Studentenleben auf Deutsch

Der 22-jährige Joaquín de Solminihac ist erster Vorsitzender der Burschenschaft Andinia.
Der 22-jährige Joaquín de Solminihac ist erster Vorsitzender der Burschenschaft Andinia.

Von Arne Dettmann

Ein rundes Jubiläum soll angemessen gefeiert werden, findet Joaquín de Solminihac, erster Vorsitzender der Burschenschaft Andinia. Und so plant seine Studentenverbindung am Freitag, den 26. August, einen Gründungs-Cocktail abzuhalten. Denn just an diesem Tag wurde die Andinia ins Leben gerufen (siehe Artikel Geschichte). Munter weiter geht es am 23., 24. und 25. September mit dem Stiftungfest im Hotel Park Plaza statt. Und wer nach diesen beiden feuchtfröhlichen Feiern dann noch Kraft hat, der geht am Sonntag zum anschließenden Katerfrühstück.

Wer das Heim der Burschenschaft Andinia in der Nähe der Plaza de Valdivia in Providencia betritt, der stellt sofort fest, dass der Spaß in dieser Verbindung nicht zu kurz kommt. In der Fotogalerie der so genannten Alten Herren – Mitglieder, die ihre Studien- und Aktivenzeit hinter sich haben – tauchen solche Spitznamen auf wie «Druckknopf», «Unimog», «Beelzebub», «Morpheus» oder auch «Pinocchio». Das seien «Biernamen», erklärt Joaquín de Solminihac, die von anderen Mitgliedern vergeben werden. Und davon gibt es sehr viele, denn die Andinia zählt insgesamt 162 Alte Herren.

Reihe oben: Christian Torres, Joaquín De Solminihac, Alex Weil, José Ignacio Bernales; mittlere Reihe: Hans Nordheimer, Joachim Scheel, Wilfried Sturm, Günther Morhinweg, Walter Brien, Werner von Bischoffshausen, Carlos Günther. Unten: Alejandro del Pedregal, Benjamin Matthei, Matías Molina, Adrián Riebel, Louis Cavallero.
Reihe oben: Christian Torres, Joaquín De Solminihac, Alex Weil, José Ignacio Bernales; mittlere Reihe: Hans Nordheimer, Joachim Scheel, Wilfried Sturm, Günther Morhinweg, Walter Brien, Werner von Bischoffshausen, Carlos Günther. Unten: Alejandro del Pedregal, Benjamin Matthei, Matías Molina, Adrián Riebel, Louis Cavallero.

Doch es geht nicht nur um Feiern und bierseliges Zusammensein. Die derzeit 15 aktiven Mitglieder sind Studenten, die mehrheitlich aus den Regionen in Südchile kommen; sieben von ihnen wohnen im Verbindungsheim. Neben dem Universitätsstudium organisieren sie in der Burschenschaft Diskussionsabende und Vorträge, zum Beispiel über so aktuelle und durchaus kontroverse Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Nationalismus und Tierschutz.

Das Ganze übrigens auf Deutsch, was nicht immer so einfach ist. Viele Burschenschafter haben deutsche Schulen besucht so wie Joaquín de Solminihac, der aus Puerto Montt stammt, drei Monate lange während des Schüleraustauschs in Deutschland war und sich mit seiner Großmutter immer auf Deutsch unterhielt. «Aber man muss natürlich eine Sprache praktizieren, damit sie nicht verloren geht.»

Die Förderung der deutschen Sprache, aber auch der Kultur ist ein Ziel der Burschenschaft. Wer Mitglied werden will, sollte mit dieser Sprache vertraut sein und natürlich Interesse am Deutschen aufweisen. Nach einer Probezeit als «Fuchs» kommt im Anschluss die Ernennung zum «Burschen» als vollberechtigtes Mitglied der Verbindung.

Wer Lust auf mehr hat, der kommt in den Genuss eines Freundschaftsabkommens der Andinia mit zwei Verbindungen in Tübingen und Stuttgart, wo ein Bursche aus Chile Unterkunft und nette Aufnahme findet, was umgekehrt genauso gilt. Über den Bund chilenischer Burschenschaften – dazu gehören in Santiago Araucania und Andinia sowie Montania (Concepción), Ripuaria (Valparaíso), Vulkania (Valdivia) – ist es ebenfalls möglich, dort bei einer Burschenschaft zu wohnen und an einer Universitäts zu studieren.

Irgendwo dort in der Bundesrepublik einen postgradualen Uni-Abschluss zu absolvieren hat sich jedenfalls Joaquín de Solminihac vorgenommen. Doch bis dahin muss er erst sein fünfjähriges Jura-Studium abschließen. Das heißt pauken – und bei Andinia das Jubiläum feiern.

 

Geschichte der Burschenschaft Andinia

Das Gründungsdatum der Burschenschaft Andinia ist offiziell der 26. August 1926, doch geht diesem Tag eine sechsjährige, sehr wechselvolle Vorgeschichte voraus. Denn bereits 1920 hatten Studenten eine Vereinigung ins Leben gerufen, der sich zunächst «Akademischer Verein Cheruscia» und später Burschenschaft «Cheruscia» nannte. Die Mitglieder Oswald Biebrach, Otto Ullrich und Gustav Göcke riefen schließlich die Burschenschaft «Germania» ins Leben, ihr Wahlspruch besitzt bis heute Gültigkeit: Libertas-Veritas-Fraternitas, auf Deutsch Freiheit, Wahrheit, Brüderlichkeit. Als Erkennungsfarben wurden Blau, Weiß und Rot sowie eine weiße Mütze gewählt.

Am 3. Mai 1931 stimmten die damals 35 Mitglieder dafür, aus der Verbindung, die sich zwischenzeitlich zur einer Turnerschaft gewandelt hatte, in die Burschenschaft Andinia umzutaufen, nun mit den Farben Schwarz, Grün, Gold und grüner Mütze.

Schicksalsschläge blieben nicht aus: Bei den zwei Bränden in den Jahren 1927 und 1933 fielen Gründungsakte, wichtige Dokumente und auch die Fahne der Burschenschaft den Flammen zum Opfer. Leider sank auch die Mitgliederzahl in den nächsten Jahren soweit herunter, dass am 30. Mai 1939 die verbleibenden sechs Burschen den Beschluss fasten, die Aktivitäten bis auf Weiteres einzustellen.

Erst zehn Jahre später nahmen die Alten Herren Otto Schnaidt, Georg Sprenger, Reinhold Wilhelm und Max Müller einen neuen Anlauf und luden mit Unterstützung der alt eingesessenen Burschenschaft Araucania zu monatlichen Versammlungen. 1951 wurde dann das 25. Jubiläum gefeiert und den Gründungsvätern Otto Ulrich, Oswald Biebrach und Gustav Göcke die Ehrenmitgliedschaft verliehen.

Als Versammlungsort diente noch bis 1956 das Café Erika im Santiaguiner Stadtteil Providencia, bis die Burschenschaft ein Haus in der Straße Holanda 113 mietete. Es folgten ein Umzug 1959 in die Straße Suecia 269 und der Erwerb eines Gebäudes in Egaña 190 im Jahr 1962. Nach dem schweren Erdbeben von 1971 waren die Schäden am Haus so groß, dass die Reparaturen zu teuer gewesen wären. So entschloss man sich zum Kauf eines Hauses in der Straße Bustos 2044, wo noch heute die Burschenschaft Andinia ihren Sitz hat.

 

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