Plattentektonik bis die Beine zittern

DAV-Aufstieg zum Berg Puntiagudo

Puntiagudo Berg Anden
Blick auf den 4.126 Meter hohen Puntiagudo im Cajón del Maipo. Der Gipfel läuft spitz zu und gab dem Berg seinen Namen.

 

Der Berg Puntiagudo liegt nicht weit entfernt von Santiago am Ende vom Cajón del Maipo, er ist mit 4.126 Metern nicht übermäßig hoch und er wurde 1935 von Juan Meissner und Gustavo Lange erstmals bestiegen. Das waren drei gute Gründe, es den beiden früheren Mitgliedern des Deutschen Andenvereins (DAV) gleich zu tun.

Von Arne Dettmann

Und so machten wir – Renato Mertens, Alejandro Lifschitz, Arne Dettmann – uns morgens in der Hauptstadt auf den Weg und fuhren durchs Tal an der Ortschaft Baños Morales vorbei bis zu den Termas de Colina. Von dort ist bereits der spitz zulaufende Gipfel zu sehen, dem der Berg seinen Namen verdankt.

Anden
Blick vom Puntiagudo aus gen Norden auf die Anden

Über mehrere Hänge gelangen wir langsam nach oben; immerhin sind 1.500 Höhenmeter zu überwinden. Hinter uns erhebt sich der mächtige Vulkan San José, mit 5.856 Metern ein wahrer Koloss, dessen Krater über leichten Wolkenfäden hervorsticht. Trotz vieler Jahre des Bergsteigens, so Renato Mertens, habe der Anblick der majestätischen Anden nichts von seiner Großartigkeit eingebüßt und wirke immer aufs Neue überwältigend.

Fossil Anden
Teile eines Meerestieres als fossiler Überbleibsel in den Anden.

Eindrucksvolles gibt es aber auch in sehr kleinem Maßstab zu bewundern. Auf einem Plateau verstecken sich haufenweise Fossilien im Geröll. Wer zwischen den Steinen sucht (lateinisch fossilis=ausgraben), der findet Zeugnisse vergangenen Lebens in Form von Ammoniten, auf Deutsch auch als Ammonshörner bekannt aufgrund der spiralförmigen Windung des Gehäuses. Diese Weichtiere lebten über einen Zeitraum von 350 Millionen Jahren und starben dann vor rund 66 Millionen Jahren aus. Doch wie gelangte nun dieser Muschel-Schnecken-Vertreter, der mit Kiemen ausgestattet den Sauerstoff aus dem Meereswasser filterte, hier in eine Höhe von mehr als 3.000 Metern?

Fossil Stein
Fossiler Abdruck auf einem flachen Stein

Eine Antwort liefert der deutsche Meteorologe und Geowissenschaftler Alfred Wegener (1880-1930). Laut seiner Theorie der Kontinentalverschiebung traf vor 150 Millionen Jahren die ozeanische Nazca-Platte auf die südamerikanische Platte und begann erste Sedimentgesteine emporzuschieben. Vor 60 Millionen Jahren wurde der Druck dann so stark, dass immer mehr Gesteinsmassen aufgetürmt wurden. Über Jahrmillionen entstanden somit die Anden, die übrigens noch wachsen, jährlich irgendwo im Millimeterbereich.

Die zweite Antwort kommt aus der Fossilisationslehre. In einem komplexen Vorgang aus Tod, Zersetzung und Einbettung des Körpers in Sand und Schlamm verwandelt sich der entgaste Körper in ein festes Gestein, oftmals unter hohem Druck und hoher Temperatur. Die auf dem Meeresgrund abgelagerten Muscheln, Ammoniten und Korallen wurden schließlich als Schicht im Zuge der Gebirgsbildung nach oben gedrückt – und dort finden Bergsteiger und Fossilienjäger in luftiger Höhe heute unzählige versteinerte Meerestiere, sowohl in den Anden als auch in den Alpen.

Fündig wird man zudem im Tal hinter der DAV-Berghütte Lo Valdés. Doch hier am Puntiagudo wimmelte es geradezu von zentimeter- bis Handteller großen Fossilien. Eine ganze Tüte voll davon konnten wir aufsammeln. Deren Mitnahme ins Ausland ist allerdings laut dem Gesetz zum Schutz des Kulturerbes nicht gestattet. Der Denkmalschutz wiederum erlaubt nicht einmal die Versteinerungen von ihrem Fundort wegzubringen.

Während wir uns also Schritt für Schritt auf paläontologischem Boden fortbewegten und einige kleine Schneefelder überquerten, erreichten wir die südliche Flanke des Berges. Hier wehte es heftig, so dass wir versuchten, schnell weiterzukommen. Das war allerdings leichter gesagt als getan.

Durch eine enge, bröcklige Felsrinne kletterten wir nach oben, wo wir auf riesige Felsplatten trafen. Deren Steigungswinkel muss vielleicht zwischen 40 bis 45 Grad liegen, so dass Krabbeln angesagt war.

Puntiagudo Berg
Auf dieser Felsplatte beim Puntiagudo heißt es auf allen Vieren krabbeln. Hoch zu steigen war dabei leichter, als wieder herunter zu kommen.

Hatten wir diesen Abschnitt in der Wegbeschreibung unterschätzt? Dort war von einem sehr anstrengenden Teil die Rede, der stark die Waden belasten und zudem weder links noch rechts mit einem Plätzchen für eine Pause aufwarten würde. Der Wunsch den Gipfel zu erreichen trieb uns weiter an, doch irgendwann kam der Gedanke auf, dass wir dieses schwierige Stück auch wieder herunter mussten. Schutzhelme gegen Steinschlag hatten wir zwar mitgenommen, aber ein nun nützliches Seil Zuhause gelassen.

Kurzer Krisenrat, dann die Entscheidung: Rückzug – obwohl nur noch 80 Meter fehlten. Aber was nützt es, wenn die Katze aufs Dach steigt, dann aber von alleine nicht mehr herunter kommt? Der Abstieg auf Wegeners Platte wurde dann auch zur wahren Tortur. Vierbeinig ging es in Käferstellung mit dem Gesicht zur Wand abwärts. Und bloß nicht nach unten gucken! Ich tat es doch. Und der angesammelte Schweiß in den Handschuhen kam nicht nur durch die physische Anstrengung zustande.

Zu unserer Ehrenrettung muss man sagen, dass wir nicht ganz so lange brauchten, wie die Fossilien bei ihrem Aufstieg vom Meeresboden in die Andenhöhen benötigten. Nach elfeinhalb Stunden war die Bergtour beendet. Puntiagudo, wir kommen wieder: Nächstes Mal mit noch größeren Tüten für die Fossilien. Und mit einem Seil.

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