola profe ¿cómo está?» – welcher durch alle Gänge schwirrt – kann man sich nur schwer in einem Schweizer Schulhaus vorstellen.

Ich durfte während meiner Zeit hier viele wunderbare Orte kennen lernen und neue Freundschaften schließen, nicht zuletzt dank einer tollen Gastfamilie. Nur ungern denke ich daran, dass mein Flugzeug Richtung Europa schon bald abhebt. Ich bin mir jedoch sicher, dass dies nicht das letzte Mal war, an dem ich dieses interessante und wunderschöne Land besuchte. ¡Hasta pronto!

 

Eliane Elmiger

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