Die Symbolkraft der Glocke

Die Geschichte des kleinen Kreuzers «SMS Dresden» mag weltgeschichtlich eine Marginalie sein. Doch für die deutsch-chilenischen Beziehungen scheint sie eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. Am Freitag vergangener Woche wurde im Museo Naval in Valparaíso die erste der beiden vom Auswärtigen Amt finanzierten Nachbildungen der Schiffsglocke der Dresden an Chile übergeben.

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Konteradmiral Julio Leiva und Daniel Kriener, Geschäftsträger der Deutschen Botschaft, mit der Replik der Schiffsglocke der «SMS Dresden».

 

Eine symbolische Geste, da sich die Originalglocke bis zu seiner Rückführung nach Chile im Jahr 2021 im Militärhistorischen Museum in Dresden befindet. Die beiden Repliken wurden in der renommierten Glockengießerei Perner in Passau gegossen. Von dort stammen beispielsweise auch die Glocken der Frauenkirche in München. Die Nachbildungen der Bronzeglocke des Dresdens sind 130 Kilogramm schwer und bespielbar, das heißt, man könnte sie hören.

Der kleine Kreuzer «SMS Dresden» gehörte zu den modernsten und schnellsten Schiffen seiner Bauart. Im Januar 1914 lief die «Dresden» mit einer geplanten Einsatzzeit von acht Monaten zur «Vertretung deutscher Handelsinteressen» – wie das damals hieß – nach Mittelamerika aus. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte die 350 Mann starke Besatzung auf ihrem Rückweg auf dem Atlantik und ließ sie über den Südatlantik und Kap Horn in den Pazifik gelangen. Im Oktober 1914 lief sie Valparaíso an, wo sie von der deutsch-chilenischen Bevölkerung empfangen wurde.

In den folgenden Seeschlachten vor Coronel und den Falkland-Inseln spielte die «Dresden» nach Quellenlage eine wohl eher untergeordnete Rolle. Wesentlich ist die Tatsache, dass sie der britischen Marine entkam und im März 1915 nach 15 Monaten auf See vor der Insel Juan Fernández sank beziehungsweise vom Kapitän versenkt wurde. Das Wrack liegt noch immer in rund 70 Metern Tiefe in der Cumberlandbucht vor der Insel.

Für die Bevölkerung spielt es eine wichtige Rolle, auch deshalb, weil sich einige der 1915 in Chile internierten Matrosen später in Chile niederließen. So beispielsweise der ehemalige Matrose Max Otto Krause Busch, dessen Tochter Melitha das Andenken an ihren Vater und die Geschichte der Dresden in einem Buch niederschrieb, für das sie derzeit einen Verlag sucht. Auf der Insel soll zudem bis zur Übergabe der zweiten Glockenreplik im März 2015 ein kleines Gedenk- und Informationszentrum entstehen.

Eine Glocke hat eine starke Symbolkraft. Auf diese Symbolkraft verwiesen die beiden Hauptredner der Übergabe, Konteradmiral Julio Leiva und Daniel Kriener, Geschäftsträger der Deutschen Botschaft, der in Vertretung des erkrankten Botschafters die Glocke übergab. Kriener verwies in seiner kurzen, aber eindrucksvollen Rede auf drei wesentliche Transformationen, die sich im Laufe der letzten 100 Jahre vollzogen:

Der Wandel Großbritanniens vom Kriegsfeind zu einem der wichtigsten Verbündeten Deutschlands. Und der Rolle Chiles, zum einen in seiner Funktion als Refugium und späteren neuen Heimat für einige Matrosen der Dresden; und zum anderen als Patron des Schiffswracks, des Wandels von einem Stück rostenden Metalls zum nationalen kulturellen Erbe Chiles.

 

Thomas Magosch

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