«Schüleraustausch ist wichtigstes Erlebnis fürs Deutschsprechen»

Cóndor-Interview mit Sprachwissenschaftler Patrick Wolf-Farré

Patrick Wolf-Farré ist Sprachwissenschaftler aus Deutschland und derzeit in den USA tätig. Vor kurzem ist seine Doktorarbeit (Universität Heidelberg) mit dem Titel «Sprache und Selbstverständnis der Deutschchilenen. Eine sprachbiografische Analyse» als Buch erschienen. Cóndor-Redaktionsleiter Arne Dettmann führte mit ihm ein Interview.
 

Cóndor: Herr Wolf-Farré, welche Rolle spielt die deutsche Sprache im heutigen Alltag der Deutsch-Chilenen?

Nach meinen Forschungsergebnissen spielt die deutsche Sprache als Kommunikationsmittel eine sehr geringe Rolle. Das alltägliche Leben findet fast ausschließlich auf Spanisch statt. Für die einzelnen Sprecher ist das Deutsche aber weiterhin wichtig, weil sie deutsche Bücher lesen, Filme sehen, Nachrichten hören, weil sie mit der Schule einen Austausch mit Deutschland machen, oder weil sie in der Familie gelegentlich deutsch sprechen – vor allem, wenn sie von anderen nicht verstanden werden wollen.

 

Was verstehen Sie unter dem Begriff «Deutsch-Chilenen»?

In meiner Arbeit ging es um Chilenen, die deutsche Vorfahren haben und sich selbst auch so wahrnehmen. Häufig wohnen die Deutsch-Chilenen in der Región Metropolitana oder im Süden zwischen Temuco und Puerto Montt und oft können sie deutsch sprechen, aber keines dieser Kriterien ist absolut. Denn es gibt durchaus Chilenen deutscher Abstammung, die sich nicht als Deutsch-Chilenen definieren, sondern als Chilenen – vielleicht, weil sie nicht auf der deutschen Schule waren oder keinerlei Bezug zu Deutschland haben. Daher ist das einzig sichere Kriterium die Eigendefinition: Wer sich selbst als Deutsch-Chilene versteht, der ist es.

 

Sie haben 51 Personen in Chile interviewt. Worum ging es dabei?

Ich habe diese Personen gebeten, mit ihre Sprachbiografien zu erzählen. Sie erzählen ihre Lebensgeschichte mit dem Schwerpunkt auf Sprachen. Die Interviews sind sehr frei, die Sprecher strukturieren sie selbst. Die kürzesten Interviews waren 15 Minuten lang, die längsten über zwei Stunden. Interessant ist zudem, dass ich neben den üblichen Regionen, die mit Deutsch-Chilenen assoziiert werden, auch Sprecher aus Puyuhuapi, sowie ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad interviewen konnte. Dadurch wird das Bild noch ein wenig vielschichtiger und hoffentlich repräsentativer.

 

Was war dabei Ihr Gesamteindruck bezüglich der deutschen Sprache?

Patrick Wolf-Farré: Sein Buch über die deutsche Sprache hat 194 Seiten, ist im August 2017 im Universitätsverlag Winter, Heidelberg, erschienen, kann aber auch über Amazon bestellt werden. ISBN-13: 978-3825367701. Die gebundene Ausgabe kostet 29 Euro.
Patrick Wolf-Farré: Sein Buch über die deutsche Sprache hat 194 Seiten, ist im August 2017 im Universitätsverlag Winter, Heidelberg, erschienen, kann aber auch über Amazon bestellt werden. ISBN-13: 978-3825367701. Die gebundene Ausgabe kostet 29 Euro.

Interessant ist als Germanist besonders, dass sich in Chile keine eigene Varietät des Deutschen, also etwa ein Chile-typischer Dialekt des Deutschen, entwickelt hat. Das Deutsch, das hier gesprochen wird, ist recht standardnah. Das liegt vor allem daran, dass hier kein Dialekt dominant war wie etwa in Brasilien, wo sich das Hunsrückische erhalten und weiterentwickelt hat. Außerdem hat Chile schon sehr früh deutsche Schulen gehabt, somit war immer eine Art Korrektiv vor Ort und der Kontakt zum deutschsprachigen Europa blieb recht stabil. Man war nie völlig isoliert von der Entwicklung der deutschen Sprache.

Es gibt natürlich spontane Sprachmischungen zwischen Spanisch und Deutsch, aber diese folgen keinen besonderen Regeln. Daher muss ich alle enttäuschen, die in Chile das Launadeutsch erforschen wollen: Bei Launadeutsch – oder auch «Chilotendeutsch» oder «Valdiviadeutsch» – handelt es sich um lose Begriffe zur Bezeichnung der Sprachmischung, aber nicht um eine eigene Varietät des Deutschen – auch wenn auf Wikipedia etwas anderes steht. Die Beispiele, die für Launadeutsch immer wieder genannt werden («die vacken letschern» etc.), stammen alle aus den selben Arbeiten, nämlich von Jean-Pierre Blancpain und Rolf Müschen.

 

Wie beurteilten die Befragten die Situation der deutschen Sprache?

Viele der Interviewpartner erzählten mir, dass der deutsche Sprachgebrauch in Chile immer stärker abnimmt. Dies ändert sich aber im Laufe der jeweils eigenen Biografie: Die meisten – auch diejenigen, die jetzt fließend Deutsch sprechen – erzählten mir von einer Phase in ihrer Jugend, während der sie das Deutsche total ablehnten. Oft, weil sie keine Lust mehr hatten, zum Deutsch-sprechen gezwungen zu werden: weder von den Eltern, noch von der Schule.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass es für die meisten keine Jugendsprache auf Deutsch gab. Deutsch ist immer nur die Sprache der Schule, der Eltern, vielleicht der Literatur und älterer Musik, nie die Sprache der Jugend. Wie ein Informant mir sagte: «Deutsch sonaba fome.». Das ändert sich dann aber bei vielen wieder, wenn sie in ein Alter kommen, in dem sie Deutsch nicht mehr sprechen müssen, aber können. Dann sehen sie die Vorteile, die es ihnen bringen kann und sie beginnen auch, sich stärker damit zu identifizieren.

Ich arbeite diesen Aspekt in meiner Arbeit besonders heraus, da er verdeutlicht, warum die deutsche Sprache in Chile zwar rückläufig ist, aber immer noch weit davon entfernt, auszusterben. Häufig werden deutschsprachige Minderheiten im Ausland nämlich nach quantitativen Methoden untersucht, zum Beispiel anhand von Fragebögen. Dabei entsteht meistens ein nur scheinbar klares Bild des Sprachverlusts: Die älteste Generation spricht noch Deutsch, die mittlere versteht es, aber spricht kaum, und die Jüngsten verstehen es kaum und sprechen eigentlich kein Deutsch mehr. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn auch die Jüngsten werden älter und ihre Einstellung zur Sprache ändert sich.

 

Und wie steht es Ihrer Meinung nach um die deutsche Sprache in der spanischsprachigen Umwelt Chiles?

Auch wenn das Deutsche keine Sprache der alltäglichen Kommunikation mehr ist, hat es eine recht gute institutionelle Absicherung. Vor allem gibt es eine Vielzahl deutscher Schulen, die oft auch das Zentrum des deutsch-chilenischen Gemeinschaftslebens sind – die diversen deutschen Clubs leiden meistens an Überalterung. Zwar nimmt der Unterricht auf Deutsch in den Schulen deutlich ab und in den meisten Fällen wird überhaupt nur noch das Fach Deutsch selbst auf Deutsch unterrichtet.

Zugleich bieten die deutschen Schulen aber auch den Schüleraustausch mit Deutschland, was meiner Einschätzung nach eines der wichtigsten Erlebnisse für die Schüler ist. Hier erleben sie, was es heißt, in einem fremden Land zu sein und die Sprache zu beherrschen. Hinzu kommt dann bei vielen das Bewusstsein, selbst deutschstämmig zu sein und sich irgendwie nicht ganz fremd in Deutschland (oder Österreich oder der Schweiz) zu fühlen. Das führt dazu, dass viele später im deutschsprachigen Europa studieren oder arbeiten wollen.

Ich glaube also, dass das Deutsche keine Sprache der alltäglichen Kommunikation in Chile mehr sein wird, aber dass es weiterhin eine besondere Bedeutung gegenüber anderen Fremdsprachen haben wird, weil die Identifikation eine besondere Rolle spielt – so wie sie es zum Beispiel für französischstämmige Chilenen sicherlich auch tut.

 

Und die Rolle der deutschsprachigen Zeitung Cóndor?

Dass heute überhaupt noch eine gedruckte deutschsprachige Zeitung in Chile existiert, spricht für das Interesse der Deutsch-Chilenen an ihrer Gemeinschaft und Kultur. Solche Institutionen machen deutlich, dass es ein eigenes Gruppenverständnis und Selbstbewusstsein gibt: Die deutschstämmigen Menschen in Chile sind eben keine Deutsche im Ausland, sondern Deutsch-Chilenen.

 

Wie könnte die deutsche Sprache in Chile mehr gefördert werden?

Der wichtigste Gesichtspunkt hierbei ist meiner Meinung nach, dass die deutsche Sprache für die jüngeren Generationen nicht in erster Linie die Sprache der Großeltern sein sollte, sondern dass sie sich als Kinder und Jugendliche damit identifizieren können. Das funktioniert oft sehr gut, wenn sie (ohne die Eltern) nach Deutschland kommen und das normale Leben dort kennenlernen.

Aber nicht jeder kann sich diese Reise leisten. Daher wird auch das Internet eine immer größere Rolle spielen: Wer seinen Kindern deutsche Serien zeigen will, muss heute nicht mehr auf die Deutsche Welle hoffen, sondern kann sich aus einer riesigen Auswahl auf diversen Online-Plattformen bedienen. Später finden viele Jugendliche Freunde online und können die Freundschaften in Europa ganz einfach pflegen. Die Möglichkeiten bestehen also und ich habe daher nicht den Eindruck, dass das Deutsche in Chile derzeit vom Aussterben bedroht wäre.

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