Und sie drehen sich doch…

Wie alt ich damals war, kann ich nur schätzen. Es muss zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr gewesen sein. Denn «Growian» lebte zwischen 1983 und 1987, als ich ihn bei einem Ausflug von Hamburg aus an der Nordseeküste besuchte. «Lebte» ist eigentlich schon zu viel gesagt. Der donnernde Name «Growian» stand für «Große Windenergieanlage» und sollte den fulminanten Startschuss für die moderne deutsche Windkraftindustrie abgeben. Doch «Growian» wollte nicht so recht. Die meiste Zeit stand er still.

Dabei hatte die Anlage einiges zu bieten: elektrische Nennleistung drei Megawatt – Weltrekord! Der Rotor hatte eine Turmhöhe und einen Flügeldurchmesser von 100 Metern – beeindruckend! Doch irgendwie funktionierte das alles nicht. Entweder der Wind reichte nicht aus, das Tonnen schwere Monstrum anzutreiben. Oder aber «Growian» drehte so schnell durch, dass er nicht mehr zu beherrschen war und drohte, seinen Gästen um die Ohren zu fliegen.

Das erklärte zumindest damals unser Reiseführer, als wir das moderne Industriewrack besichtigten. `Als Torpedo gestartet und als Flaschenpost angekommen´, wird wohl mancher Norddeutscher mit seinem trockenen Humor gedacht haben.

Es kamen sogar Gerüchte auf, dass ein Scheitern insgeheim von Betreibern und Politik gewünscht war. Denn mit dem Misserfolg hätten die Befürworter von Windenergie ein für alle Mal einsehen müssen, dass es ohne Atomkraft eben doch nicht geht.

Schließlich wurde «Growian» demontiert und verschwand in einem Technikmuseum.

Als ich 2002 und 2003 während meines Zeitungsvolontariates durch dieselbe Gegend fuhr, hatte sich das Landschaftsbild stark verändert. Wohin das Auge auch blickte, ragten Windkraftgeneratoren in den Himmel. Wo einst «Growian» alleine stand und sich nicht regte, waren ganze Windenergieparks mit den rotierenden Protagonisten der Energiewende entstanden. Im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein gibt es etwas mehr als 2.300, bundesweit 23.000 solcher Anlagen. Rund 7,4 Prozent des deutschen Stromverbrauchs wird mittlerweile aus Windenergie gedeckt. Bis 2020 wird Schleswig-Holstein – so die Prognosen – viermal so viel erneuerbaren Strom produzieren als dort verbraucht wird. Die Hauptrolle spielt dabei die Windenergie.

Erstaunlicherweise haben sich aber nicht nur die Skeptiker von damals geirrt, die nicht an die Windkraft glauben wollten. Der Misserfolg von «Growian» legte nämlich auch den Schluss nahe, dass Anlagen mit mehreren Megawatt Leistung technisch und wirtschaftlich nicht möglich seien. Ein Fehlschluss. Heutzutage gibt es auf dem deutschen Markt praktisch kaum noch kommerziell betriebene Windkrafträder unter zwei Megawatt Leistung.

Dass solche Anlagentypen rentabel sind, haben wir dem alten «Growian» zu verdanken. Erst nach seinem Scheitern machten sich Ingenieure daran, aus kleineren Anlagen Schritt für Schritt größere zu entwickeln. Wegweisende Vorarbeiten können also nützlich sein, auch wenn man damit zunächst einmal baden geht.

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