Friedliche Revolutionen in Chile (1988) und in der DDR (1989)

Die Bedeutung von Bürgerrechtsbewegungen

Norbert Blüm und Juan Carlos Latorre bei ihren Vorträgen, zu denen Schüler und Studenten vom LBI, Insalco sowie der DS Thomas Morus eingeladen waren.
Norbert Blüm und Juan Carlos Latorre bei ihren Vorträgen, zu denen Schüler und Studenten vom LBI, Insalco sowie der DS Thomas Morus eingeladen waren.

 

Als «größte zivilisatorische Leistung der Demokratie» bezeichnete Norbert Blüm deren Errungenschaft, Machtwechsel als «Normalfall des politischen Lebens» erfunden zu haben, ohne Gewalt und ohne Tod. «Eine Errungenschaft – vielleicht nur vergleichbar mit der Erfindung des Rades», sagte er bei einem Vortrag am LBI, wo der einstige Bundesminister (CDU) am 1. Oktober auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit Juan Carlos Latorre (ehemaliger Abgeordneter und jetziger Präsident der Christdemokratischen Organisation Amerikas) über «Friedliche Revolutionen in Chile und in der DDR» sprach.

 

Eingeladen waren Studenten vom LBI und vom Insalco sowie die 10A und 10B der Deutschen Schule Sankt Thomas Morus. Den zeitgeschichtlichen Rahmen bildeten der 30. Jahrestag des Erfolges der No-Kampagne in Chile am 5. Oktober und der deutsche Feiertag der Wiedervereinigung von DDR und BRD am 3. Oktober 1990.

Diese Gemeinsamkeit der beiden Revolutionen, nämlich dass sie auf friedlichem Wege geglückt sind und beiden Ländern die Demokratie zurückgebracht haben, betonte Blüm mehrfach eindringlich und zeigte deutlich seine Hochachtung vor den «Subjekten» dieser Revolutionen: dem Volk. Menschen seien ihren Idealen gefolgt und ihr Erfolg habe gezeigt, dass man mit Idealen die Welt verändern könne, so Blüm.

 

Höflichkeitsbesuch und Menschenrechte

Dass der Bundesminister a. D. nicht nur ein Unterstützer der Freiheitsbewegungen in der DDR und in Osteuropa war, sondern auch die Situation in Chile aufmerksam beobachtet und einen aktiven Beitrag für die Menschenrechte geleistet hat, wird deutlich, als er seinen Zuhörern von seiner Begegnung mit Augusto Pinochet berichtet. So habe er 1987 «unter dem Vorwand eines Sozialabkommens» einen «Höflichkeitsbesuch» bei Pinochet geleistet; im Vorraum sei er vom begleitenden deutschen Botschafter gefragt worden, was er denn besprechen möchte.

Seine damals gegebene Antwort und die Reaktion des Botschafters erzeugen Heiterkeit im Publikum: «`Menschenrechte`, habe ich gesagt, da hat er einen kleinen Nervenzusammenbruch bekommen.» Entsprechend klar formulierte Blüm dann auch seinen Eingangssatz, denn – diesen Rat gibt er seinen jungen Zuhörern mit auf den Weg – wenn man kritisieren und für etwas kämpfen wolle, dürfe man sich niemals auf konventionelle Höflichkeiten einlassen: «Herr Präsident, ich komme mit großem Respekt für das chilenische Volk und mit ebenso großer Verachtung für die Folter, die hier herrscht.» Das habe gesessen, im weiteren Gespräch konnte Blüm die ihm wichtigen Kritikpunkte deutlich machen. Kein Grund auf der Welt rechtfertige Folter, mahnte Blüm, der damals selbst mit Folteropfern der Pinochet-Ära gesprochen hat.

 

Große Fragen müssen global gelöst werden

Gerade als Deutscher, vor dem Hintergrund des Unrechts der Nationalsozialisten, habe man die Verpflichtung mitzuarbeiten an einer Welt, in der niemals wieder gefoltert und in der niemals wieder vergast wird. Wiedergutmachen könne man das geschehene Unrecht nicht, aber man könne sich mit aller Kraft für eine bessere Welt einsetzen. Und dass wir für diese bessere Welt heute gemeinsam zuständig sind, dass heute alle großen Fragen, die unser Leben betreffen, global gelöst werden müssen und dass wir ein gemeinsames Schicksal haben, betonte Blüm immer wieder.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern seien derzeit «neue nationalistische oder religiöse Fanatismen» erkennbar, `America first` mache Schule. «Aber wenn alle `first` sagen, dann gibt es kein `first` mehr», so Blüm. Der globale Terrorismus sei eben nicht mit der nationalen Feuerwehr zu bändigen, die Klimafrage könne nicht über Santiago gelöst werden, der Finanzkapitalismus habe sich längst aus der Kompetenz von Nationen verabschiedet.

«Wir müssen gemeinsam für mehr Solidarität auf der Welt sorgen und den Abstand zwischen Arm und Reich reduzieren. Die Frage nach Freiheit und Gerechtigkeit ist keine akademische Frage, sondern eine Frage ihres Glücks!», schloss Blüm seinen Vortrag, der noch lange nachhallt und für viel Gesprächsstoff sorgt.

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