Papier ist geduldig

Lesen bildet. Und wenn dieses Sprichwort wahr ist, dann sieht es im World Wide Web nicht gerade gut aus. Laut Untersuchungen des Dachverbandes der Zeitungsverbände und Medienhäuser verbringen Internetnutzer weniger als ein Prozent ihrer Zeit auf digitalen Nachrichtenseiten. Und: Leser verweilen deutlich kürzer auf digitalen Nachrichtenseiten als Zeitungsleser in gedruckten Ausgaben.

Nun muss man nicht unbedingt auf Online-Zeitungen zurückgreifen, um sich beim Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten. Es gibt ja noch die so beliebten sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und diverse Internet-Foren.

Doch auch hier Fehlanzeige. Untersuchungen vom Institut für Kommunikationswissenschaft (IfK) an der Technischen Universität Dresden haben ergeben, dass die traditionellen Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio sowie die Internetseiten von diesen genannten Anbietern die Nachrichtenquelle Nummer eins bilden. «Die Inhalte in Internet-Foren sind oftmals sehr einseitig und interessengebunden und basieren nicht auf einer fundierten, geprüften Recherche», erklärte IfK-Leiter Professor Dr. Wolfgang Donsbach bei einem Vortrag in Santiago de Chile vor knapp zwei Jahren.

Aufschlussreich ist auch eine Untersuchung, die an der University of Oregon 2011 durchgeführt wurde. Zwei Studentengruppen sollten jeweils nur die Printausgabe sowie die Online-Version der «New York Times» durchgehen. Im Anschluss wurden sie danach befragt, was bei ihnen hängengeblieben war. Das Fazit: Die Leser des gedruckten Wortes konnten sich später deutlich mehr an Themen und Inhalte erinnern.

Offenbar ist Lesen im Internet wie das Internet selbst: schnelllebig und flüchtig. Vieles Herumklicken, Seitenblättern und Videos von Katzen anschauen erhöhen jedenfalls nicht die Informationsvermittlung.

Auch Renate Köcher vom Allensbacher Institut für Demoskopie kritisiert, dass das Internet eine Selektion entlang eigener Interessen verschärfe. So gebe ein Internetblog den Lesern nur das, was sie wollen; und lasse sie darüber schreiben, was sie wollen. Der Zeitungsleser hingegen finde beim Durchblättern auch Informationen, nach denen er gar nicht gesucht hat und die sein Wissensspektrum erweitern. Papier ist eben geduldig – und das Internet etwa intellektuell anspruchslos?

Aber wahrscheinlich kommt alles auf den Leser selbst drauf an. Wolfgang Donsbach skizzierte die Entwicklung hin zu einer medialen Drei-Klassen-Gesellschaft: Die Basis bilde zukünftig die große Masse eines «kommunikativen Proletariats», das nur an seichtem Zeitvertreib durch Medien Spaß habe. Dann gebe es eine Mittelschicht, die Informationen mit leichter Unterhaltung haben wolle: das Infotainment. Und schließlich komme eine kleine, gut informierte Elite. Diese suche nicht in Internet-Blogs nach unverlässlichen Halbwahrheiten, sondern vertraue den Informationen des professionell gemachten Journalismus.

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