Tirol – Widerstand gegen Europas Herrscher

Tirol ist das drittgrößte aller österreichischen Bundesländer und mit einer Außengrenze von mehr als 700 Kilometern die Brücke Österreichs zu seinen europäischen Nachbarn Deutschland, Schweiz und Italien. Mit dem Mittelmeeranrainer ist Tirol geschichtlich eng verwoben. Denn erst 1919 nach dem Ersten Weltkrieg entstand das heutige Bundesland, während ein Teil der historischen Alpenregion Tirol als Autonome Region Trentino-Südtirol an Italien fiel.

Innsbruck ist die Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Tirol.

 

Tirol zählt im Ausland wohl zu den bekanntesten Regionen Österreichs. Das mag daran liegen, dass das Gebiet zu den beliebtesten Urlaubs- und Reisezielen für deutsche und andere europäische Touristen in Österreich gehört. Die Naturschönheiten des östlichen Bundeslandes sind bis über die Landesgrenzen hinaus berühmt und locken Touristen zu allen Jahreszeiten.

Die größte Stadt Tirols ist die Landeshauptstadt Innsbruck. Sie ist Wohnsitz und Heimat für rund 120.000 Österreicher. Das alpine «Markenzeichen» des Landes ist der Großglockner in Osttirol. Mit einer Höhe von 3.798 Metern ist er zugleich der bedeutendste Gipfel Österreichs.

 

Ackerbau und Rohstoffreichtum

Der berühmteste Bewohner der Region, der es allerdings erst lange nach seinem Tod zu weltweiter Bekanntheit gebracht hat, ist die 1991 in mehr als 3.000 Metern Höhe geborgene Gletschermumie «Ötzi». Der Jäger aus der späten Jungsteinzeit starb vor rund 5.300 Jahren an den Folgen einer Pfeilverletzung, die er in einem Kampf davongetragen hatte. Der Fund gilt der Wissenschaft als Beweis für die frühe menschliche Besiedlung des Raums, deren Spuren bis in die Epoche der Neandertaler zurückverfolgt werden konnte.

Lebten die ersten Siedler noch als Jäger und Sammler, so wurden sie bis spätestens zum 4. Jahrtausend vor Christus sesshaft. Es entstand eine frühe Ackerbaukultur. Dass Tirol zu einem bevorzugtem Siedlungsraum in der Region aufstieg, lag jedoch nicht nur an den exzellenten Bedingungen für Viehzucht und Bodenbewirtschaftung. Der Rohstoff- und Mineralreichtum der österreichischen Alpen führte schon frühzeitig zu einer ersten Bergbaukultur und zu einem ausgeprägten Handelsnetz, das sich quer durch die Alpen und den mitteleuropäischen Raum bis hin zur Nordsee zog.

Ähnlich wie heutzutage in Chile basierte der Aufschwung der Region auf dem Abbau von Kupfer und der Weiterverarbeitung zu wertvollen Kunst- und Arbeitsgegenständen. Vom blühenden Handel und dem Wohlstand der Region zeugen Grabbeilagen und Siedlungsreste aus der Vorrömerzeit.

Doch auch nachdem das Gebiet rund 15. v. Chr. für das nach Nordeuropa expandierende Römische Reich in Anspruch genommen wurde, blieben die europäischen Fernhandelsbeziehungen als Basis für den Wohlstand der Tiroler und dem der neuen Landesherren bestehen. Ein Ausbau des Straßennetzes gab der ohnehin schon blühenden Wirtschaft noch weiteren Auftrieb.

 

Von Frankreich bedrängt

Von der Spätantike über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit erweckte Tirol stets das Interesse der europäischen Herrschaftshäuser, die mit Blick auf die strategisch günstige Lage des Landes und seine Position als Handelszentrum vehement über die Vorherrschaft stritten. Ein ehrgeiziger Versuch der Tiroler, der ständigen Bevormundung und der europäischen Fremdherrschaft zu entkommen, ereignete sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Europa und Mitteleuropa im Speziellen standen jener Tage unter dem Eindruck des scheinbar unaufhaltsamen Vorstoßes des französischen Militärs unter der Führung von Napoleon Bonaparte. In den Jahren 1796 bis 1797 konnte der Tiroler Widerstand einen ersten Einfall der Franzosen noch erfolgreich abwehren. Auch in den Folgejahren widersetzte sich das Land – unterstützt vom Fürstentum Bayern – gegen die Invasionsbestrebungen des französischen Militärs.

Doch als der Kurfürst von Bayern den Österreichern seine Unterstützung entzog und sich mit den Franzosen alliierte, hatten Napoleons Truppen Ende des Jahres 1805 leichtes Spiel. Innsbruck wurde besetzt, und im Frieden von Pressburg wurde Österreich genötigt seine Grafschaft Tirol an Bayern abzutreten.

So sehr die Tiroler Führung auch versuchte, sich dem noch jungen Königreich Bayern anzudienen, so widerstrebte den Bewohner der Region die Allianz mit dem ehemaligen Feind. Ein wirtschaftlicher Abschwung sowie Erlasse und Verbote der neuen Regierung für den klerikalen Bereich brachten die Volksseele gegen sie auf. Der Zorn der einfachen Bevölkerung gegen die von Frankreich abgesegnete Politik aus dem bayerischen Königshaus mündete im Frühjahr 1809 in einen bewaffneten Bauernaufstand.

 

Bauernheere gegen Soldaten

Kaum hatte sich die Aufregung über die unerhörte Provokation bei Bayern und Franzosen gelegt, ließ Österreich den nächsten Paukenschlag folgen. Nur einen Monat später, am 9. April 1809, erklärte das Land Frankreich und seinen Verbündeten den Krieg; Tirol wurde zu österreichischem Gebiet erklärt.

Getragen wurde der Aufstand gegen die bayerische Fremdherrschaft vor allem durch selbstverwaltete Bauernheere, die Landkreis für Landkreis aus der Beamtenfessel befreiten. Die anfänglichen militärischen Erfolge der Österreicher beunruhigten Napoleon im fernen Paris und bewegten ihn zu einem entschlossenen Eingreifen, um seinen Herrschaftsanspruche abzusichern. Unter französischer Führung entsandte er zwei bayerische Divisionen nach Tirol, um den Aufständischen Einhalt zu gebieten.

Der Plan schien aufzugehen. Die Bauerheere wurden zurückgedrängt und ein massiver Aderlass im Kampf gegen die feindlichen Truppen schwächte ihre Reihen zunächst. Doch der Widerstandswille der Österreicher wurde maßlos unterschätzt.

In den folgenden Monaten verband sich der Tiroler Freiheitskampf vor allem mit dem Namen Andreas Hofer. Unter seiner Führung gelang es den Bauern der Übermacht der bayerisch-französischen Soldaten zu widerstehen und deren Vormarsch aufzuhalten. Vom militärischen Erfolg legitimiert, dirigierte Hofer in den Folgemonaten seine Gefolgsleute und organisierte für kurze Zeit auch die wirtschaftliche Notversorgung des kriegsgebeutelten Landes.

Als der österreichische Kaiser den Aufständischen jedoch die Unterstützung entzog und auf den Anspruch der Krone über Tirol verzichtete, verloren die Aufständischen ihren wichtigsten Verbündeten. Napoleon hatte nun leichtes Spiel, und seine Truppen feierten im Herbst des Jahres 1809 schnell große militärische Erfolge.

Der Aufstand wurde vernichtend niedergeschlagen und zahlreiche Bauernführer zum Schafott geführt. Auch Andreas Hofers letzter Weg führte zum Scharfrichter. Am 20. Februar 1810 wurde der Volksheld von französischen Truppen hingerichtet. Der beispiellose Kampf der Tiroler beflügelte jedoch den wachsenden und sich organisierenden europäischen Widerstand gegen Napoleon. Nach dessen Niederlage 1814 fiel schließlich auch Tirol wieder an Österreich.

 

Das Bundesland Tirol

Die heutige Aufteilung Tirols und das österreichische Bundesland Tirol entstanden allerdings erst 1919. Nach dem Ersten Weltkrieg und der europäischen Neuordnung wurden Nord- und Osttirol von Südtirol getrennt und im Friedensvertrag von St. Germain an die junge Republik Deutschösterreich (später Österreich) angeschlossen. Südtirol wurde seinerseits Italien zugesprochen.

Durch den vorübergehenden Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschärfte sich die Differenzierung zwischen dem italienischen Südtirol und dem zu Österreich gehörenden Teil Tirols. Die Teilung blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen, die Grenzen aus dem Vertrag von St. Germain sind bis heute gültig.

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