Quartett der Albert-Schweitzer-Schule in Deutschland

Unerwarteter Quantensprung

Auf dem Hof der Albert-Schweitzer-Schule: Christian Kroneberg, Geschäftsleiter des DCBs; Schulleiterin Sinara Madalozzo Severino; Vorstandsvorsitzende Sabine Köhler; Reiseleiterin Verónica Tapia und Musiklehrer Christian Castro. Foto: Walter Krumbach
Auf dem Hof der Albert-Schweitzer-Schule: Christian Kroneberg, Geschäftsleiter des DCBs; Schulleiterin Sinara Madalozzo Severino; Vorstandsvorsitzende Sabine Köhler; Reiseleiterin Verónica Tapia und Musiklehrer Christian Castro. Foto: Walter Krumbach

 

Vier Schüler der Albert-Schweitzer-Schule von Bajos de Mena (Puente Alto) unternahmen kürzlich eine zweiwöchige Deutschlandreise (siehe Cóndor-Nr. 4293 vom 20. Juli).

 

Von Walter Krumbach

Die Musik machte es möglich: Im Jahr zuvor hatten fünf Schüler der Emil-Petri-Schule und der Kirchenchor Angelroda eine Chile-Tournee unternommen. Bei ihrem Auftritt in Bajos de Mena kam der Kontakt mit den Albert-Schweitzer-Schülern zustande. Die Besucher zeigten sich von dem Interesse, das die Chilenen ihnen entgegenbrachten, beeindruckt, sodass der Chorleiter Michael Pohle die Initiative ergriff, vier Mitglieder des Jugendorchesters Puente Alto, die zugleich Absolventen der Albert-Schweitzer-Schule sind, nach Deutschland einzuladen.
Bajos de Mena weist landesweit ein denkbar ungünstiges soziales Milieu auf. Der südlich von Santiago gelegene Stadtteil besitzt eine hohe Kriminalitätsrate, wobei der Rauschgifthandel eine bedeutende Rolle spielt. Im Jahr 2003 gründete eine Gruppe Personen in Zusammenarbeit mit der evangelischen Erlösergemeinde allen Widrigkeiten zum Trotz dort die Albert-Schweitzer-Schule. Sie sollte Kindern, die aufgrund ihrer unvorteilhaften Familienverhältnisse aus anderen Schulen ausgewiesen worden waren, die Tore öffnen. Das Gebäude konnte etappenweise gebaut werden. Freundliche Spender ermöglichten ein kontinuierliches Wachstum. Heute betreut die Schule Kinder vom Präkindergarten bis zum 8º Básico.

 

Wunderbarer Empfang

Die Einladung der deutschen Musiker wurde von der Vorstandsvorsitzenden Sabine Köhler, dem Geschäftsführer des DCBs, Christian Kroneberg, und der Inhaberin der Reiseagentur Azul Tierra, Verónica Tapia, aufgegriffen, welche außerdem die nicht zu unterschätzende Aufgabe erfüllte, die nötigen Geldmittel aufzutreiben. Die Präsidentin wählte vier Kinder zwischen 10 und 14 Jahren aus, dazu kam der Musiklehrer Christian Castro und Verónica Tapia, die als Reiseleiterin und Dolmetscherin fungierte.

«Der Empfang war wunderbar», sagt Verónica Tapia, «sämtliche Tätigkeiten, die in Angriff genommen wurden, von Waldspaziergängen bis zu Museumsbesuchen, hatten unsere Gastgeber für die Kinder sorgfältig vorbereitet.» In Leipzig konnten die chilenischen Gäste einen Kinderchor bei der Arbeit beobachten. «Der Unterricht hatte eine für uns völlig neuartige Dynamik», erinnert sich Christian Castro, «die Kinder aus Bajos de Mena erlebten, was mit einer richtig angewandten Disziplin erreicht werden kann. Das hat sich auf sie ausgewirkt, wie wir es nach der Rückkehr an ihrem Verhalten beobachten konnten.»

 

Positive Erfahrung

Der Lehrer betont, dass die Deutschlandreise die vier Kinder nicht nur auf musikalischem Gebiet entwickelt hat, sondern auch einen gesellschaftlichen Profit bedeutet: «Das fällt schon bei den Gesprächen auf, die sie untereinander führen. Früher haben sie sich oft unterbrochen; jetzt dagegen respektieren sie sich. Sie warten, bis der andere ausgeredet hat, bevor sie antworten. Im Unterricht sorgen sie dafür, dass Ruhe herrscht und nicht, wie vorher, als sie sich an der Unordnung aktiv beteiligten. Dazu treiben sie die anderen Kinder an, diese Verhaltensweisen zu befolgen.»

Überhaupt haben die Begleiter eine positive Wendung in den Umgangsformen der Kinder festgestellt: «Wenn sie jemanden begrüßten, guckten sie schüchtern auf den Boden», veranschaulicht Castro, «jetzt macht es ihnen nicht aus, ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen.»

Verónica Tapia fiel beim Reiseantritt auf, dass die jungen Teilnehmer von Angst befallen waren: «Angst vor dem Flugzeug, Angst vor den fremden Leuten, Angst vor dem Unbekannten, das auf sie zukam.» Heute ist im Vergleich ihr Verhalten ein völlig anderes: sie zeigen sich selbstsicher, zufrieden und gelassen.

 

Verstärktes Interesse, um am Orchester mitzuspielen

Nach der Rückkehr des Quartetts änderte sich dazu bei vielen Kindern der Albert-Schweitzer-Schule ihre Meinung über den Englischunterricht. Vorher fanden sie, er sei ein lästiger, sinnloser Zwang. Heute dagegen begreifen sie, wie wichtig es sein kann, mit der englischen Sprache gut umzugehen, für den Fall, dass sie in Zukunft an einem ähnlichen Projekt teilnehmen können.

Die Deutschlandreise der vier Musiker wirkte sich auf ihr Leben wie ein Quantensprung aus. Kein Wunder, dass ihre Erfahrung in der Schule etliche angesteckt hat, ihrem Beispiel zu folgen: «In letzter Zeit haben wir viele Anträge erhalten, um im Orchester mitzuspielen», hat Christian Castro feststellen können.

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