Theatergruppe «theater+motus» zeigte «100 m»

Gedanken zur Zeit, Liebe, zu Gott und uns

Szene aus dem Theaterstück «100 m», das die Gruppe theater+motus an der Deutschen Schule Santiago aufführte. Foto: David Gysel
Szene aus dem Theaterstück «100 m», das die Gruppe theater+motus an der Deutschen Schule Santiago aufführte. Foto: David Gysel

Von Kurt Gysel

9,58 s: Weltrekord der Männer über 100 m von Usain Bolt, aufgestellt am 16. August 2009 im Finale bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin, eine beeindruckende, bewundernswerte, eine einzigartige und hervorragende Leistung, die nur einem Sportler möglich ist, der sich Roger Federers Wahlspruch zu eigen gemacht hat: «Alles, was man tut, muss man mit einem absoluten Willen tun.»

Diese Zahl 9,58 s steht als Thema über dem Stück «100 m» von Ralf N. Höhfeld, das die Theatergruppe theater + motus (Carla Sepúlveda, Caroline Sielfeld, Rahel Gysel, Marius Gornik und Ricardo Amigo) unter der erprobten, bewährten und langjährigen Regie Monikas von Moldovanyi und der musikalischen Leitung von Pablo Aranda am Donnerstag und Freitag (29. und 30. Juni) im Ausstellungsraum der Deutschen Schule Las Condes aufgeführt hat.

Wer schon frühere Aufführungen dieser Theatergruppe besucht hat, der weiß, dass er überrascht wird. Und tatsächlich ist das Werk keine Aufführung im traditionellen Sinn, in der einfach eine Vorlage verwendet und wortgetreu auf die Bühne gebracht wird. Vielmehr ist der ursprüngliche Text bearbeitet und ergänzt worden, die Schauspieler (die auf einem sehr hohen Niveau spielen) haben selber Texte dazu geschrieben, in denen sie eigene Gedanken zum Thema aus der persönlichen Warte und Erleben verarbeitet haben.

Beim Zusehen und Zuhören spürt man unmittelbar, dass hier während Wochen intensiv und schöpferisch gearbeitet worden ist. Die Regie hat viele Einfälle miteingebracht, die weiter umgestaltet und ausgeformt worden sind; aber auch der musikalische Leiter Pablo Aranda. Alle Beteiligten haben sich das Werk zu eigen gemacht und selber auf eindrückliche Art und mit vielen schöpferischen Beiträgen und Vorschlägen neu gestaltet.

Das Geschehen auf der Bühne war immer abwechslungsreich und die modernen technischen und zur Verfügung stehenden Mittel wurden gekonnt eingesetzt. Allen Mitspielern und Verantwortlichen kann man nur applaudieren und sie für diese hervorragende und gelungene Aufführung beglückwünschen!

Schade nur, dass so wenige Besucher anwesend waren! Wo sind zum Beispiel die vielen Schüler der großen deutschen Schule geblieben? Wäre es nicht ein hervorragender Stoff für eine oder zwei oder mehr Deutschstunden gewesen?

Zum Inhalt selber «Was macht das Leben lebenswert und wofür investiere ich meine Zeit auf Dauer am besten?» möchte ich nur anmerken, dass die Frage, wie man mit der geschenkten Lebenszeit und was man aus ihr macht, nicht nur in unserem Jahrhundert jeden Menschen herausfordert. Schon im 20. Jahrhundert hat der Arzt und Eheseelsorger Theodor Bovet ein Büchlein mit dem Titel «Zeit haben und frei sein» geschrieben. Und schon Goethe soll über den Zeitmangel geklagt haben.

Die alten Griechen wussten zudem, dass es Zeit (Chronos) und Zeit (kairos) gibt und dass nicht jede Zeit gleichwertig ist und die gleiche Bedeutung hat. Ein Weltrekord, wie der Usain Bolts, misst zwar die Zeit (Chronos, 9,58 s), ist aber in der Geschichte der Leichtathletik ein einzigartiger und alles überragender Augenblick (Kairos). Dass die dem Menschen geschenkte Lebenszeit (Chronos), und ich sage aus meiner Sicht als überzeugter Christ: die von Gott geschenkte Lebenszeit, immer wieder zum Kairos wird: also zur erfüllten und sinnvollen Zeit, das ist umso mehr ein Geschenk.

Und sie wird es, und das sage ich wiederum aus meiner eigenen Überzeugung und Erfahrung, sie wird es gerade dann, wenn wir die Zeit von Gott selber füllen lassen und zwar in unseren persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen (das ist die horizontale Linie) in Freundschaft, Ehe, Familie, Beruf und Gesellschaft, also in der Liebe zum Mitmenschen in sämtlichen Bereichen.

Diese Ebene wird im Stück besonders in Bezug auf das Thema der Freundschaft und der Liebe zwischen Mann und Frau entfaltet, mit allen möglichen und unterschiedlichen Komplikationen und Herausforderungen, die der Alltag halt so mit sich bringt. Was aber im Stück völlig fehlt (habe ich scharf genug beobachtet?) ist die Vertikale: Chronos wird zum Kairos in der Begegnung mit Gott, wo Gott in Jesus Christus in unser Leben eintritt: dieser Augenblick wird dann zum ganz großen Kairos, der meinen Chronos (meine Lebenszeit) insgesamt prägen und schöpferisch gestalten kann und wird. Wer wünschte sich das nicht für sein Leben?

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