«Viel Arbeit im Weinberg des Herrn»

Im August übernahm das Ehepaar Nicole Öhler und Johannes Merkel das Pfarramt der Versöhnungsgemeinde. Somit füllten sie eine anderthalbjährige Vakanz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile (IELCH) aus. Pastorin Öhler gesteht, dass «wir schon länger ein Auge auf die Stellen in Lateinamerika geworfen hatten, weil wir uns gut vorstellen konnten, auf dem Kontinent zu leben und zu arbeiten».

Nicole Öhler und Johannes Merkel: Die Gemeinde als Bindeglied zwischen den Welten.
Nicole Öhler und Johannes Merkel: Die Gemeinde als Bindeglied zwischen den Welten.

 

Amerika war für sie kein Neuland, da sie während ihrer Ausbildung in Brasilien ein halbes Jahr an der Theologischen Universität in São Leopoldo studierte und anschließend ein Praktikum im Nordosten des Landes absolvierte. Später hielten beide sich ein drei viertel Jahr in Nicaragua auf. Pfarrer Merkel studierte an der Universität und seine Frau arbeitete an einem Projekt einer katholischen Gemeinde. Das ist nun zehn Jahre her.
«Mein Wunsch ins Ausland zu gehen ist in Israel geweckt worden», erzählt Pfarrer Merkel, «ich war nach dem Abitur für 18 Monate in Jerusalem und habe dort meinen Zivilersatzdienst geleistet, und von daher eine Art ‚Virus‘, wie wir es spaßhaft nennen, bekommen, das uns in die Ferne zieht». Von diesen Erfahrungen fanden sie es wünschenswert, einmal für längere Zeit im Ausland tätig sein zu dürfen.
Die Ausschreibung der Gemeinde in Santiago «fanden wir so attraktiv, dass wir uns damit auseinandersetzen mussten», schmunzelt er. «Wir haben uns, wo wir waren, sehr wohl gefühlt. Es ist eine Gemeinde in der Nähe von Frankfurt am Main, ganz volkskirchlich geprägt, wo wir schöne Projekte mit tollen Menschen ausarbeiten durften. Wir haben manchmal im Spaß gesagt: ´Da kriegen uns keine zehn Pferde weg´, aber…» – «die Ausschreibung für Chile ja», fällt ihm seine Frau lachend ins Wort.
Besonders ansprechend war für sie, wie Pastorin Öhler meint, «dass es nicht eine rein deutsche, sondern eine deutsch-chilenische Gemeinde ist, dass die Kulturen sich treffen, dass es daher deutsch- und spanischsprachige Gottesdienste gibt». Ebenso hat ihnen die Sozialarbeit der Gemeinde imponiert, die sie an der Schule Belén O’Higgins in La Florida leistet. Pfarrer Merkel fügt hinzu: «Wir haben in der Deutschen Schule gesehen, wie der Elternbeirat riesige Kleidersäcke packte und die Weihnachtsgeschenke organisierte, die dann die Klassen aus der Deutschen Schule für die Kinder in La Florida mit großem Engagement und viel Liebe zusammengestellt haben. Wir waren begeistert und haben festgestellt, dass die Gemeinde ein Bindeglied zwischen den Welten sein kann».
Die Begeisterung des Pfarrer-Ehepaars über den neuen Arbeitsplatz ist unüberhörbar. Sie haben einen sechsjährigen Vertrag unterzeichnet, der um drei weitere Jahre verlängert werden kann. Für die kommende Zeit gibt es «viel Arbeit im Weinberg des Herrn», meint der Geistliche. Aufbauarbeit sei notwendig, glaubt er, da die Gemeinde schwierige Zeiten hatte.
Zunächst muss laut Pfarrer Merkel «das Feld bestellt werden, um zu säen». Kürzlich startete wieder der Kindergottesdienst, und «wir wollen sehen, dass wir neue Familien gewinnen», wirft Pastorin Öhler ein, «wir überlegen, was man für die Familien in der Vorweihnachtszeit machen kann. Und demnächst wird wieder der Konfirmationsunterricht beginnen». Basisarbeit nennt sie dieses, «damit neues Gemeindeleben blühen kann».
Nicole und Johannes Merkel haben sich während ihres Theologiestudiums in Hamburg kennengelernt. Sie haben zwei Kinder von sechs und drei Jahren, die sich in Santiago bereits sehr gut eingelebt haben. «Alle Leute sind offen und herzlich, wir fühlen uns willkommen, von daher ist es mit dem Einleben recht einfach – es wird uns leicht gemacht!», unterstreicht Pastorin Öhler.
Dass sie ihren Einstand in Santiago kurz vor dem 25. Jahrestag der friedlichen Revolution und des Mauerfalls hatten, lässt Johannes Merkel nicht unberührt: «Wir haben uns zwar in Hamburg kennengelernt, aber da wir ein echtes Ost-West-Paar sind (er kommt aus der ehemaligen DDR), dann gäbe es – wenn die Mauer nicht gefallen wäre – weder diese Beziehung noch diese wunderbaren Kinder. Das ist etwas, was mich jetzt sehr bewegt.»

Walter Krumbach

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