Von Dreschmaschinen, Pharaonengräbern und Notleidenden

Die «Deutsche Zeitung für Chile» brachte bis 1943 täglich Berichte von den verschiedenen Kriegsschauplätzen
Die «Deutsche Zeitung für Chile» brachte bis 1943 täglich Berichte von  Kriegsschauplätzen.

Welches war die erste deutschsprachige Zeitung in Chile? Wann erschien sie? Es ist unmöglich, die Frage auf Anhieb zu beantworten. Selbst wenn man das gesamte Emil-Held-Archiv im DCB-Keller und die Biblioteca Nacional durchstöbern und umkrempeln wollte, käme man wahrscheinlich nicht auf die richtige Antwort.

Von Walter Krumbach

Die deutschsprachigen Medien in Chile entsprachen in der Vergangenheit durchaus nicht der so oft kritisierten zentralistischen Mentalität der heutigen Zeit. Es erschienen Periodika in Puerto Montt, Temuco, Valparaíso, Concepción, Valdivia; ja, sogar ein einwohnermäßig derart kleiner Ort wie Victoria (9. Region) hatte sein deutsches Blatt.

«Die Post», laut eigener Definition «Organ der Kolonie Llanquihue», wurde am 23. Januar 1896 aus der Taufe gehoben. Die Zeitung war ganze vier Seiten stark und erschien einmal in der Woche. Auf der Seite eins des Gründungshefts stellte es sein Programm auf: «Die Herausgabe dieses Blattes ist aus dem Bedürfnisse hervorgegangen, denjenigen Deutschen, die nicht in der spanischen Sprache bewandert sind, Gelegenheit zu bieten, sämtliche Notizen, die man in den Lokalzeitungen auffinden kann, auch in der deutschen Sprache zu lesen.»

Eingehend wurde über den Dampferverkehr berichtet. So erfährt der Leser, dass kürzlich der «Itata», «der wegen schlechtem Wetter erst vorgestern früh eingelaufen ist», folgende Passagiere aus Valparaíso brachte: «Herr Dr. P. Krüger, Herr I. Bücker, Herr E. Izquierdo, Frau Stolzenbach und Tochter, Fräulein M. Ojeda, Herr G. Carvallo, Herr J. Stolzenbach, Herr M. Valdés mit Frau mit drei Söhnen und einer Tochter». Außerdem sind die Reisenden, die aus Talcahuano, Lota, Corral, Ancud und Calbuco eintrafen, aufgelistet.

Nachrichten aus dem Siedlungsgebiet bilden einen wichtigen Bestandteil der «Post»: «Sehr traurig ist die vollständige Erblindung der Frau Schwahe in der Fábrica» und «Gestorben ist in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag der angesehene Kolonist Martin Soldan in der Chamisa.»

Ab 1921 verlegt der Deutsch-Chilenische Bund seine «Mitteilungen», ein Monatsheft mit Beiträgen zu Politik, Gesellschaft und Kultur. Im September 1922 schreibt Dr. Paul Rohrbach über «Deutschlands außenpolitische Linie» und Dr. Carlos Keller über die «Geschichte der spanischen Sozialgesetzgebung in Chile». Ferner formuliert der DCB einen Appell an die Gemeinschaft: «Gebt Eure abgetragenen Sachen, gebt Geld für die Notleidenden in Deutschland!»

Der «Westküsten-Beobachter» war ab 1933 das offizielle Presseorgan der NSDAP «für die Westküste Südamerikas»
Der «Westküsten-Beobachter» war ab 1933 das offizielle Presseorgan der NSDAP «für die Westküste Südamerikas»

Einen ganz anderen Ton schlägt der «Westküsten-Beobachter» an. Die «nationalsozialistische deutsche Wochenschrift für die Westküste Südamerikas» versteht sich als kleiner Bruder des «Völkischen Beobachters» und vermittelt seiner Leserschaft eindringlich die NS-Weltanschauung. Am 3. Januar 1935 etwa informiert er über «Ottes und Leuschners Verrat in Genf» und äußert sich über «Dr. Ley und die marxistische Gewerkschaftspolitik».

Andere Artikel in der gleichen Ausgabe haben Schlagzeilen, die sich wie Parolen lesen: «Die Partei hält ewig Wache» – und natürlich musste der Feind beim Namen genannt werden: «Unter neuem Lack das alte Judenherz». Die «Politische Wochenübersicht», gezeichnet von P.K.B., nimmt über sechs Seiten in Anspruch. Dazu kommen fünf Seiten Wirtschaft, außerdem Sportberichte, ein Hitler-Zitat und auf Seite 21 der Spruch: «Recht bleibt Recht und wahr bleibt wahr, / Deutsch die Saar, immerdar!»

«Die Warte» erschien ab September 1933 zweimal monatlich
«Die Warte» erschien ab September 1933 zweimal monatlich

Der Werbefachmann Óscar Fonck verlegte ab September 1933 «Die Warte», eine Kulturzeitschrift, die zweimal pro Monat herauskam. Die Nummer eins berichtet über «Beethoven und Goethe in Teplitz» und über den «Fluch des Atahualpa». Die erste Ausgabe besticht durch ihr schlichtes Layout und die zahlreichen Anzeigen. Sie ist 58 Seiten stark und im Geleitwort heißt es:

«Das deutsche Volk kämpft einen erbitterten Kampf um die Wiedererlangung seiner Gleichberechtigung unter den Nationen der Welt, die ihm nach dem Weltkriege von den Feinden im blinden Hass genommen wurde. Schritt auf Schritt kommt es voran, in zähem und ehrlichem Bestreben, gestützt auf den unerschütterlichen Glauben an des eigenen Volkes Sendung.» Und weiter: «Wir lieben Chile, das Land, welches einst unseren Vätern gastliche Aufnahme gewährte, sind ihm dafür gute Bürger und werden ihm gegenüber stets unsere Pflicht erfüllen. Aber deswegen dürfen wir unser Deutschtum, ein kostbar Gut, nicht außer Acht lassen.»

In den 1920er Jahren erschienen die «Deutschen Monatshefte für Chile». Ihr Herausgeber war der DCB in Concepción. Auf 32 Seiten bringen die Hefte, nach damaliger Machart, viel Text und wenig Illustrationen. Der Inhalt ist anspruchsvoll, die Texte haben Stil und Niveau. Über «Die Geheimnisse der Pharaonengräber» bis zum Maler Franz von Stuck reicht die Themenpalette. Stoffe, die sich mit dem amerikanischen Kontinent befassen, sind ebenfalls vertreten, so etwa «Recht und Sozialorganisation der Azteken».

Ebenso in den 1920er Jahren stellt Dr. Josef M. Bock in Victoria (!) den «Deutschen Sonntagsboten» vor, ein 36 Seiten starkes Blatt, dass offensichtlich über gute Kontakte in Santiago verfügt. Die Anzeigenkunden stammen nämlich größtenteils aus der Landeshauptstadt, wie zum Beispiel der Vertreter der Junghans-Uhren, oder Morrison & Cía., Importeur der Buick-Automobile, das Instituto Ortopédico Alemán, La Reina de las Medias, Bittig & Schrag – Fábrica de Ornamentos de Metal, der Klavierimporteur Carlos Doggenweiler und Foelsch & Cía., Vertreter der Junkerwerke Dessau (Flugzeuge) und von Maschinen aller Art.

Unter den Inserenten aus dem Süden fällt eine ganzseitige Anzeige des Spas El Morro aus Talcahuano ins Auge, die für «el mejor balneario de la costa del Pacífico» («den besten Badeort der Pazifikküste») wirbt. Saavedra, Bénard & Cía. aus Concepción versichert, ebenso ganzseitig, «die neue Deering-Dreschmaschine» auf Lager zu haben, «ganz aus Stahl, sie ist das Beste, was bis heute in Dreschmaschinen gebaut wird». Fünf Seiten weiter behauptet Konkurrent Gildemeister & Cía., mit Niederlassungen in Temuco und Concepción, ebenso ganzseitig: «Lanz-Maschinen sind die Besten».   

Die «Deutsche Zeitung für Chile» erscheint ab 1910 in Valparaíso. Die Publikation hält sich über 30 Jahre. Während des Zweiten Weltkriegs erscheint sie täglich am frühen Nachmittag, ähnlich wie heute die «Segunda». Die Redaktion verfügt damals bereits über einen Fernschreiber, der ständig Meldungen aus aller Welt übermittelt. So konnte das Blatt täglich über die Geschehnisse des Vormittags an den verschiedenen Kriegsschauplätzen berichten. Die Nachfrage war dementsprechend groß. Allerdings legte die Schriftleitung eine unmissverständliche Sympathie für die NSDAP an den Tag, was nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Chiles zum Deutschen Reich das Erscheinungsverbot zur Folge hatte.

Printmedien halten sich bekanntlich dank dem Interesse ihrer Abnehmer und ihrer Anzeigenkunden. Beide Gruppen haben in der Vergangenheit die deutschsprachigen Blätter in Chile mit Interesse und Großzügigkeit unterstützt. Das gilt heute zweifelsohne auch für den Cóndor, denn wie sonst erklärt es sich, dass unsere Zeitung sich unter ihresgleichen am längsten gehalten hat?

Wir danken dem Emil-Held-Archiv für die freundliche Unterstützung beim Verfassen dieses Artikels.

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