Provokationen und Beißattacken

Wer einmal seinen Titel verloren hat, der kommt nie mehr zurück. – So lautete ein ungeschriebenes Gesetz im Boxen. Die zwei herausragenden Kämpfer Muhammad Ali und Mike Tyson überzeugten die Zuschauer vom Gegenteil.

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Joe Frazier hatte Muhammad Ali 1971 im «Kampf des Jahrhunderts» besiegt. Doch schon im Jahr 1973 verlor Frazier seinen WM-Titel gegen George Foreman, den Olympiasieger von 1968. Im Januar 1974 triumphierte Ali in einem Rückkampf über den entthronten Frazier. Das machte den Weg frei für die Herausforderung des amtierenden Weltmeisters George Foreman.

Die meisten Sportjournalisten sahen für den damals 32-jährigen Ali keinerlei Chance, gegen den jüngeren Foreman zu bestehen. Vielmehr rechneten sie mit einem schnellen K.-o.-Sieg des Titelverteidigers. Einige Sender planten bereits Abschiedsbeiträge für den bekannten Boxer auszustrahlen.

«Rumble in the Jungle» («Kampf im Dschungel») ging in die Boxgeschichte ein. Am 30. Oktober 1974 trafen Ali und Foreman in Kinshasa – damals Zaire, heute Kongo – aufeinander. Box-Promoter Don King organisierte als Rahmenprogramm ein Großkonzert mit James Brown, B. B. King und anderen; Diktator Mobutu Sese Seko finanzierte das Ereignis als eine Werbemaßnahme für sein Land und Afrika. Der Kampf selbst begann um vier Uhr morgens, damit die US-amerikanischen TV-Sender aufgrund der Zeitverschiebung live übertragen konnten.

Ali überraschte sowohl Foreman als auch das Publikum. Anders als gewohnt wich er nicht mit tänzelnden Bewegungen den harten Schlägen aus, sondern ließ sich freiwillig in die Seile drängen, wobei er sich weit nach hinten lehnte und damit seinen Kopf außerhalb der Reichweite von Foremans Fäusten brachte. Obwohl sein Trainer ihm zurief, er solle unbedingt weg aus den Seilen, hielt Ali an der «Rope a Dope»-Taktik («Verweil am Seil») fest.

Foreman war in 40 Profikämpfen ungeschlagen; 37 davon hatte er durch K.o. beendet. Dabei hatte er nicht länger als fünf Runden im Ring gestanden. Und somit überforderte ihn diese neue Situation. Er baute konditionell ab, während Ali nun aus der Deckung heraus Konter setzte. Das zeigte Wirkung, Foreman verlor körperlich als auch psychisch die Fassung. An den gewohnten Provokationen fehlte es freilich nicht: «Ist das alles, George? Ich habe mehr erwartet! Ist das alles, was du drauf hast?»

Der ungestüme Foreman schlug wie wild auf Alis Körper ein, ohne jedoch etwas Wirkungsvolles auszurichten. Ali wich aus, klammerte und steckte Treffer scheinbar unbeeindruckt weg. Offenbar war sich Ali bewusst, dass er den körperlich überlegenen Foreman nicht auf die gängige Weise niederringen konnte.

Zum Ende der achten Runde schlug Ali mit zwei schnellen Links-rechts-Kombinationen und neun aufeinander folgenden Kopftreffern Foreman nieder. Der brauchte zu lange, um wieder aufzustehen. Der Kampf war entschieden, und Ali hatte den ihm sieben Jahre zuvor aus politischen Gründen aberkannten Titel zurückgewonnen. Und er brach mit dem ungeschriebenen Gesetz «They never come back» («Sie kommen nie zurück»).

Beim «Rumble in the Jungle» ging es mehr als nur ums Boxen. Ali erwarb sich durch seine Kontaktfreudigkeit und mit seinem Charisma die Sympathien der Menschen auf den Straßen, vor allem der Kinder, so dass er mit dem Spruch «Ali, boma ye!» («Ali, töte ihn!») angefeuert wurde. George Foreman trat dagegen mit einem deutschen Schäferhund auf, was an die belgische Kolonialpolizei erinnerte und natürlich nicht gut ankam. Auf der einen Seite stand Ali, der die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den 60er Jahren unterstützt und den Vietnamkrieg abgelehnt hatte; auf der anderen Seite Foreman als ignoranter, arroganter US-Amerikaner.

Muhammad Ali konnte in der Folgezeit zwar seinen Titel mehrmals verteidigen. Doch mit 36 Jahren erklärte er schließlich seinen Rücktritt vom Boxsport. Zu der Zeit war seine Aussprache aufgrund der Parkinson-Krankheit schon undeutlich geworden.

 

Mike Tyson

Der bislang jüngste Boxer, der einen Weltmeistertitel im Schwergewicht erringen konnte, war Mike Tyson. Der New Yorker war gerade einmal 20 Jahre und 144 Tage alt, als er 1986 mit einem K.-o.-Sieg in der zweiten Runde den WBC-Weltmeister Trevor Berbick bezwang. Wenig später holte sich «Kid Dynamite»(«Dynamit-Junge») auch den WBA-Gürtel und 1987 die IBF-Trophäe. Er war damit der erste Weltmeister, der gleichzeitig von den drei Boxverbänden WBC, WBA und ICF anerkannt wurde.

Viele Boxexperten sahen Tyson in einer Liga mit solchen Größen wie Joe Louis und Muhammad Ali. Aufgrund seiner spektakulären Siege erreichte Tyson eine enorme Popularität. Sein Boxstil zeichnete sich durch besondere Härte seiner Schläge und Aggressivität aus, was ihm auch den Spitznamen «Iron Mike» («Eiserner Mike») einbrachte.4090_p13b

Bei seinem «Peek-a-Boo»-Vorgehen (abgleitet vom «Guckguck»-Kinderspiel) werden die Hände vor dem Gesicht gehalten und von dort aus Schläge ausgeteilt. Das erlaubt gleichzeitig Schutz und schnelles Ducken sowie vertikale Ausweichmanöver. Tyson perfektionierte diesen Stil mit einer ausgesprochenen Dynamik, Wucht und Explosivität. Seine «Blitzsiege» verstärkten den Mythos von der Unbesiegbarkeit. Sein Image als «Bad Boy» trug dann wohl auch dazu bei, dass sich nicht wenige Gegner vor seiner Urgewalt fürchteten.

Fast zwei Dutzend Mal verteidigte Tyson seine Titel in den 80er Jahren. Manche Herausforderer wie Michael Spinks fegte er innerhalb von nur 91 Sekunden aus dem Ring. Tyson kassierte für diesen Sieg die damals höchste Kampfbörse der Geschichte von 22 Millionen US-Dollar. Es war der Höhepunkt seiner Karriere, niemand schien eine Chance gegen «Iron Mike» zu haben.

Private Probleme, Anklage wegen sexueller Belästigung und Körperverletzung sowie ein verändertes Training leiteten den Niedergang vom hohen Leistungsniveau ein. Am 10. Februar 1990 kam es zur Sensation: Der haushohe Favorit und erfolgreiche Titelverteidiger verlor den Kampf gegen James «Buster» Douglas. Unvergesslich die kurze Szene, als Mike Tyson versuchte, seinen herausgefallenen Mundschutz wieder aufzuheben und ihn in den Mund zu stecken. Im Frühjahr 1992 wurde Tyson schließlich der Anklage wegen Vergewaltigung für schuldig befunden und zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Das war das vorläufige Aus.

Umso erstaunlicher sein Comeback: Im März 1995 wurde Tyson aus der Haft entlassen, im August stieg er wieder in den Ring und schlug seinen Gegner in nur 89 Sekunden K.o. Im März 1996 wurde er erneut Weltmeister des WBCs. Tyson strich dabei 30 Millionen US-Dollar Rekordgage ein, das Fünffache des Titelverteidigers. Davon konnten andere hochrangige Schwergewichtsboxer nur träumen. Doch der Höhenflug währte nicht lange.

Nur zwei Monate später musste sich Tyson dem Herausforderer Evander Holyfield stellen. Der krasse Außenseiter überstand Tysons gefürchtete Hakenserien schadlos. Tyson wiederum fand bei fortschreitender Rundenzahl einfach kein Rezept gegen Holyfield. In der zwölften Runde nahm der Ringrichter Tyson nach schweren Treffern vom Platz. Der Rückkampf im Juni 1997 erreichte traurige Berühmtheit: Tyson wurde nach drei Runden disqualifiziert, weil er seinem Gegner ein Stück des rechten Ohres abbiss. Die Beißattacke schädigte Tysons Reputation erheblich. Das Ring-Magazin sprach von der furchterregenden Schlagkraft eines großen Boxers, der aber den Charakter eines Schulhof-Raufboldes habe. Im Juni 2003 erklärte Tyson seinen finanziellen Bankrott, obwohl der in seiner Boxlaufbahn 300 Millionen US-Dollar verdient hatte.

 

Der Beste der Besten

Derzeitige Nummer eins im Schwergewicht ist der Ukrainer Wladimir Klitschko. Er hält die Titel vom IBF, WBO, WBA und IBO. Doch er ist noch nicht der erfolgreichste Boxer aller Zeiten. In der Rangliste BoxRec kommt – ungeachtet der Gewichtsklassen –Muhammad Ali auf Platz drei, Sugar Ray Robinson auf Platz zwei und Archie Morre auf den ersten Platz. Das Ring-Magazin kürt allerdings Sugar Ray Robinson regelmäßig zum besten Boxer aller Zeiten. Der US-Amerikaner (1921-1989) bestritt in der Gewichtsklasse Weltergewicht sage und schreibe 203 Kämpfe; 175 gewann er.

 

Ende der Serie

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